Foto: Städel Museum Frankfurt am Main

Eine Sternstunde der Historienmalerei

Von 7. Juli 2010 Aktualisiert: 7. Juli 2010 9:16

Für die einen war es „die Krone aller Gemälde“, für die anderen „eine gute Empfehlung für Motten und Wanzen“: Selten wurde ein Gemälde so überschwänglich gelobt und beschimpft wie Carl Friedrich Lessings „Johann Hus zu Konstanz“ von 1842. In der explosiven Stimmung des Vormärz, den Jahren vor der 1848ger Revolution, wurde es politisiert, absichtlich missverstanden und als Angriff auf die katholische Kirche gewertet. Als das Staedelmuseum das Gemälde 1843 ankaufte ohne Direktor Philipp Veit zuvor zu fragen, war dies für ihn ein Grund, empört zurückzutreten.

Erstaunliche Erzählkraft

Gespannte Stille zieht einen an und unweigerlich ins Bildgeschehen hinein, hat man den ersten , täuschenden Eindruck überwunden. Denn von fern vermutet man Langeweile auf 3 x 4,5 Metern: Ziemlich viel grau und braun, kein spektakuläres Sujet, lediglich eine Versammlung von Männern, der Herausragendste trägt Dunkelbraun.

Worum es eigentlich geht …

Er ist weder Heros noch Heiliger, ein ganz normaler Mensch, der spricht. Hoch konzentriert und ernst, mit der rechten Hand am Herz und mit der linken auf ein riesiges Buch gestützt, ist er ehrlich bemüht seine Gedanken in Worte und für die Zuhörer verständlich zu fassen.

Sein Auditorium ist illuster: Geistliche verschiedener Ränge, dargestellt in Prachtgewändern und unterschiedlichem Alter; durch die Lebensgröße der Figuren erhält jeder Einzelne Gewicht. Schaut man sie von Nahem an, sieht man, wie genau sie charakterisiert wurden und wie ihnen der Maler geradezu ihre Gedanken ins Gesicht malte: Auch zufällig Hinzugekommene werden als Zuhörer involviert und keiner kommt umhin, sich eine persönliche Meinung über den Redner zu bilden.

Es ist der böhmische Priester und Philosoph Jan Hus, der seine Überzeugungen vor dem Konstanzer Konzil darlegt. Er wurde als Ketzer zum Feuertod verurteilt und verbrannt. Lessing zeigt ihn als einen Mann, der den friedlichen Dialog mit den Mächtigen sucht.

Meisterhafte Psychologie

Ein Alter im Vordergrund scheint erstaunt:“Unglaublich, was der sich traut“ sagt seine Körpersprache, indem er sich mit beiden Händen am Lehnstuhl festhält. Ein anderer überlegt resigniert, dass Kinn in die Hand gestützt und sein Blick fällt ins Leere. Die Reaktionen reichen von Sympathie bis offenem Hass. Mehreren steht ein „dieser Mann ist gefährlich!“ ins Gesicht geschrieben. Einer der drei roten Kardinäle, die als Richter vor Hus sitzen, blickt fragend zu seinen Beisitzern: „Was nun?“.

Der dicke Bischof in Weiß schaut süffisant und gelangweilt. Er lehnt sich zurück um dem hinter ihm Stehenden eine Anweisung zu geben. Sein selbstzufriedener Gesichtsausdruck verrät, dass er nicht im Traum daran denkt, den Redner und sein Anliegen Ernst zu nehmen. Er hat sein Urteil bereits gefällt und vielleicht ist das Dokument, das er in Händen hält bereits das Todesurteil.

Noch nach 400 Jahren brisant

Jan Hus (1372- 1415) hatte im tschechischen Volk viele Unterstützer und der Mord an ihm löste die Hussitenkriege aus. Ähnlich wie später Martin Luther hatte er sich gegen die Korruptheit der katholischen Obrigkeit gewannt – und gerade dieser Punkt war im 19. Jahrhundert noch immer brisant genug, um ein Gemälde über Hus zum Skandal zu erklären.

Hus kam zum Konzil von Konstanz mit der Bereitschaft, all seine Lehren zu widerrufen, falls man ihm anhand der Bibel ihre Fehlerhaftigkeit beweisen könne (weshalb Lessing ihn mit der aufgeschlagenen Bibel darstellt). Er wollte seine Zeitgenossen zu Aufrichtigkeit ermutigen und suchte keineswegs Streit.

Doch ähnlich wie Hus ging es 400 Jahre später seinem Maler: Man weigerte sich, ihn zu verstehen. Nach der Veröffentlichung des Gemälde sah sich Lessing mit übermäßiger Kritik konfrontiert, denn es schwelte gerade ein Konfessionsstreit zwischen dem protestantischen Preußen und seiner katholischen Provinz, dem Rheinland. Sogar Wilhelm von Schadow, Lessings langjähriger Lehrer und Förderer, wandte sich öffentlich gegen ihn: „Der Gegenstand ist mir zuwider und noch mehr seine Ausführung, indem diese direkt aus dem Parteihass hervorgegangen“.

Lessing betonte immer wieder, dass dies nicht der Fall sei und er mit seinem Gemälde für keine der beiden Seiten Partei ergreifen wollte. An der Anlage der gesamten Szene, lässt sich erkennen, das seine Intention  war, den überzeitlichen Gehalt der Hus-Geschichte herauszustellen. Er vermied bewusst die exakte Darstellung historischer Persönlichkeiten und des Ortes. Aus heutiger Sicht scheint es umso sonderbarer, dass ein Bild, in dem es vor allem um Toleranz und  einander zuhören geht, solch heftige Reaktionen hervorrufen konnte.

Die Darstellung des Hus

Da Lessing ein Panorama der unterschiedlichsten Affekte und Absichten in den Gesichtern widerspiegelte, musste er Hus als offenherzigen und unverdorbenen Menschen zeigen.

Lessing stellte sich seinen Helden ähnlich wie ein anonymer Meister des 16. Jahrhunderts vor, der Hus (von dem kein verlässliches Porträt existiert) ein schmales Gesicht mit großer Nase gab. Ruhig und ehrlich im Ausdruck hält er die Hand aufs Herz, den Ort von dem seine Worte kommen. Die Schlichtheit seiner Kleidung fällt auf, insbesondere das er der einzige braun gekleidete ist.

Braun als Verschmelzung der beiden Komplementärfarben Rot und Grün wird plötzlich zum neutralen Farbe in mitten des polarisierenden Rot und Weiß der Geistlichen. Es wird zum Symbol für das Überwinden der Extreme. Durch diese Farbgebung kehrt Lessing auch unsere Erwartungshaltung um: Normalerweise erwartet man eine Hauptperson in strahlenden Farben und Nebenfiguren in moderateren Tönen. So wird der bescheidene Hus aus dem übermächtigen Umfeld hervorgehoben.

Vernachlässigter Lessing

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Interessanterweise schätzt man in Lessing heutzutage mehr den Landschaftsmaler, als den großartigen Psychologen und genialen Interpreten historischer Themen, als der er zu Lebzeiten gefeiert wurde. In der Berliner Alten Nationalgalerie hängt seine einst so bewunderte „Hussitenpredigt“, erstes Gemälde der Hus-Trilogie, an äußerst undankbarer Stelle im Treppenhaus. Vielleicht gerade weil hier Religiosität, höchstes Pathos und schwerterklirrendes Mittelalter eine brillante Synthese eingingen, verweigert man ihm die angemessene Bühne. Es gibt also immer noch Vorbehalte gegen Lessings Genius…

Über den Maler

Karl Friedrich Lessing (geb. 1808 Breslau, gest. 1880 in Karlsruhe) war Großneffe des Dichters Gotthold Ephraim Lessing. Er begann seine Karriere als Landschaftsmaler und wurde neben seinem Lehrer und Freund Wilhelm von Schadow zum bedeutendsten Künstler der Düsseldorfer Malerschule. Von 1836-67 malte er ausschließlich deutsche Historienszenen, die ihm internationale Berühmtheit, aber auch heftige Kritik einbrachten. Stets um Geschichtstreue bemüht, arbeitete er mit Hilfe einer riesigen Sammlung von Enzyklopädien und Requisiten.1863 übernahm er die künstlerische Leitung der Kunstschule in Karlsruhe. Ein späteres Angebot für die Leitung der Düsseldorfer Kunstakademie schlug er aus.

Foto: Städel Museum Frankfurt am Main