Marek Janowskis Wagner-Zyklus endet mit „Götterdämmerung“

Von 16. März 2013 Aktualisiert: 16. März 2013 17:39

 

Sekundenlanges Schweigen. Und dann kein Klatschen. Nein, ein „Danke!“ war das erste, was durch den Saal hallte, nachdem der Schlusston von Marek Janowskis Götterdämmerung am Freitagabend in der Berliner Philharmonie verklungen war. Es blieb nicht bei dem einen: Im Beifallregen entfaltete sich wenig später ein „Danke!“-Poster über der Balustrade von Block E.

Die Zuhörer in der ausverkauften Philharmonie feierten das Ende des Wagner-Zyklus mit dem dritten Tag von Richard Wagners Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“. Es ging ihnen darum, noch einmal die Erfolgsgaranten der Aufführungsserie zu genießen: Das waren einmal mehr das hochmotivierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und der flotte Stil von Marek Janowski, der klarmacht, dass es am Dirigenten liegt, wie lang- oder kurzweilig einem so ein Wagner vorkommt.

Bei Janowskis Götterdämmerung gab es keine Länge, keine Hänger. Es war ein dynamischer Strom, in dem das Weltendrama seinem Ende entgegenrauschte, trotzdem voll Ungeheuerlichkeit und Düsternis. Große Sinfonik gab es in den Zwischenspielen. Siegfrieds Rheinfahrt und der zweite Akt gelangen regelrecht schmissig. Vor allem war es ein Abend der Emotionen, kleine Schönheitsfehler wurden großzügig hinweg gefegt. Das Publikum trug die Sänger – egal in welcher Tagesform – mittels seiner Begeisterung durch die Aufführung und verzieh auch den Hornisten. Diese hatten an zwei berühmten Stellen Pech, dafür ließen sie den Sonnenaufgang im zweiten Akt auf´s Allerschönste aufglühen.

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Lance Ryan, der „Sunny Boy“-Siegfried

Liebling des Abends war Lance Ryan als Siegfried. Zwar nicht mit bester Textverständlichkeit, dafür mit nimmermüder Schmetterkraft und sonniger Nonchalance erzählte er die Geschichte eines jungen Mannes, der durch schlechten Einfluss seine Unschuld verliert und zum selbstverliebten Macho wird. Die Selbstentfremdung Siegfrieds stellte er packend dar und der Moment, in dem ihm die Erinnerung zurückkommt, war sein berührendster.

Ihm zur Seite stand Petra Lang, die als Brünnhilde nicht in Top-Form war und vor allem mit den Tiefen der Partie rang. Sie kompensierte schauspielerisch, was ihre Stimme gerade nicht hergab und gewann im Schlussmonolog wieder an Volumen und Reichtum.

Es waren überhaupt lauter Aufwärts-Kurven, die man hören konnte: Auch Edith Hallers Gutrune erreichte in der letzten Szene ihre höchste Intensität und Natürlichkeit. Das Wunderbare an ihr war, dass sie der naiven Verführerin Seele und Facetten verlieh und zur echten Konkurrentin Brünnhildes wurde.

Marina Prudenskaya war eine Waltraute ohne Kompromisse: Fließend und intensiv war ihre Stimme in jeder Lage, durchtränkt vom hochexplosiven Gemisch aus Todesangst und Enttäuschung. Sie, die als Untergangsbotin nur einen unmelodischen Monolog aus Wortfetzen hat, schaffte es, diese vertrackte Partie wirklich zu singen. Was für eine beispielhafte Leistung!

Die strahlendste Stimme hatte Jacquelyn Wagner, die als 3. Norn überragend war: Mit einem geschmeidigen Sopran, der wie ein Stern in der Nacht funkelte und auratischer Gestaltung stach sie ihre Kolleginnen aus, denn Susanne Resmark (1. Norn) wirkte angeschlagen angestrengt, und Christa Mayer sang mit ihrem sanften Mezzo die 2. Norn schön, doch ohne den Part zu verkörpern.

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Ein erloschener Vulkan und ein starker Schwächling

Matti Salminens Auftritt als Hagen war ein Naturereignis, obwohl er einem erloschenen Vulkan glich. Seine Präsenz respekteinflößend, aber nicht mehr bedrohlich. Einzelne urgewaltige Töne, die Überreste seiner Stimme, schleuderte er wie Felsbrocken in den Saal, zwischen Aschewolken aus Flüstern. Wie er beim Mannenchor gegen Chor und Orchester andonnerte, ließ erahnen, welch übermächtiger Hagen er in seiner Glanzzeit war.

Glanzpunkt auch sein Dialog mit Jochen Schmeckenbecher, dem als Sänger/darstellerisch konkurrenzlosen Belcanto-Alberich, der ihm schaurig schön ins Gewissen redete. Eine kurze Szene mit maximaler Wirkung.

Einen idealen Gunther gab Markus Brück, der sonst gerne sehr laut singt. Diesmal brillierte er vorzüglich in kleinlaut. Von der Selbstherrlichkeit bis zur Süffisanz malte er Gunthers Führungsschwäche genüsslich aus. Es war das starke Portrait eines schwachen Charakters.

Bleiben noch das klangschöne und homogene Dreigestirn der Rheintöchter zu erwähnen: Julia Borchert (Woglinde), Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Kismara Pessatti (Floßhilde).

Nur die großartigen Solostimmen (Bassklarinette!) und Instrumentengruppen (Kontrabässe!) des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin kamen vor lauter Standing Ovations für den Dirigenten und das Ensemble nicht mehr zum Zug. Aber das machte nichts. Dieser Abend war, wie der gesamte Wagner-Zyklus, ein Teamwork auf der Basis von allseitigem Respekt. Indem Marek Janowski in seiner Konzertreihe Wagners Musik pur und ohne Nebengedanken zelebrierte, wurde es Künstlern und Zuhörern wieder einmal möglich, die Faszination Wagner gemeinsam anstatt auf getrennten Standpunkten zu erleben. Für diese gemeinsamen Glücksmomente sagte das Publikum „Danke!“.

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