„Musik ist eine Kunst, die alle Grenzen überschreitet“

Von 9. Februar 2010 Aktualisiert: 9. Februar 2010 2:49
Der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper erhält die Auszeichnung für sein Lebenswerk als Pianist, Dirigent und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra.

Am 19. Februar erhält Daniel Barenboim bei einem Festakt in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz München den mit 30.000 Euro dotierten Deutschen Kulturpreis der Stiftung Kulturförderung. Der 67-jährige Dirigent soll damit für sein herausragendes Lebenswerk als Pianist, Dirigent und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra für Völkerverständigung im Nahen Osten geehrt werden. Die Stiftung Kulturförderung wurde 1985 vom Münchner Verleger Roland Wolf gegründet. Wolf wollte mit der Auszeichnung einen „Deutschen Nobelpreis für Kultur und Natur“ schaffen. In diesem Jahr wird der Kulturpreis nach mehrjähriger Pause zum elften Mal verliehen.

Vom musikalischen Wunderkind zum Weltstar

Daniel Barenboim wurde 1942 als Sohn jüdischer Immigranten in Buenos Aires geboren. Er erhielt dort ersten Klavierunterricht von seiner Mutter und darauf folgend vom Vater, welcher sein einziger Lehrer vorerst blieb. Schon 1950 als gerade mal 7 Jähriger gab er in Buenos Aires sein erstes Konzert und wurde als pianistisches Wunderkind bekannt. Seine Eltern brachten ihn bald darauf nach Salzburg wo er als jüngster Teilnehmer Igor Markevichs Dirigentenklasse besuchte. Barenboim gab dort auch Klavierkonzerte und traf 1954 auf seinen späteren Mentor Wilhelm Furtwängler. Dieser schwärmte: „Der elfjährige Barenboim ist ein Phänomen!“ Furtwängler half dem jungen Pianisten sich schnell zu etablieren.

Bei Nadia Boulanger in Paris studierte Wunderkind Barenboim 1955-1956 weiter das Dirigieren. Er konzertierte dort auch als Pianist unter der Leitung von ganz Großen wie Arthur Rubinstein und Leopold Stokowski. Unter Stokowskis Leitung gab Barenboim 1956 in der renommierten Carnegie Hall in New York sein Piano Debüt. Vier Jahre später spielte er in Tel Aviv alle Piano Sonaten Beethovens auf, wo er dann 1962 als gerade Mal 20 Jähriger mit dem Israelischen Philharmonischen Orchester sein Debüt als Dirigent gab.

In den darauf folgenden Jahren erlebte Barenboim eine märchenhafte Karriere. Sowohl als Pianist wie auch als Dirigent war er gefragt und bereiste voller ungebremster Schaffenskraft die Welt. Mit dem English Chamber Orchestra spielte er 1964 in London, Paris und New York sämtliche Konzerte für Klavier von Wolfgang Amadeus Mozart. Auch leitete er als bald mit großem Erfolg die großen Orchester der Welt. 1973 wurde er Dirigent des Orchestre de Paris. 1981 debütierte er mit Taktstock und Richard Wagners „Tristan und Isolde“ in Bayreuth. Bemerkenswert auch seine Einspielung der 32 Sonaten und der fünf Konzerte für Klavier Ludwig van Beethovens, einmal als Pianist unter der Leitung von Otto Klemperer, einmal als Dirigent mit Arthur Rubinstein am Flügel. 1989 legte er die Leitung des Orchestre de Paris nieder, übernahm dann 1991 die Leitung des Chicago Symphony Orchestra und wurde ein Jahr später Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden wo er bis heute tätig ist.

West-Eastern Divan Orchestra und der Nahostkonflikt

Im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt 1999 in Weimar gründete Daniel Barenboim gemeinsam mit dem in Palästina geborenen amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said und dem Generalbeauftragten der Europäischen Kulturhauptstadt Bernd Kauffmann ein erstaunliches Orchester. Es setzt sich aus jungen Musikern im Alter von 14 bis 25 Jahren zusammen die allesamt aus verschiedenen Ländern der krisengebeutelten Region des Nahen Osten kommen.

Ziel des Projekts ist den Dialog zwischen den Völkern des Nahen Ostens durch Erfahrungen des gemeinsamen Musizierens und Zusammenlebens zu ermöglichen und zu fördern. Die drei Initiatoren benannten das Orchester nach Johann Wolfgang von Goethes Gedichtsammlung  „Westöstlicher Divan.“ „Goethe war einer der ersten Deutschen, der wirklich an anderen Ländern interessiert war“ erklärt Barenboim „Als er Arabisch lernte, war er über 60 Jahre alt.“

So werden nun alljährlich junge palästinensische, israelische, syrische, ägyptische und andere semitische Instrumentalisten von der Stiftung eingeladen um nebeneinander zu musizieren. Die ersten Arbeitsphasen fanden in Weimar und Chicago statt. Seit 2002 ist der Hauptsitz des Orchesters in Sevilla in der spanischen autonomen Region Andalusien. In dessen Provinz Granada lebten vor Jahrhunderten Juden, Muslime und Christen beispielhaft friedlich und sich gegenseitig bereichernd zusammen. Die jungen Musiker des West-Eastern Divan Orchesters kommen nun jeden Sommer für ein zehntägigen Probenphase mit Vorträgen und Diskussionen in Sevilla zusammen, bevor sie dann gemeinsam auf eine internationale Konzerttournee gehen.

In den Jahren seines Bestehens hat das Projekt immer wieder belegt, dass Musik vermeintlich unüberwindbare Barrieren abbauen kann. Der einzige politische Aspekt der Arbeit des West-Eastern Divan Orchestra ist die Überzeugung, dass es keine militärische Lösung des Nahostkonfliktes geben kann und das die Schicksale von Israelis und Palästinensern untrennbar miteinander verbunden sind. Wenn man gemeinsam musiziert so muss man aufeinander hören sonst gelingt das Konzert nicht. Barenboim ist fester Überzeugung, dass eine Kultur des gegenseitigen Zuhörens möglich wird.

„1999 war ich hier der Jüngste und noch ziemlich naiv“, berichtet ein jordanisches Orchester-Mitglied. „Israelis waren für mich noch nicht einmal Menschen. So habe ich das als kleiner Junge gesehen: Mit denen befasst man sich nicht, die müssen ausgeschlossen werden. Alles, was wir in Jordanien von ihnen wahrnahmen, war das Töten und äußerste Brutalität. Und hier traf ich Leute, die dieselben Interessen hatten wie ich und ein relativ ähnliches Leben führten. Das veränderte meine Vorstellung davon, was einen Menschen ausmacht.“

Auf den Prinzipien von Gleichheit, Kooperation und Gerechtigkeit für alle beruhend, versteht sich das Orchester als ein Alternativmodell zur derzeitigen Situation im Nahen Osten. Bisherige Konzerte führten das Orchester unter anderem in die Berliner Philharmonie, das Teatro alla Scala in Mailand, den Musikverein in Wien, die Carnegie Hall in New York, das Tschaikowsky- Konservatorium in Moskau, das Hagia Eirene Museum in Istanbul, den Salle Pleyel in Paris, den Plaza Mayor in Madrid und das Teatro Colón in Buenos Aires sowie in die Generalversammlung der Vereinten Nationen anlässlich der Verabschiedung des Generalsekretärs Kofi Annan am 18. Dezember 2006 in New York. Zudem ist das West-Eastern Divan Orchestra regelmäßiger Gast bei den BBC Proms und den Salzburger Festspielen

Das West-Eastern Divan Orchestra hat zahlreiche CDs und DVDs bei Warner Classics und EuroArts eingespielt, wie einen Konzertmitschnitt aus der Genfer Viktoria Halle (2004), einer Live-Aufnahme von Beethovens Sinfonie Nr. 9 aus der Berliner Philharmonie (2006) sowie das symbolträchtige Konzert im Kulturpalast von Ramallah (2005). Die Dokumentation „Knowledge is the beginning“ wurde mehrfach international ausgezeichnet, so mit einem Emmy Award im Jahr 2006.

Historisches erstes Gastspiel von Barenboim in Kairo

Trotz vehementer Proteste von Islamisten und Nationalisten gab Barenboim in Ägyptens Hauptstadt Kairo am 16 April 2009 ein Gastspiel von historischer Dimension. Warum Proteste? Auf der einen Seite ist Barenboim ein musikalischer Weltstar den man sich nicht entgehen lässt. Auf der anderen Seite ist er aber ein Bürger vom ungeliebten Nachbarland Israel. „Die Zionisten sind bei uns nicht willkommen – ohne Ausnahme. Der Friedensvertrag von Camp David war vom Volke nicht gewollt.“ Verbitterte Aussagen waren von muslimischer Seite zu hören.

Barenboim trat unbeirrt an und sprach in der Kairoer Oper abends zum Publikum: „Musik verbindet die Menschen und kennt keine Feindschaften. Ich komme aus Israel, bin aber auch Palästinenser.“ Den in Argentinien geborenen Dirigenten hatte die palästinensische Autonomieregierung als Anerkennung für seinen Einsatz für ein freies Palästina vor einem Jahr zum „Ehrenbürger Palästinas“ erklärt. Barenboim war aber nicht nach Kairo gekommen um zu politisieren. Er war gekommen um mit der Sprache der Musik zu sprechen ein Klavierkonzert zu geben und in Kombination am gleichen Abend das Kairo Symphony Orchestra zu dirigieren.

Trotz der vielen kritischen Stimmen wollten sich die Ägypter das Konzert nicht entgehen lassen und alle Tickets waren restlos ausverkauft. Für Überraschung sorgte dann die Eröffnungsansprache: Kein geringerer als Omar Sharif, Ägyptens weltbekannter Filmschauspieler begrüßte Barenboim als einen Künstler und Friedensvermittler, was mit einem donnernden Applaus vom Publikum beantwortet wurde.

Foto: Luis Castilla/West-Eastern Divan Orchestra

 

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