Peking Koma – direkt ins Herz des Lesers

Von 13. Oktober 2009 Aktualisiert: 4. Juni 2017 10:31
Der neue Roman von Ma Jian: Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse in deutscher Fassung erschienen

Ma Jian, einer der Großen der chinesischen Literatur, lebt im Londoner Exil. Er ist mit Flora Drew, seiner englischen Übersetzerin, verheiratet. Während er seine Erlebnisse und Erkundungen Chinas auf dem äußeren Weg einer Reise beschrieb in „Red Dust: Drei Jahre unterwegs durch China“, legt er nun mit Peking Koma einen Roman der akribischen Erinnerung von Gesprächen vor, die kein Tabu-Thema des kommunistischen China scheuen. Rechtzeitig zur Buchmesse bei Rowohlt erschienen, durch-leuchtet der Roman ein Thema, das in China zu den absoluten Tabus gehört, die Studentenbewegung und das Massaker an den Studenten am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Du steckst in einem Körper, den du nicht sehen kannst, du bist ein Gefangener in einem Gefängnis, das du nicht anfassen kannst.

In Ich-Form geschrieben erforscht der Erzähler als Student, der durch eine Kugel im Kopf ins Koma fiel, sein Leben, das seines Vaters, eines sogenannten „Rechtsabweichlers“, das Leben vor allem seiner Freunde aus der Studentenzeit. Nüchtern, fast knapp ist der Erzählstil. Ein einsamer Wanderer, der als „hölzerner Mann“ in der Wohnstube seiner Mutter liegt, von dem niemand erkennt, dass er durchaus bei Bewusstsein ist und alles hören kann, taucht ein in die Regungen seiner Nerven, seines Blutkreislaufs, seiner Erinnerungen. Ein Bewegungsloser, der nur noch den inneren Bewegungen folgen kann. So wird dieser große Roman zu einer Metapher für die „verlorene Generation“ der Intellektuellen nach der Niederschlagung der Proteste 1989. Ohne Stimme, ohne Kommunikation, preisgegeben einer Welt, an deren Entwicklung er nicht einmal teilnehmen möchte, und doch wissend.

Voller Kraft, voller Emotionen, die emotionslos beschrieben werden, klar in den erinnerten Gesprächen, keiner Frage ausweichend, voller Verlangen nach dem Tod und doch jede Lebensregung verfolgend, so schreibt Ma Jian. Diese Kraft, die alles erforschen will, die leben will, die aussprechen will, springt über, lässt einen vergessen, dass das Buch nahezu tausend Seiten hat. Trotz der spürbaren Bewegungslosigkeit des Gedanken-Erzählers, greift die innere Beteiligung, die Verzweiflung, die Hoffnung, die Erstarrung, die Hoffnungslosigkeit direkt ins Herz des Lesenden. Am Beginn des Buches taucht die Erinnerung an die Kindheit auf, überschattet von der vermeintlichen Schlechtigkeit des Vaters als „Rechtsabweichler“.

„Damals hasste ich meinen Vater, weil sein politischer Status so viel Unglück über uns gebracht hatte. Seinetwegen wurden wir in der Schule ausgeschlossen und gequält. Als mein Bruder und ich einmal mittags in der Schulkantine waren, schlugen zwei ältere Kinder mir den Teller mit gebratenen Hühnchen, den ich gerade gekauft hatte, aus der Hand und riefen: ‚Du Hund, du bist ein Mitglied der Fünf Schwarzen Kategorien. Wie kannst du glauben, du darfst Fleisch essen?’ Dann schlugen sie mir ein paar Mal ins Gesicht, genau vor meiner Freundin Lulu, die in unserem Wohnblock im Erdgeschoss wohnte.

Mein Vater hob sein Glas zu einem Trinkspruch auf meine Mutter und sagte: ‚Mögest du ewig jung und schön bleiben.’ ‚Hast du deine Lektion immer noch nicht gelernt, du Rechtsabweichler?’, fuhr meine Mutter ihn an. ‚Was denkst du dir dabei, mir mit diesen bourgeoisen Phrasen zu kommen?’

Seine Gefangenschaft in den Reform-durch-Arbeit-Lagern hatte uns das Leben schwer gemacht. Mein Vater hatte einen Schatten auf unsere Familie geworfen und uns mit den dunklen und hässlichen Seiten des Lebens in Verbindung gebracht: mit dem Land, mit Flöhen, mit konterrevolutionären Kriminellen. Aber an jenem Sommerabend schien es, als wäre all unser Unglück nun vorbei. Ich schämte mich seiner rauen ungepflegten Erscheinung nicht mehr. Ich wusste, bald hätte ich wieder einen Vater mit vollem Kopfhaar.“

Wer jemals mit Dissidenten oder Exil-Chinesen zu tun hatte, kennt diese Mischung aus Mut und Resignation und einer intensiven Zugehörigkeit zu dem Land China. Aber die Erfahrungen mit den kommunistischen Herrschenden und ihren Verfolgungskampagnen  sprechen eine andere Sprache, lassen nur noch die Wünsche am Leben, nicht das Leben selbst.

Das Leben dringt in die Wohnung, in der die Mutter allein gelassen den Sohn pflegen muss; denn wegen seiner „Politischen“ Vergangenheit bei den Studentenprotesten darf er nicht in einem Krankenhaus behandelt werden. Kein Thema, in das nicht menschenverachtende Anordnungen eingreifen, ob das die Ein-Kind-Politik ist, das – verbotene – Liebesleben der Studenten in den 80er Jahren oder der drohende Abriss des Hauses, in dem Mutter und Sohn als Letzte noch standhalten. Sie beginnt schließlich Falun Gong zu üben und muss erleben, wie 1999 auch diese rettende Insel ihres Lebens verfolgt wird. „Müssen wir noch einmal eine Kulturrevolution erleben, fragt sie sich.

Und der Sohn erinnert sich an eine Kommilitonin zu der er sagte: „Kein Zuhause ist sicher. Ich erinnere mich, als ich klein war, wurde eine alte Nachbarin, Oma Li, von den Rotgardisten aus ihrem Zimmer gezerrt und gezwungen, sich im Hof hinzuknien. Sie haben sie gefesselt und zehn Thermosflaschen kochendheißes Wasser über sie gegossen. Sie hat sich an die Äste der Weinranken geklammert und vor Schmerzen geschrien.“

Selbst wenn du ein Zuhause hättest – die Partei hätte immer einen Schlüssel dazu.

Cover: Rowohlt VerlagCover: Rowohlt Verlag

Ma Jian; Peking Koma; 2009, Verlag Rowohlt; 24,90 €

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN