Puccinis „Manon Lescaut“ in der Bonner Oper

Von und 7. Dezember 2011 Aktualisiert: 7. Dezember 2011 10:02

Täter oder Opfer? Die Opernliteratur ist voll von Beispielen, bei denen die Trennungslinie wie bei einem fernöstlichen Yin und Yang nahezu unsichtbar durch die handelnden Personen hindurch verläuft. So auch durch Puccinis Frauengestalten, die ihm sein Libretto vorgibt. Zum Beispiel Turandot, blutrünstig und rachsüchtig – oder doch nur ein Opfer der ihr zugefügten seelischen Verletzungen? Andererseits Manon Lescaut, hin- und hergerissen zwischen romantischer Liebe und luxuriösem Leben – eine Kombination, die den Keim des Verderbens bereits in sich trägt?

Die Oper Bonn hat beide Schicksale in bemerkenswerten Inszenierungen nachgezeichnet. Zuletzt Manon Lescaut, der bereits im jugendlichen Alter vorher bestimmt ist, ihre auffallende Schönheit hinter dicken Klostermauern zu verstecken. Doch noch bevor sich die Klostertüren für immer hinter ihr schließen, wird sie als Liebes- und als Lustobjekt gleich zweimal entdeckt und driftet ab von der ihr bevor stehenden klösterlichen Unschuld hin zum Objekt der Begierde.

Doch auch sie verliert ihre Unschuld, indem sie – menschlich-allzumenschlich – hin und her pendelt zwischen denen, die sie begehren. Dadurch entwickelt sie sich unaufhaltsam zu einer tragischen Figur, die sich auf verhängnisvolle Weise in ihrer eigenen Unzulänglichkeit verstrickt und dadurch selbst ihr tragisches Ende heraufbeschwört.

Regisseurin Christine Mielitz schöpft die emotionale Bandbreite der Hauptfigur voll aus, angesiedelt zwischen tief empfundener Liebe einerseits und oberflächlicher Selbstdarstellung im Starkult andererseits. Ebenso deutlich werden aber auch die Gefühle ihrer beiden Liebhaber herausgearbeitet: des mittellosen Studenten Des Grieux (Zurab Zurabishvili) und des reichen Steuereintreibers Geronte (Kurt Gysen), die zwischen Hochgefühl und Kränkung hin- und herpendeln.

Geradezu ein Geniestreich ist das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: eine über einer zentralen Kuppel angebrachte Rampe, nach allen Seiten hin offen und allein aus der jeweiligen Drehung heraus einsetzbar als Flughafen-Gangway, Verbindungsbrücke oder Totenbahre. Auch die Kostüme von Corinna Crome sind ein Hingucker. Besonders das überdimensionale Kleid Manons, in dem sich moderne Träume im Stil von „Germany’s Next Top Model“ formvollendet zu verwirklichen scheinen.

Und stets fordert Puccini dabei stimmliche Höchstleistungen, die in der Dichte der Gefühlskonstellationen auch von allen in bemerkenswerter Qualität erbracht werden. Neben den Hauptpersonen, denen zugleich eine hohe schauspielerische Leistung abverlangt wird, auch von Sergeant Lescaut (Mark Morouse), der als Manons Bruder ebenfalls in das sich stets weiter verdichtende Interessengeflecht hinein verwoben wird.

Schauspielerische Leistung haben auch der Chor und der Statisterie des Theaters Bonn zu erbringen, die als Studenten, Verbannte und Sicherheitskräfte der Inszenierung zusätzliches Leben verleihen. Der begeisterte Schlussapplaus gilt aber vor allem dem Beethoven Orchester Bonn, das unter der musikalischen Leitung von Christopher Sprenger einfühlsam Puccinis musikalischen Ansatz herausarbeitet. Insgesamt ein überzeugendes Beispiel dafür, wie Opernhäuser mittlerer Größe auch großen Werken zu wahrer Größe verhelfen können.

www.theater-bonn.de

Weitere Termine: 26.01.12, 05.02.12, 04.03.12, 14.04.12

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