Rudolf Buchbinders „Appassionata“ leidenschaftlich gefeiert in der Philharmonie Berlin

Von 16. April 2013 Aktualisiert: 16. April 2013 17:16

BERLIN – Rudolf Buchbinders Beethoven-Zyklus Teil 5 wurde im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin am Montag zum verdienten Triumph für den großen Pianisten. Endlich war der Saal gut gefüllt und es empfing ihn ein erwartungsfrohes Publikum.

Waren die bisherigen Zusammenstellungen der Stücke in sich divergenter, so erlebte man an diesem Abend ein Programm, in dem eins auf das andere aufbaute, im ersten Teil sogar thematisch, denn das musikalische Material der Sonaten 2, 9 und 15 ähnelte sich verblüffend.

Buchbinder präsentierte darin gleichsam einen roten Faden, den Beethoven in seinen Klaviersonanten von Werk zu Werk weiter gesponnen hat. Man verfolgte Beethovens stilistische Entwicklung von der abgezirkelten Formenstrenge der Klassik – aus denen sein inneres Feuer zum Ausbruch zu drängen schien – zur Romantik und ihren fantastischen Höhenflügen der Leidenschaft. Wie in einem Stammbaum, der sich immer weiter verzweigt, legte der Pianist die Verwandtschaft der Stücke offen und ließ uns staunend miterleben, wie die Musik in jeder Sonate immer differenziertere, farbenreichere und spielerischere Blüten treibt.

Die Sonate Nr. 2 (A-Dur op.2/2) trug diese Entwicklung bereits komplett in sich: Der temperamentvolle, doch ernste erste Satz bestand aus kurzen, zackigen Themen mit Trillern, mit angerissenen oder auch langen Läufen. Buchbinder spielte sie mit einem puren und nüchternen Anschlag. Im zweiten Satz erhoben sich choralartige Kantilenen über gebrochenen Dreiklängen im Staccato, daran knüpfte ein leicht genommenes Scherzo an und die Klangfarbe gestaltete er immer geschmeidiger. Das galante Rondo Grazioso führte das Ganze zu einem versöhnlichen Schluss.

Was aus diesen wenigen Zutaten alles werden konnte, erzählte uns Buchbinder in der Sonate Nr. 9 (E-Dur op. 14/1), die zwischen Melodienseligkeit, rasanten Läufen und heiterem Gehämmer hin und her sprang. Und er setzte noch eins drauf mit der Sonate Nr. 15 (D-Dur op. 28, „Pastorale“) in der er sich zu höchstem Farbenreichtum steigerte. Wie er im Scherzo und Rondo bei waghalsigen Geschwindigkeiten mit dem Anschlag modulierte – wie er abwechselnd tupfte, puderte, wie ein Springbrunnen rauschte oder mit der Pranke zuschlug, riss das Publikum völlig hin. Bravos und stürmischer Applaus schon vor der Pause.

Im zweiten Teil war Buchbinder dann völlig in der Klangwelt der Romantik angekommen. Der Sonate Nr. 27 (e-moll op. 90) gab er einen innigen und poetischen Ton mit Lieblichkeit und Süße. Sie diente ihm als milde Brise vor dem Gewitter, das dann folgte, der Sonate Nr. 23 (f-moll op. 57), besser bekannt unter ihrem Beinamen „Appassionata“ – „die Leidenschaftliche“.

Buchbinders Appassionata: Mysterienspiel und Gesang

Buchbinder begegnete der Wildheit der Appassionata mit innerer Ruhe und vor allem – leise! Mystisch und verhalten lässt er das Thema aufsteigen – singend und melodisch. Und die dann folgenden donnernden Ausbrüche werden vom Bogen der Melodie sanft wieder aufgefangen. So einfach und schlicht, dass es einem nahezu den Atem verschlug. Es war wie ein Meer, das leise gegen die Klippen schwappt, sie donnernd überflutet und sich wieder beruhigt. Ein Klangraum, der sich von innen heraus ausdehnt. Ein Mysterienspiel. Ein Gesang.

Er spielte völlig anders als zuvor: Nach all dem vorangegangenen Freiheitsdurst zelebrierte er die Appassionata als Seelendusche hemmungslosen Schwelgens. Mit rauschendem Harfenklang, viel Pedal, Rubati und Temposchwankungen. Im zweiten Satz machte er das schlichte Thema, das wie ein Choral von der Harmonik lebt, zur Entdeckungsreise, indem er bei den Reprisen das Gewicht auf die Basslinie oder Nebenstimmen verlagerte. Den 3. Satz gestaltete er dynamisch nuanciert, doch im Inneren rasend wild und leidenschaftlich. Der Jubel des Publikums brach schon in den Nachhall des Schlussakkords.

Sichtlich gerührt von den Standing Ovations (Blumen aus dem Publikum waren auch wieder dabei), entschied sich Buchbinder spontan für eine Zugabe: Das Scherzo aus Beethovens Sonate Op 31, Nr. 3 („Die Jagd“). Der Rauschzustand von eben war verflogen und der Altmeister war wieder ganz beim kristallinen, verspielten Klang des Anfangs angelangt, den er noch einmal virtuos aufbranden und dann fröhlich von dannen hüpfen ließ …

Info:

Rudolf Buchbinders Berliner Beethoven-Zyklus hat noch zwei weitere Konzerte im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin: Die Termine sind am 26.April und am 10. Juni 2013.

Buchbinder spielte die 32 Klaviersonaten schon in über 40 Städten. Sein Dresdener Beethoven-Zyklus wurde in der Semperoper mitgeschnitten und 2011 bei Sony/RCA Red Seal auf CD veröffentlicht.

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