Sehnsucht nach Mittelalter

Von 20. Dezember 2007 Aktualisiert: 20. Dezember 2007 0:26
Aus Vergangenem einfach das Beste machen

Endlich! Raus aus dieser düsteren Stube. Der PC-Bildschirm flackert noch in meinem Kopf. Aber an diesem Samstag wollte ich eigentlich gar nicht arbeiten. Aussuchen konnte ich´s mir nicht, bin ja froh, überhaupt Arbeit zu haben. Jetzt will ich aber nur noch vergessen, denn diese moderne Technik, die mir das Leben so einfach gemacht hat, wird auf Dauer doch etwas zuviel. Ich will mal was Schwieriges machen, ein bisschen frieren und mich wieder als Mensch fühlen, und so mache ich mich auf den Weg ins düstere Mittelalter – doch für mich ist es eine farbenfrohe Welt voller Menschlichkeit, Ruhe und Abenteuer. Der Mittelalter-Markt befindet sich im Herzen Münchens – nur einen kurzen Ritt vom Rathaus entfernt – am Wittelsbacher Platz.

Lieblich gezupfte Harfenseiten vertreiben schon bei meiner Ankunft die letzten Zweifel, ob ich mich dort auch alleine einer wärmeren Zeit erfreuen könnte. Und eine fröhliche Zauberflöte lässt in mir unbekannte Bilder aus einer irgendwie vertrauten Zeit vor meinen Augen auferstehen. „Man muß sich selbst schon mal loslassen, um ein bißchen leben zu können“, höre ich eine nette Stimme an meiner Seite sagen. Und in der Tat, ich merke, wie ungewohnt es ist, mal alle Anschauungen über mich selbst und die Menschen um mich herum beiseite zu lassen. Denn hier geht es um was ganz Anderes…

Auf dem Marktplatz tummeln sich Ritter, Bogenschützen, Wikinger, Jongleure, Gaukler, Hofnarren, Wunderärzte, Bettler, Feuermagier, Barden und Artisten. Aber auch neuzeitlich verkleidete Menschen haben sich zwischen den mit Schnitzereien versehenen Ständen in alemannischer Holzbaukunst eingefunden. Hier bieten authentisch gewandete Handelskaufleute ihre Ware feil. Schaugastronomie wie Bäckerei, Suppenküche und „Grillerey“ erfreuen mit einem erbaulichen Gaumenschmaus. Auf einer Bühne wird ein Schauspiel zur Volksbelustigung aufgeführt. Später treten hier noch verschiedene Musiker auf mit den merkwürdigsten mittelalterlichen Instrumenten.

Hier trifft man auch die nettesten Leute. Veranstalter Diego Ertl erzählt: „Das Mittelalter ist eine sehr facettenreiche und abwechslungsreiche Zeit gewesen. Man darf nicht nur die Schattenseiten sehen. Das Mittelalter war farbig, bunt und prächtig.“ Und er erinnert sich an die Werte im Mittelalter: „Da gab es die menschlichen Tugenden, die heute leider vielerorts verlorengegangen sind, wie Wahrhaftigkeit, Ehrwürdigkeit, Schönheit und Anmut.“ Auf die Frage, wie die Menschen auf den Mittelaltermarkt reagieren, verrät er uns: „Den Markt gibt es seit sechs Jahren in München. Die Menschen genießen es, das Feedback der Besucher ist einmalig. Sie fühlen einfach, dass wir für sie da sind.“

Nachdem ich stundenlang den vielen Artisten gelauscht habe, will ich immer noch nicht gehen, aber die unbarmherzige Kälte zwingt mich doch dazu, meine Sachen zu packen. Bin wohl nicht mehr so abgehärtet wie vor ein paar Jahrhunderten…

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN