Shanghai. Ohel Moshe Synagoge

Ein Gedicht von Wolfgang Kubin
Epoch Times4. Januar 2008

Beliebig ist´s schon,
ob Berlin oder Shanghai,
überall die Splitter nicht unserer,
doch der Väter Leid und Tat.
Wo die einen reisten lang und breit,
reisen wir kurz und bündig,
stehen wieder an verlassenem Ort,
der einmal Thora, Leuchter und Mikwe war.

{Q} Beliebig ist´s schon,
ob Prenzlauer Berg oder Hongkou,
ob Zwangsarbeit oder Blindenwerkstatt.
Auch hier war der Raum nur handtellergroß
für Kindergarten und Hebräischschule.
Auch hier alsbald eine Werkstatt,
als alles ausfliegen konnte
und nur das Mosaik zu bleiben hatte
unter neuer Betriebsamkeit.

Heute erkennen wir kaum Hausdach und Hof,
wir lassen uns sagen, wo das Hospital war
und wo das Wiener Café,
wo jemand Schlange stand
für Wasser und Brot.

Manch einer ging jung
und kommt gealtert wieder.
Er liest an den Toren vergilbte Namen,
erinnert Fahrstunden im Doppeldecker,
Lektionen im Haareschneiden,
den Verkauf seiner Kleider
zur Wärmung eines einzigen Öfchens.

Wir aber sondieren Möbel
Unter beliebigem Dach,
Koffer, Bett und Stuhl,
was sich so findet, so fand
in einem Leben auf Reisen
von Gas zu Hunger und Siechtum,
Bilder der Suche und Geburt,
von Anker und Reeling.

Wir Epigonen leiden am Blick,
die Väter nicht.
Lustig gingen sie zu Werk,
Unlust ist unser Geschick,
als könnte noch einmal das Radio angehen
und sagen, Deutsche rechts und Juden links.

Aus dem Gedichtband „Narrentürme“, Weidle Verlag, ISBN 3-931135-62-4

Über den Verfasser:

Die Gegenwartsliteratur tauge nichts, die traditionelle Literatur bis 1949 sei aber großartig und Weltklasse. So sieht der Bonner Sinologe und Schriftsteller Wolfgang Kubin die chinesische Literatur heute. Mit seiner Kritik an der Gegenwartsiteratur löste er heftige Diskussionen in China aus. Trotzdem erhielt er für seine Verdienste als Gelehrter, Übersetzer und Kulturvermittler im September den bedeutendsten und mit 8000 Euro höchstdotierten Literaturpreis Chinas, den von der Zhongkun Investment Group gestifteten „Pamir International Poetry Price“, mit dem der Unternehmer und Dichter Huang Nubo die chinesische Dichtkunst vor dem Aussterben bewahren will. Die chinesische Tradition sei zerstört, es sei notwendig sie wieder zu beleben, erklärt Wolfgang Kubin.

Lesetipp:

Wolfgang Kubin im Interview mit Epoch Times



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