Sonntagsmärchen: Der Flachs

Epoch Times30. Juni 2019 Aktualisiert: 29. Juni 2019 21:44
Der Flachs stand in Blüthe: er hatte so niedliche blaue Blumen, zart, wie die Flügel einer Motte, und noch viel feiner! Die Sonne schien auf den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn; und dies war ebensogut für ihn, wie es für kleine Kinder ist ... ein Märchen von Hans-Christian Andersen.

Der Flachs stand in Blüthe: er hatte so niedliche blaue Blumen, zart, wie die Flügel einer Motte, und noch viel feiner! Die Sonne schien auf den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn; und dies war ebensogut für ihn, wie es für kleine Kinder ist, gewaschen zu werden und darauf einen Kuß von der Mutter zu bekommen; sie werden dann viel schöner, und das ward der Flachs auch.

„Die Leute sagen, daß ich so ausgezeichnet gut stehe,“ sagte der Flachs, „und daß ich so schön lang werde; es wird ein tüchtiges Stück Leinewand aus mir werden. Nein, wie glücklich bin ich doch! Ich bin gewiß der Allerglücklichste von Allen! Ich habe es so gut, und es wird etwas aus mir werden. Wie der Sonnenschein erfreut, und wie der Regen gut schmeckt und erfrischt! Ich bin gränzenlos glücklich, ich bin der Allerglücklichste!“

„Ja, ja, ja!“ sagte der Zaunstecken. „Ihr kennt die Welt nicht, aber das thun wir, denn in uns stecken Knorren, und dann knarrte er ganz jämmerlich:

„Schnipp-Schnapp-Schnurre, Basselurre. Aus ist das Lied!“

„Nein, es ist nicht aus!“ sagte der Flachs. „Morgen scheint die Sonne, oder der Regen thut wohl. Ich fühle, wie ich wachse; ich fühle, daß ich in Blüthe stehe! Ich bin der Allerglücklichste!“

Aber eines Tages kamen Leute, die nahmen den Flachs beim Schopf und zogen ihn mit der Wurzel aus; das that weh; und er ward ins Wasser gelegt, als ob er ersäuft werden sollte, und dann kam er über’s Feuer, als wolle man ihn braten – es war ganz gräulich!

„Man kann es nicht immer gut haben!“ sagte der Flachs; „man muß etwas durchmachen, dann weiß man etwas!“

Aber es kam allerdings schlimm; der Flachs ward angefeuchtet und geröstet, gebrochen und gehechelt – ja, was wußte er, wie das hieß, was man alles mit ihm vornahm. Er kam auf das Spinnrad: schnurr, schnurr! – Da war es nicht möglich, die Gedanken beisammen zu halten.

„Ich bin außerordentlich glücklich gewesen!“ dachte er bei aller seiner Pein; „man muß zufrieden sein mit dem Guten, was man genossen hat! – Zufrieden! Zufrieden! O!“ Und das sagte er noch, als er auf den Webestuhl kam; – und so ward er zu einem schönen, großen Stück Leinewand. Aller der Flachs, bis auf den letzten Stengel, ging zu dem einen Stück auf.

„Aber das ist doch ganz außerordentlich! Das hätte ich nie geglaubt! Nein, wie das Glück mir doch günstig ist!“ Der Zaunstecken wußte wirklich nicht übel Bescheid mit seinem:

„Schnipp-Schnapp-Schnurre, Basselurre.“

„Das Lied ist keineswegs aus! Nun fängt es erst recht an! Das ist wirklich außerordentlich! Hab‘ ich auch etwas gelitten, so ist doch auch etwas aus mir geworden! Ich bin der Glücklichste von Allen! Ich bin so stark und so fein, so weiß und so lang! Das ist etwas Anderes, als blos Pflanze zu sein, wenn man auch Blumen trägt; man wird nicht gepflegt, und Wasser bekommt man nur, wenn es regnet! Jetzt werde ich gewartet und gepflegt, die Magd wendet mich jeden Morgen um, und aus der Gießkanne bekomme ich jeden Abend ein Regenbad; ja, die Frau Pastorin hat selbst eine Rede über mich gehalten und hat gesagt, daß ich das beste Stück in dem ganzen Kirchspiel sei. Ich kann gar nicht glücklicher werden!“

Nun kam die Leinewand in’s Haus, dann unter die Scheere; nein wie man schnitt und riß, wie man mit Nähnadeln darauf losstach! – Das war kein Vergnügen; aber aus der Leinwande wurden zwölf Stück Wäsche, von der Sorte, die man nicht gern nennt, die aber alle Menschen haben müssen; es waren zwölf Stück davon.

„Nein, seht doch! Jetzt bin ich erst was Rechtes geworden! Also das war meine Bestimmung! Das ist ja ein wahrer Segen! Nun schaffe ich Nutzen in der Welt, und das soll man ja, das ist erst das wahre Vergnügen! Wir sind zwölf Stück geworden, aber wir sind doch Alle Eins und Dasselbe: wir sind ein Dutzend! Was das für ein außerordentliches Glück ist!“

Und Jahre vergingen – und da hielten sie nicht länger.

„Einmal muß es ja vorbei sein!“ sagte jedes Stück. Ich hätte gern etwas länger gehalten, aber man muß nichts Unmögliches verlangen!“

Und so wurden sie in Stücke und Fetzen zerrissen. Sie glaubten, daß es nun ganz vorbei sei, denn sie wurden zerhackt und eingeweicht und gekocht, ja, sie wußten selbst nicht, was alles – – und dann wurden sie schönes, weißes Papier.

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„Nein, das ist eine Ueberraschung, und eine herrliche Überraschung!“ sagte das Papier. „Nun bin ich feiner, als vorhin, und nun wird auf mir geschrieben werden! Was kann nicht Alles geschrieben werden! Das ist doch ein außerordentliches Glück!“

Und es wurden wirklich die allerschönsten Geschichten und Verse darauf geschrieben, und es kam nur ein einziges Mal ein Klex darauf – das war denn freilich ein ganz besonderes Glück; und die Leute hörten, was darauf stand: es war so klug und so gut; es machte die Menschen viel klüger und besser; es lag ein großer Segen in den Worten auf diesem Papier.

„Das ist mehr, als ich mir träumen ließ, wie ich noch eine kleine blaue Blume auf dem Felde war! Wie konnte es mir einfallen, daß ich dereinst Freude und Kenntnisse unter die Menschen bringen sollte! Ich kann es selbst noch nicht begreifen; aber es ist nun wirklich so! Unser Herrgott weiß, daß ich selbst nichts gethan habe, als was ich nach schwachen Kräften für mein Dasein tun mußte; und so fördert er mich auf diese Weise von der einen Freude und Ehre zur andern! Jedesmal, wenn ich denke: „‚Aus ist das Lied!‘ da geht es gerade wieder zu etwas Höherem und Besserem über. Nun soll ich gewiß auf Reisen, in der Welt herum geschickt werden, damit alle Menschen mich lesen können. Das kann nicht anders sein! Es ist das einzig Wahrscheinliche! Ich habe köstliche Gedanken, eben so viele, wie ich früher blaue Blumen hatte! Ich bin der Allerglücklichste!“

Aber das Papier kam gar nicht auf Reisen, es kam zum Buchdrucker; und da ward Alles, was darauf geschrieben stand, zum Druck gesetzt zu einem Buch, ja zu vielen hundert Büchern, denn auf diese Weise konnten so unendlich Viele mehr Nutzen und Vergnügen davon haben, als wenn das einzige Papier, auf dem es geschrieben stand, in der Welt hätte umherlaufen sollen und auf halbem Wege abgenutzt worden wäre.

„Ja, das ist freilich das Allervernünftigste!“ dachte das beschriebene Papier. „Das fiel mir allerdings gar nicht ein! Ich bleibe zu Hause und werde in Ehren gehalten, gerade wie ein alter Großvater, und der bin ich ja auch von allen diesen neuen Büchern! Nun kann etwas ausgerichtet werden! So hätte ich nicht umherwandern können! Auf mich hat er gesehen, der das Ganze schrieb! Jedes Wort floß geraden Wegs aus der Feder in mich hinein! Ich bin der Allerglücklichste!“

Dann wurde das Papier in ein Bündel zusammengebunde und in eine Tonne geworfen, die im Waschhause stand.

„Nach vollbrachter That ist gut ruhen!“ sagte das Papier. „Es ist sehr weise, daß man sich sammelt und über das, was in Einem wohnt, zum Nachdenken kommt! Jetzt weiß ich erst so recht, was auf mir steht! Und sich selbst kennen, das ist der wahre Fortschritt. Was sollte nun wohl mit mir geschehen? Vorwärts wird’s jedenfalls wieder gehen; es geht allezeit vorwärts, das habe ich erfahren!“

Und so wurde eines Tages alles Papier herausgenommen und auf den Herd gelegt; da sollte es verbrannt werden; denn es durfte nicht an den Höker verkauft und zum Einschlag für Butter und Zucker benutzt werden: so sagte man. Und alle Kinder im Hause standen rund herum, denn sie mochten so gerne Papier brennen sehen; das flammte ja so prächtig in die Höhe, und nachher konnte man in der Asche die vielen rothen Funken sehen, die hin und her fuhren, einer nach dem Andern erlosch, so geschwind, so geschwind! Das nannte man: „Die Kinder aus der Schule kommen sehen,“ und der letzte Funke war der Schulmeister; oft glaubte man, daß dieser gegangen sei, aber dann kam in demselben Augenblicke noch ein Funke: „Da ging der Schulmeister!“ sagten sie.

Ei, die wußten schön Bescheid! Sie hätten nur wissen sollen, wer da ging! Wir werden es zu wissen bekommen; aber sie wußten es nicht. Alles alte Papier, das ganze Bündel ward auf’s Feuer gelegt, und es zündete schnell. „Uh!“ sagte es und flackerte in hellen Flammen auf. Uh! Das war eben nicht sehr angenehm, zu brennen; als aber das Ganze in Flammen stand, schlugen diese so hoch in die Höhe, wie der Flachs niemals seine kleinen blauen Blumen hatte erheben können, und glänzten, wie die weiße Leinewand niemals hätte glänzen können.

Alle geschriebenen Buchstaben wurden einen Augenblick ganz roth, und alle Worte und Gedanken gingen in Flammen auf. „Nun steige ich geraden Wegs zur Sonne hinauf!“ sprach es in der Flamme, und es war, als ob tausend Stimmen dieses einstimmig sagten, und die Flammen schlugen durch den Schornstein, oben heraus.

Feiner, als die Flammen, unsichtbar für menschliche Augen, schwebten da ganz kleine Wesen, ebenso viele, wie Blumen auf dem Flachs gewesen waren. Sie waren noch leichter, als die Flamme, die sie geboren hatte; und als diese erlosch, und von dem Papier nur die schwarze Asche übrig war, tanzten sie noch einmal über dieselbe hin, und wo sie dieselbe berührten, da liefen die rothen Funken. „Die Kinder kamen aus der Schule und der Schulmeister war der Allerletzte!“ Das war eine Lust, und die Kinder sangen bei der todten Asche

„Schnipp-Schnapp-Schnurre, Basselurre. Aus ist das Lied!“

Aber die kleinen unsichtbaren Wesen sagten alle: „Das Lied ist nie aus! Das ist das Schönste bei dem Ganzen. Ich weiß es, und darum bin ich der Allerglücklichste!“
Aber das konnten die Kinder weder hören, noch verstehen, und das sollten sie auch nicht; denn Kinder müssen nicht Alles wissen.

Ein Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875), Sämmtliche Märchen, 1862