Superb: Bernsteins Candide an der Berliner Staatsoper

Von 26. Juni 2011 Aktualisiert: 26. Juni 2011 19:33
Sensationelle Sänger in Kostümen von Christian Lacroix, eine intelligente Inszenierung von Vincent Boussard und die die hinreißende Musik von Leonhard Bernstein: „Candide“ feierte an der Berliner Staatsoper im Schillertheater einen Erfolg vom Feinsten.

Als satirischer Abenteuerroman war „Candide oder der Optimismus“ einst eine Abrechnung Voltaires mit der Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibniz. Dieser meinte, dass der Mensch in der „besten aller möglichen Welten“ lebe. Angesichts von Kriegen, Naturkatastrophen und sozialer Ungerechtigkeit fühlte sich Voltaire zu einem Gegenstatement genötigt. Sein Held Candide, dessen Name soviel wie „die reine Seele“ bedeutet, erlebt zahlreiche Desaster, die seine optimistische Weltsicht gründlich widerlegen. Am Ende findet er seine große Liebe als Prostituierte in einer venezianischen Spielhölle wieder. Trotzdem beschließt er, sie zu heiraten und mit ihr auf einem kleinen Bauernhof ein neues Leben zu beginnen.

In Leonard Bernsteins Stück von 1956 werden vor allem Persönlichkeiten, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, drastisch durch den Kakao gezogen – eine Antwort auf die amerikanische Selbstgerechtigkeit und politischen Entgleisungen der McCarthy-Ära. Soviel Hintersinn erwartete man damals nicht von einem Musical-Komponisten und Bernsteins „Candide“ wurde ein Flop. Bis heute wird das unangepasste Stückchen leider nur selten aufgeführt.

Die Weltkugel ist neonpink

Gut, dass die Neuinszenierung der Berliner Staatsoper im Schillertheater am Freitag ein voller Erfolg wurde. In einer Art Guckkasten-Bühne, mit projizierten Zitaten aus Voltaires Roman, schlug das französische Regieteam um Vincent Boussard auf pfiffige Weise den Bogen zur literarischen Vorlage. Bernsteins „Comic Operetta“ zelebrierten sie als glamourös- komödiantische Oper. Das Ergebnis war ein unwiderstehlicher Theatercocktail voller zirzensischer Überraschungen.

Die Regie von Boussard war detailfreudig und dicht, die Choreographie dank Helge Letonja perfekt. Christian Lacroix hatte den Chor in schwarze Barock-Roben und die Solisten in umso buntere Kreationen gesteckt. Das minimalistische Bühnenbild von Vincent Lemaire glich einer weißen Plastikwanne, die von Licht (Guido Levi) und Videoprojektionen (Isabel Robson) zum Leben erweckt wurde. Im schwarzweißen Bühnenweltbild wandert der Blick von allein auf den überbordenden Style von Christian Lacroix und das ebenso lebensfrohe Spiel der Personen.

Diese hantierten mit simplen Sachen wie Plastiktüten, Elektrokabeln und neonpinken Büchern. Da tauchte ein Philosoph in den unendlichen Weiten eines Pappkartons unter oder eine Badewanne für drei Personen hob mit dazugehöriger Möwe ab nach Buenos Aires. Witzigstes Detail: Zwei naturgetreue, plüschige Handtaschen in Form von Schafen mit goldenen Flügeln. In diesen schleppte Candide sein restliches Geld aus Eldorado herum.

Das beste aller möglichen Ensembles

Die Sänger boten bis in die Nebenrollen große vokale Klasse. Jeder Einzelne war ein Star und man brachte sich durch Gegensätzlichkeit zum Glänzen. Als Blondinen-Duo überwältigten die bezaubernd hübsche Maria Bengtsson (Cunegonde) und Anja Silja (The Old Lady), die sich mit klingelnden Koloraturen so sehr darüber freuten Frauen zu sein, dass ein männlicher Kollege zum Schimpansen mutierte.

Bengtsson trug zu ihrer lupenrein und lyrisch gesungenen Arie „Glitter and be gay“ ein schulterfreies, fließendes Kleid in Korallenrot und aalte sich in einer flittergefüllten Badewanne. Gegen Anja Silja war sie jedoch die reine Unschuld. Die kantige Bayreuthlegende lebte sich als gealterte Hure bedrohlich aus. Besonders in der Tangoszene, wo sie auf einem mit Papageien dekorierten Miniklavier tanzte (im roten Kostüm mit schwarzen Leopardenflecken). Die professionellen Tangokomparsen bemerkte man erst wieder beim Schlussapplaus.

Ein weiterer Höhepunkt war das Trio „Quiet“, in dem Boussard Cunegondes Nervosität mit dem Videoschattenriss eines Papageis auf der Stange spiegelte, während Silja einen schrillen Dialog mit eben jenem Vogel führte.

Tolle Tenöre und ein schräger Kauz

Der Held des Abends war Leonardo Capalbo als Candide, dank Lacroix eine Art Lackschuh-Forrest Gump in Hochwasserhosen. Mit seinem jugendlich goldenen Tenor und enthusiastischem Spiel schaffte es der entzückende kleine Italo-Amerikaner zur unbestrittenen Hauptfigur des Abends. Höhepunkt war seine Enttäuschungsarie im Puccini-Stil.

Ihm zur Seite stand der skurril optimistische Philosoph Pangloss, der im ersten Akt durch Elektrizität hingerichtet wird und im zweiten Akt als pessimistischer Straßenkehrer Martin wiederaufersteht. Graham F. Valentine krächzte, näselte und falsettierte sich mit Tragikomik und Facettenreichtum durch seine Vorträge über die beste aller möglichen Welten, die Herkunft der Syphilis und die Eitelkeit allen menschlichen Strebens.

Einen überzeugenden Auftritt hatte Tenor Stephan Rügamer, u.a. als Gouverneur von Buenos Aires, mit seiner Liebesarie an Cunegonde. Ob der Kürze ihrer Rolle blieb Stephanie Atanasov als Dienstmädchen Paquette mehr durch körperliche Beweglichkeit als durch Stimme in Erinnerung. Stephan Loges bewältigte klangschön und souverän gleich sechs Nebenrollen.

Erstklassig: Chor und Orchester

Eine Meisterleistung erbrachte der Staatsopernchor, der packend und flexibel seine Parts gestaltete, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und von denen jeder einzelne enorme musikalische Kraft entfalten konnte. Wayne Marshall am Pult begriff Candide als vernachlässigtes Meisterwerk und holte aus der Bernstein-Partitur den Swing, ebenso wie Andacht und Pathos. Ein purer und überschäumender Klang war es, mit dem die Staatskapelle Berlin da durch die Musikstile surfte. Dank der Spielfreude aller Beteiligten eine sehr runde Sache.

Staatsoper superb. Unbedingt anschauen!

 

 

 

 

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