Verdis „Rigoletto“ an der Deutschen Oper – Regie Jan Bosse

Von 22. April 2013 Aktualisiert: 22. April 2013 15:47

 

BERLIN – Wer gestern den neuen Rigoletto in der Deutschen Oper Berlin besuchte, erlebte nicht nur Giuseppe Verdis Drama über einen Narren, sondern auch eine Premiere unter dramatischen Umständen, wie sie in der Oper ab und zu vorkommen. Drei Tage vor der Premiere war der Tenor Teodor Illincai abgesprungen und auch die Hauptdarstellerin Lucy Crowe brauchte gestern kurzfristig ein Stimmdouble. Zum Schluss wurde man Zeuge, wie sich Teile des Publikums zum Narren machten, indem sie auf eine geglückte Aufführung überheblich und undankbar reagierten.

Die Idee des Regisseurs Jan Bosse, den Zuschauerraum auf der Bühne nachzubauen und den Chor das Publikum spielen zu lassen, war nicht neu. Das Bühnenbild von Stéphane Laimé diente jedoch vor allem als neutrales Ausgangssetting, das mit einigen Überraschungen und Umbauten trumpfte. Demonstratives „Spiegel vorhalten“ jedoch unterblieb …

Barbie, Ken und der Opernhase

Flitter und Glitzer waren die Mittel, mit denen sich das Theater vom normalen Leben unterschied. Die surrealen Qualitäten des Stückes wurden mit spielerischem Varieté-Charme betont. Im Lichtkegel des Scheinwerfers schlich Rigoletto beim düsteren Vorspiel als monumentaler Glitzerhase in Ganzkörper-Lametta-Kostüm herein. Zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftig. Danach wurde es jedoch feinfühliger. In den Kostümen von Kathrin Plath sah Gilda so romantisch aus wie Barbie. Mantua sah aus wie Ken (bonbonrosa Anzug!). Trotzdem gab es weder Soap noch Sex, was dem Regisseur hoch anzurechnen ist. Das Ganze erklärte sich auf jugendfreie und anschauliche Weise von selbst. Und so blieben die Luftschlangen der Party aus dem ersten Akt bis zum bitteren Ende liegen. Dort erzählten sie dann von vergangenem Glück.

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Dieser Rigoletto war über weite Strecken hochspannend mit echten Gänsehautmomenten. Die Sänger konnten ihre Geschichte konzentriert erzählen. Dirigent Pablo Heras-Casado unterstützte sie dabei mit einem behutsamen und melodischen Dirigat, das sich immer als Begleitung der Singstimmen verstand und sich nie in den Vordergrund drängte. Atmosphärisch und federnd folgte das Orchester den Solisten. Es war kein zackig scharfer Verdi, sondern eher ein lyrischer, der sein Fortissimo-Feuer nicht großzügig verpulverte, sondern mit Bedacht einsetzte.

Wunderbar nahtlos gelang es, die machtvollen Chorherren der Deutschen Oper in dieses Kammerspiel der Stimmen einzubinden, ohne dass ihr Auftritt als Party-Rüpel oder Entführungskommando erdrückend wirkte (Einstudierung William Spaulding).

Überragend und das Herz des Abends war Andrzej Dobber als Rigoletto. Als urgewaltiger Sängerdarsteller mit Mut zum Pathos zeichnete er die charakterlichen Facetten Rigolettos, vom Spott des Narren bis zur Verzweiflung, drastisch und anrührend. Ein Bariton mit einem melancholischen Timbre, der großartig sang und kleine Stellen deklamierte – und dadurch noch stärker wirkte.

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Eine Einspringerin schlägt das Publikum in Bann

Der silbrig-blühende Sopran von Olesya Golovneva war als Gilda an seiner Seite ein echter Glücksfall. Die Einspringerin stand ihrem Bühnenvater in Sachen Intensität um nichts nach. Öfter ertappte man sich, wie man dieser zartgebauten Frau abseits des Scheinwerferlichts an den Lippen hing, die für die stumm agierende Lucy Crowe sang. Ihre Gilda war herzzerreißend unschuldig und leidenschaftlich und bekam für „Caro nome“ minutenlangen Szenenapplaus.

Als stimmliches Leichtgewicht zwischen den Schwergewichten behauptete sich Eric Fennell als Herzog von Mantua als sorgloser Herzensbrecher. Ein eleganter, schlanker Tenor, dessen Stimme für das Haus etwas zu klein war, was er munter überspielte und dafür wohlwollend aufgenommen wurde.

Absolut hochklassig waren die Nebenrollen besetzt: Bastiaan Everink gab dem Graf von Monterone großes stimmliches Format. Sein Bassisten-Kollege Albert Pesendorfer wirkte als diskreter Auftragskiller Sparafucile auf abgründige Weise sympathisch. Als Maddalena und Giovanna beeindruckte Clémentine Margaine mit warm flutendem, voluminösem Mezzo. Vervollständigt wurde das sehr spielfreudige Ensemble durch Kim Lillian Strebel (Gräfin von Ceprano) Andrew Harris (Graf von Ceprano) Simon Pauly (Marullo), Paul Kaufmann (Matteo), Marco Mimica (Gerichtsdiener) und Annie Rosen als Hofdame.

Am Ende wurde das Ensemble von der Gesamtheit gefeiert, es gab einen Bravosturm für Rigoletto Andrzej Dobber und seine beiden Gildas. Das Regieteam bekam überwiegend Buhs gemischt mit Applaus bei vielen Enthaltungen. Eine unfaire Behandlung wiederfuhr dem Tenor, einige Personen erdreisteten sich, den mutigen Einspringer abzustrafen und bei diesem Grüppchen war offenbar auch der Dirigent unbeliebt, was leider auf das hart arbeitende Orchester der Deutschen Oper zurückfiel …

Fazit: Wegen des tollen Ensembles ist dieser Rigoletto ein Überraschungserfolg. Eine sehr sehenswerte Produktion der Deutschen Oper Berlin, die man auch Opernanfängern empfehlen kann.

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