Von Eiern und Nullen und ihrem tieferen Sinn

Von 12. April 2020 Aktualisiert: 13. April 2020 13:52
In unserer christlichen Welt steht das Osterfest wieder ins Haus, und mit ihm der uralte Brauch, Eier bunt zu bemalen und dann für unsere Kleinen zu verstecken. Nachfolgend einige Anmerkungen zum Ei an sich und seinem tieferen Sinn.

Die Schwatten und Hucken, eine ruppige Seitenlinie jener Germanen, die einst den Untergang Roms durch die Niederlage von Quinctilius Varus und seiner Legionen im Teutoburger Wald initiierten, lebten vor Beginn der christlichen Zeitrechnung etwa zehn Meilen südlich vom heutigen Minden an der Weser. Gesegnet mit einem ausgesprochen parochialen Temperament, verfügten sie dementsprechend über ein mageres Pantheon, das lediglich aus einer einzigen Gottheit bestand, nämlich der universalen Schwarzen Henne. Und die hatte nur ein einziges Ei gelegt, nämlich unseren Globus.

Beinahe rund also, war dies eine wesentlich präzisere Auffassung als jene, die später Jahrhunderte lang von der katholischen Kirche verbreitet wurde, teils unter Zuhilfenahme von Folter und Scheiterhaufen. Dennoch irrten sich die Hucken in einem Punkt ganz gewaltig, nämlich der Annahme, dass das Ei ein Eigelb besaß, welches laut unverifizierter Überlieferung aus reinem Gold bestand. Dies war der Grund, warum sie ausgedehnte Tunnel in das Wiehengebirge gruben, jedoch zum Glück niemals tief genug, um sich die Finger zu verbrennen. Aber sie haben auch nichts gefunden, was eine klare Lektion für jene ihrer Nachfahren ist, die da glauben, Gold sei das Gelbe vom Ei.

Ähnliches wurde von den Pygmäen des oberen Kongo-Beckens vermutet, mit dem Unterschied, dass hier durch den leicht veränderten Blickwinkel der Weltenleger ein Vogel Strauß war.

Vom Gold einmal abgesehen, ist es eine generell akzeptierte Tatsache, dass unsere Vorfahren, gesegnet mit weniger Informationen und wesentlich mehr Phantasie, Weisheit und Poesie, außerordentlich beeindruckt waren vom Ei und seiner wundersamen Metamorphose. Wie war es möglich, so fragten sie sich erstaunt, dass aus einem kalkhaltigen Gefäß und seinem klebrigen Inhalt wahrhaftiges Leben hervorbrechen konnte? Hatte unser Herrgott den bescheidenen Beobachter hier mit einem klaren und überwältigenden Beweis Seiner allmächtigen Gegenwart konfrontiert? Konnte es sein, welch unerhörter Gedanke, dass Er sich selbst als ewig lebendiger Funke in der dünnen Schale verbarg? Waren Gott und Ei von gleicher Essenz?

Sie sind es in der Tat, wie jeder halbwegs intelligente Mensch zugeben wird, und daher überrascht es wenig, wenn einige bedeutende Persönlichkeiten der Antike mütterlicherseits einem Ei entsprangen.

Nimm etwa den Tien, ein unspezifischer Ur-Vogel, der sein Ei in den jungfräulichen Ozean fallen ließ und aus dem der erste Mensch schlüpfte, nämlich ein Chinese. Lange vor allen anderen in der Lage sich zu vermehren, ist dies wohl auch eine Erklärung dafür, warum seine Nachfahren unseren Planeten in so großer Zahl bevölkern.

Brahma, eine indische Gottheit, wurde aus einem goldenen Ei geboren und erschuf danach die Welt.

Ra, ein falkenköpfiger Gott der Ägypter, der den Sonnendiskus jeden Tag in seinem Papyrus-Schiff von Horizont zu Horizont segelte, entstammt einem Ei. Insgesamt ein erstaunlich schönes Konzept, wie jeder empfindsame Mensch zugeben wird, jedoch mit Ausnahme von zerebralen Tieffliegern wie Christopher Hitchens und seiner Bande von Geisteszwergen, die darauf bestehen, dass es kein Ei gegeben haben kann, da es ja keinen Gott gibt.

Von Schwänen zu Ostereiern

Die Dioskuren Castor und Pollux, Zwillinge hellenischer Provenienz mit einer Vorliebe für die Entführung von üppig entblößten Damen, wie etwa in P. P. Rubens grandioser Leinwand so prachtvoll festgehalten, sind ein wissenschaftlich interessantes Beispiel für die Ei-Geburt, da ihre Mutter ja die stille und schöne Leda war. Von Zeus selbst verführt in der Verkleidung eines Schwans, wird sie vermutlich nicht so sehr von seinem Gesang, sondern vielmehr von seiner majestätischen Attitüde überwältigt worden sein. Und da er, genetisch gesprochen, über die bestmöglichen Referenzen verfügte, enthielt das von ihm gezeugte Ei nicht nur ein Eigelb, sondern zwei.

Die hieraus resultierenden Zwillinge stehen übrigens symbolisch für ein interessantes psychologisches Phänomen, nämlich der lebenslange Kampf unseres Inneren Engels mit unserem Inneren Teufel. Beide finden sich, ausdrucksvoll in Stein gemeißelt, an der Fassade des künstlerisch wohl bedeutendsten Bauwerks der Christenheit, Notre Dame de Paris. Oder in neuerer Zeit als Tweedledee und Tweedledum, Mitwirkende in Alices Wunderland, genau wie Humpty-Dumpty the Eggman oder seine Exzellenz der Weiße Ritter, vergangener und gegenwärtiger Stratege im Kampf gegen die Übermacht der Windmühlen.

Die alten Griechen sahen die himmlische Kuppel als das Innere einer Eierschale und sich selbst als ungeboren oder unvollendet darin. Wobei die Schale aus sieben Schichten oder Sphären bestand, die nacheinander geknackt werden mussten zwecks Erleuchtung und Erlangung des Ewigen Lebens. Um genau zu beschreiben, aus welchen Einzelheiten jede Schicht bestand, würde den Umfang dieser kleinen Abhandlung sprengen, vorausgesetzt, es ließe sich überhaupt in Worte fassen.
Unsere christliche Gewohnheit, bemalte Eier für unsere Kinder am Ostersonntag zu verstecken, basiert auf einer alten Überlieferung, wonach die Auferstehung unseres sanften Erlösers, seine Öffnung des Sarkophags, mit der Geburt eines Vögleins verglichen wird. Die Suche als solche wurde von der Alchimie inspiriert, sublimste aller menschlichen Wissenschaften.

Das Ei in der Kunst

In der Welt der Schönen Künste wurde das Ei in vielfältigen Variationen verwendet, wenn auch immer mit der gleichen philosophischen Bedeutung. Hier einige Beispiele.
Der Kleine Engel von William Blake (1757 – 1827) ist gerade aus Dunkelheit und Unwissen hervorgebrochen und betrachtet die Welt mit einem Ausdruck der Verwunderung, ganz so, als sähe er sie zum ersten Mal in all ihrer Pracht und Herrlichkeit.

In Hieronymus Boschs (1450 – 1516) sogenanntem „Garten der Lüste“ findet es sich im absoluten Zentrum dieses wohl grandiosesten Gemäldes aller Zeiten.

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Ein besonders schönes Beispiel für die Verwendung des Eis als künstlerische Metapher ist der „Oberried Altar“ von Hans Holbein dem Jüngeren (1497 – 1543). Dort glänzt es in der Nacht als bleicher Mond und brennt während des Tages als helle Sonne vom Himmel, und der empfindsame Betrachter wird, genau wie die Armen Hirten oder Weisen Magier, schon wissen, welchem Souverän, welcher Art von Idee es als Strahlende Krone dient.

Piero della Francesca (1420 – 1492) wiederum lässt es, hängend an einem dünnen Faden, über der Jungfrau und ihrem Kindlein schweben. Der Faden selbst ist an jener großen Muschel befestigt, in der Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe, geboren wurde. Dieses ungewöhnliche Sujet erhebt das Gemälde zu einer Metapher tiefster Bedeutung, denn hier verschmelzen griechischer Mythos und christlicher Kanon zu einem Ausdruck höchstmöglichen Wissens, die innerhalb einer menschlichen Lebensspanne erlangt werden kann, nämlich die Weisheit der Liebe.

Dies sind nur einige interessante Beobachtungen über das Wesen einer göttlichen Erfindung namens Ei. Sie könnten helfen, uns an die Kraft des Ausdrucks, das Bewusstsein der Schönheit, die Tiefe des Denkens und die Empfindsamkeit der Gefühle zu erinnern, die unsere unvergleichliche europäische Kultur in ihrer langen und glorreichen Geschichte hervorgebracht hat.

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Die Null, eine rein menschliche Erfindung, ist wie ein Ei geformt und könnte leicht mit jenem verwechselt werden, wenn man es nur auf einer eindimensionalen Ebene sieht. Aber das ist auch alles. Denn realistisch betrachtet enthält das Ei so offensichtlich den göttlichen Funken des Lebens in all seiner Schönheit und Pracht, während die Null für eine eisige, unerbittliche und nächtliche Leere steht, sei es auf dem Papier, im Geiste oder im Herzen.

Die Rede ist hier natürlich in erster Linie von jenen Nullen, die sich auf einem Bankkonto hinter einer Ziffer verbergen. In übersehbarer Anzahl durchaus brauchbar und wünschenswert, bergen sie in größten Mengen erhebliche Gefahren, denn ihre Kälte und Leere überträgt sich mit der Zeit unweigerlich auf ihre Besitzer. Und getrieben vielleicht von einer inneren, unausgesprochenen Angst, beten diese ihre Nullen an wie eine allmächtige Gottheit und verlangen gleich Süchtigen nach immer mehr von dieser sterilen Segnung. Ihnen allen haftet der Ruch an, direkt oder indirekt ihren maßlosen Reichtum dazu zu verwenden, die Menschheit nach ihrem Willen zu manipulieren, auszubeuten und sogar mit Kriegen zu überziehen, die letztendlich Millionen von Vertriebenen und Toten fordern. Und all dies ohne je vor einer weltlichen Instanz Rechenschaft ablegen zu müssen.

Aber was auch immer ihre finsteren Machenschaften bedeuten, irgendwann kommt der Tag, den sie am allermeisten fürchten. Dann fällt ihnen der goldene Löffel für immer aus der Hand, und all ihre Nullen gehören fortan einem anderen Eigentümer, und sie selbst werden gewogen und für zu leicht befunden und müssen fortan einsam und allein auf jenen verlassenen Schlachtfeldern herumirren, die sie mit so viel Akribie verursacht haben.

Zuerst erschienen auf Epoch Times USA

Manfred von Pentz war zuvor in den Bereichen Werbung, Grafikdesign und Immobilienentwicklung tätig. Heute ist er als Schriftsteller und Maler tätig und Autor von Romanen wie „The Crimson Goddess“. Seine Kunstwerke können bei ManfredVonPentz.net gefunden werden