„Eigentlich entwickelt sich eine Generation friedlicher junger Wilder“, glaubt der emeritierte Pädagogik-Professor Opaschowski. Unter den meistgenannten Werten kommt an erster Stelle Ehrlichkeit (77 Prozent), dann Selbstständigkeit (69), Freundlichkeit (67), Selbstvertrauen (64) und Hilfsbereitschaft (61).Foto: ALEXEI SAZONOV/AFP/Getty Images

Zukunftsforscher: Jugendliche finden Ehrlichkeit cool

Epoch Times23. Juli 2016 Aktualisiert: 23. Juli 2016 16:08
Das Sprichwort „Jugend hat keine Tugend“ hat sich überlebt - Ehrlichkeit ist die neue Coolness der Jugend in Deutschland. Das sagt der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski. Unter den meistgenannten Werten kommt an zweiter Stelle Selbstständigkeit (69 Prozent). Es folgen Freundlichkeit (67), Selbstvertrauen (64) und Hilfsbereitschaft (61).

Ehrlichkeit ist die neue Coolness der Jugend in Deutschland – das sagt der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski unter Berufung auf eine neue Umfrage. Nach der Befragung durch das Ipsos-Institut halten 77 Prozent der 14- bis 24-Jährigen Ehrlichkeit für „besonders wichtig“.

Vor 20 Jahren hätten nur 57 Prozent der Jugendlichen so geantwortet. Für Opaschowski ist das „geradezu eine Explosion“. Der Zukunftsforscher erklärt diesen Wertewandel nicht mit negativen Erfahrungen, die die jungen Menschen vielleicht mit Lug und Trug im privaten Umfeld gemacht haben, sondern bringt das Ergebnis in Zusammenhang mit der Politikverdrossenheit.

Denn auch für die Gesamtbevölkerung spiele Ehrlichkeit eine eminent wichtige Rolle. Das hänge mit der Entwicklung in den vergangenen Jahren zusammen. Die Wahrnehmung sei, dass Politiker mehr an ihren Machterhalt als an das Gemeinwohl dächten. Opaschowski erwähnt die Plagiatsaffäre um den früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und den VW-Abgasskandal.

Die Reihenfolge der meistgenannten Werte: Ehrlichkeit, Selbständigkeit, Freundlichkeit, Selbstvertrauen, Hilfsbereitschaft

Die Enttäuschung über gebrochene Wahlversprechen und Betrügereien führe aber nicht zu einer revolutionären Haltung. „Eigentlich entwickelt sich eine Generation friedlicher junger Wilder“, glaubt der emeritierte Pädagogik-Professor. Unter den meistgenannten Werten kommt an zweiter Stelle Selbstständigkeit (69 Prozent). Es folgen Freundlichkeit (67), Selbstvertrauen (64) und Hilfsbereitschaft (61).

Es dominierten die prosozialen Werte, die für ein gutes Zusammenleben unverzichtbar seien, sagt Opaschowski. Die um die Jahrtausendwende Geborenen – er nennt sie die Millennials – wollten die Welt vielleicht ein wenig besser machen, aber sonst fast genauso leben wie ihre Eltern.

Erst im April hatten Sozialwissenschaftler in Berlin die Sinus-Jugendstudie vorgestellt, nach der die Jugend in Deutschland strebsam, pragmatisch und fast schon überangepasst ist. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt lasse Teenager eine ungewöhnlich große Nähe zur Elterngeneration suchen, lautete eine Erklärung dafür.

„Der Ego-Kult gehört der Vergangenheit an.“

Den Jugendlichen gehe es nicht in erster Linie um Spaß und Lebensfreude, wie noch in den 80er Jahren, betont Opaschowski. Sie seien bereit, sich zu engagieren und zu helfen. „Der Ego-Kult gehört der Vergangenheit an.“ Bei Katastrophen seien die 14- bis 24-Jährigen mitunter schneller da als die Feuerwehr.

Aber: Die Jugend sei relativ bindungs-, kritik- und konfliktscheu

Aber: Die Millennials seien nicht verlässlich. Freiheit und Unabhängigkeit stünden im Vordergrund. Die Bindungsfähigkeit ist für die wenigsten ein wichtiger Wert (27 Prozent). Die Jugend sei relativ bindungs-, kritik- und konfliktscheu. „Diese drei Begriffe – Konfliktfähigkeit, Kritikfähigkeit und Bindungsfähigkeit – stehen bei den Jugendlichen am Ende der Werteskala. Das überrascht schon“, findet Opaschowski.

Vor allem junge Männer hielten wenig von Bindungsfähigkeit, nur 22 Prozent der Befragten stuften diesen Wert als besonders wichtig ein. Bei den jungen Frauen waren es immerhin 31 Prozent. „Hier deuten sich mögliche Konflikte in Partnerschaftsbeziehungen an“, glaubt der Zukunftsforscher. Allerdings verweist er zugleich darauf, dass die Zahl der Scheidungen in Deutschland gesunken ist. Ehen werden später geschlossen, halten aber auch aufgrund der höheren Lebensdauer so lange wie nie zuvor.

Das alte Sprichwort „Jugend hat keine Tugend“ hat sich überlebt

Die fehlende Bereitschaft zu sozialen Verpflichtungen bekämen heute schon Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Vereine zu spüren. Die Mitgliederzahlen sinken. Opaschowski sieht keine Trendwende. „Sie können davon ausgehen, dass sich die Mitgliederzahlen halbieren werden“, sagt er für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre voraus.

Eine Gefahr für die Gesellschaft erkennt der Zukunftsforscher darin aber nicht. Es werde neue, informelle Gruppen geben, die den Anspruch auf Mitgestaltung erheben. Plebiszite, also Abstimmungen des Volkes über eine bestimmte Frage, wie in Großbritannien beim Brexit und Basisbefragungen würden immer wichtiger.

Eine neue Form der Demokratisierung, in der sich Formelles und Informelles zusammentue, könne entstehen. Die Millennials setzten eigene Akzente in der Werteorientierung. Das alte Sprichwort „Jugend hat keine Tugend“ habe sich überlebt. (dpa/ks)



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