Ein Leben für die Kampfkunst

Wie ein Norddeutscher dazu kam Kung Fu Meister zu werden
Meister Bast mit seiner Lieblingswaffe, dem Schwert. (Meister Bast mit seiner Lieblingswaffe, dem Schwert. (Foto: Steffen Andritzke)

Es ist nicht leicht in irgendetwas meisterlich zu werden und es ist auf keinen Fall leicht in irgendetwas ein Meister zu sein. Auch, und schon gar nicht in der traditionellen chinesischen Kampfkunst „Kung Fu“. Sifu Brunke Bast aus Hamburg ist Kung Fu Meister und konnte im vergangenen Jahr in der „Kategorie der Meister“ fünf Weltmeistertitel erringen.
Wer beim Betreten seiner Kampfkunstschule wilde Flegel mit blutigen Nasen erwartet, muss bereits am Eingang seine vorgefertigte Erwartungshaltung überprüfen. Dort thront nämlich eine Buddhastatue, die mit strengem Blick die Kommenden mustert. Bereits hier ahnt man, dass es keine Schule ist, bei der es nur um intelligenzfreies Schlagen und Treten geht, sondern dass hier ein Geist herrscht, der seinen Ursprung offensichtlich in der buddhistischen Lehre hat. Wie kommt nun aber ein Norddeutscher dazu Kung Fu Meister zu werden und was für eine Verbindung hat er zum Buddhismus?
Eine TV-Serie und ihre Folgen
„Ich bin durch die alte TV-Serie mit David Carradine auf Kung Fu aufmerksam geworden und es hat mich fasziniert, dass diese Kampfkunst auch noch einen philosophischen Hintergrund hat“, sagt Sifu Bast. Da früher aber das traditionelle Kung Fu in Deutschland kaum verbreitet war, begann er im Alter von zehn Jahren erst einmal Karate, Judo und Teakwondo zu betreiben. Trotzdem gab er die Suche nach einem Kung Fu-Lehrer nicht auf. Es schien in ihm eine große Sehnsucht nach dieser Kampfkunst zu existieren, die er in fester Verbindung mit Buddhismus, Bescheidenheit, Disziplinierung und Kultivierung des Charakters sieht.
Nach Jahren der Suche fand er endlich doch jemanden, der ihn im Kung Fu unterrichten konnte. Er trainierte jetzt täglich, wenn es sein musste auch auf einer Wiese oder im Garten seiner Eltern. „Meine Eltern befürchteten allerdings, ich könnte damit anderen Menschen Schaden zufügen und fanden es auch sehr befremdlich, dass ich jetzt auch noch mit Waffen im Garten rumgesprungen bin. Vater sagte oft ‚oh Gott, oh Gott, wo führt das denn bloß hin?’“
Ein Brief an den Großmeister in China
Nach jahrelangem hartem, täglichem Training schrieb Brunke schließlich einen Brief an den Großmeister in China, der ihn daraufhin zu seiner ersten Unterweisung einlud. „Diese Einladung war für mich sehr erfreulich denn es war früher überhaupt nicht üblich, dass die alte traditionelle Kampfkunst außerhalb Chinas verbreitet oder Ausländern gelehrt wurde. Als mein Meister aber sah, wie hart ich trainierte, nahm er mich zum Glück dann doch als seinen Schüler auf.“

Als er 1990 seine Prüfung als Lehrer bestanden hatte, durfte er sein Wissen auch selber an andere weitergeben. Tagsüber arbeitete er als Kältetechniker und abends gab er seinen Schülern zwei Jahre lang Unterricht in einem Keller, bevor er Räume anmieten konnte, um seine eigene Schule zu eröffnen. Auch flog er weiterhin regelmäßig zu seinem Meister, um sich in alle Elemente dieser Kampfkunst einweihen zu lassen. Täglich arbeitete er sehr hart an sich um sich immer weiter zu verbessern. „Die größte Herausforderung hierbei ist die Eigendisziplinierung in Form von regelmäßigem Training – auch wenn man mal keine Lust hat. Das ist äußerst wichtig um stetig voran zu kommen. Eigentlich geht es gar nicht darum andere zu bekämpfen, sondern darum den eigenen inneren Schweinehund zu besiegen.“
Durch harte Arbeit etwas erreichen
Auf die Frage nach seinem härtesten Training erzählt er: „Das war 1995 in China. Damals musste ich die „eisernen Hände“ trainieren und sie fünf Stunden in einen Eimer mit Erbsen schlagen, greifen und wieder loslassen. Zuvor musste ich aber eine Abhärtungsübung auf einem mit Sand gefülltem Leinensack machen, auf den ich meine Hände schlagen musste. Danach musste ich sie in eine Schüssel mit heißem Wasser tauchen in der eine speziell angefertigte Mixtur enthalten war um sie abzuhärten. Dies war aber auch zugleich ein Teil meiner Meisterprüfung – nämlich den Schmerz zu überwinden und die Aufträge meines Meisters so gut zu erfüllen wie es nur eben geht.“ Insgesamt wurde er bei seiner Meisterprüfung täglich über einen Monat lang geprüft: wie er kämpfte, ob er die Techniken und die Formen gut beherrschte, Kraft, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen, wie er sich seinen Mitschülern gegenüber verhielt – ja sogar wie er seinem Meister den Tee reichte, wurde in diesen Wochen geprüft um zu entscheiden, ob er überhaupt würdig und ehrenhaft genug war, das Erbe des Kung Fu in dieser Generationsfolge weiterzuführen. „Ich bestand schließlich diese umfassende Prüfung und durfte mich von nun an Sifu (Meister) nennen. Ich erkannte damals, dass ein sehr wichtiger Bestandteil dieser Ausbildung auch der Respekt vor den alten Traditionen und Regeln ist und dem Nutzen, den wir daraus ziehen, indem wir uns ihnen unterwerfen. Im Grunde genommen wächst man ja erst am Widerstand.“ Wen wundert es dann noch, dass „Kung Fu“ übersetzt soviel bedeutet wie „durch harte Arbeit etwas erreichen“.
Kung Fu – eine Kampfkunst der Gelehrten
„Ein bisschen habe ich auch das Gefühl auf etwas verzichtet zu haben. Ich konnte nicht so oft durch die Kneipen und Discos von St.Pauli ziehen, weil ich jeden Abend im Trainingsraum verbrachte. Wenn man aber herausragende Leistungen erbringen will, muss man auch herausragenden Einsatz einbringen – egal was man tut. Jeder gute Fußballer hat wohl das gleiche Programm und jeder erfolgreiche Geschäftsmann wird wohl auch auf irgendetwas anderes verzichten müssen – man kriegt eben nur das heraus was man hineinsteckt.“

Heute ist er fünffacher Weltmeister und selbst sein Vater ist jetzt sehr stolz auf ihn. Meister Bast sagt dazu: „auch wenn ich fünf Titel geholt habe, sollte man das relativieren, da es ja nicht nur eine Weltmeisterschaft gibt. Es gibt bestimmt auch andere, die es noch besser machen als ich. Außerdem sehe ich mich immer noch als einen Schüler meines Meisters, der versucht sich weiter zu verbessern. Man lernt eben nie aus.“ Trotzdem hat er inzwischen weltweit den höchsten Level in seinem Stil erreicht und seine Schule zählt mit etwa 800 qm und 900 Schülern (bundesweit) mittlerweile zu den größten Kampfkunstschulen Europas.
Jeden Tag gibt er vormittags und nachmittags Unterricht. „Ich führe auch viele Gespräche mit meinen Schülern und sobald mir auffällt, dass einer in eine extreme Richtung geht, trenne ich mich von ihm. Ich kann doch keinen Extremisten in der Kampfkunst ausbilden und dann auch noch Vollkontakt kämpfen lassen. Ich denke sowieso, dass Kung Fu nur Leute mit einer bestimmten Intelligenz lernen können. Man sagt auch, Kung Fu sei die Kampfkunst der Gelehrten. Allerdings“ so sagt er weiter „sollte man sich aber auch genau über den Lehrer informieren, bei dem man lernen möchte – auch neue Schüler sollten sich erstmal einen Eindruck von ihm verschaffen.“
Der Traum von einer Privatschule

Meister Bast (r.) demonstriert Abwehrtechniken. (Meister Bast (r.) demonstriert Abwehrtechniken. (Foto: Steffen Andritzke)

Gegenseitiges Vertrauen ist sowieso sehr wichtig, denn nachdem sie einen gewissen Leistungsstand erreicht haben, „dürfen“ die Schüler auch Vollkontaktkämpfe bestreiten. Ein älterer Schüler erzählt, dass es für Fortgeschrittene manchmal auch zu Angriffsituationen beim Training kommt, bei denen sich ein Schüler im Vollkontakt auch schon mal gegen mehrere Angreifer durchsetzen muss. „Das Konzept des Kung Fu besteht unter anderem auch in der Stress- und Angstbewältigung während eines Angriffs. Auch im Training muss man sich ja immer wieder aufs Neue überwinden mit anderen zu kämpfen“, sagt Sifu Bast.

Jetzt ist er 38 Jahre alt, glücklich verheiratet und stolzer Vater einer kleinen Tochter. Befragt nach seinen persönlichen Werten nennt er als erstes: Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. „Aber auch den Leuten mal verzeihen können, Barmherzigkeit, egal ob arm oder reich und jemanden nicht nach seinem Geld und Erfolg zu beurteilen. Man kann sich zwar viel Mühe geben aber letztlich ist eben doch nicht alles steuerbar – selbst wenn man das will.“ Hat man als Weltmeister eigentlich noch Wünsche und Träume? „Mein Traum wäre es eine deutsch-chinesische Privatschule zu gründen, in der christliche und buddhistische Werte vermittelt werden und in der der Schulsport natürlich Kung Fu ist. Das kann uns positiv beeinflussen und durch das harte Training werden wir daran erinnert, dass wir doch auch immer wieder bei uns selber nachschauen müssen.“
Verlässt man die Schule von Sifu Bast, so bleibt der Blick an einer Tafel mit folgender Aufschrift hängen: „Langjähriges, hartes Training führt einen Menschen dahin, seine Unzulänglichkeiten zu erkennen und demütig zu werden. Nur wer seine Mitschüler achtet, wird selbst geachtet und wird seinen Platz in der Gemeinschaft haben.“
.„Und übrigens“, sagt er bei der Verabschiedung noch, „ Sie können Ihren Lesern ruhig mitteilen, dass es kaum einen zufriedeneren Menschen gibt als mich!“

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