Intimitäten ja, aber keine Geheimnisse

Epoch Times15. Juli 2008 Aktualisiert: 15. Juli 2008 18:10
Monika Mori: Interview mit einem hochsensiblen Menschen

„Intimitäten gibt es wohl, aber keine Geheimnisse. Und damit fahr ich gut.“ Der erste Satz, den die 48-jährige Österreicherin Monika Mori beim Treffen sagt, bleibt Programm für das gesamte Epoch Times-Interview. Die ehemalige Trainerin für Langzeitarbeitslose sprach mit Florian Godovits über Abgrenzung und Mitgefühl und warum ihr Menschen so gerne ihre Lebensgeschichte erzählen. Über Gut und Böse und ihr geistiges Nahverhältnis zum verstorbenen österreichischen Popstar Falco.

ETD: Was sind die Dinge, die Sie der Öffentlichkeit über sich erzählen möchten?

Mori: Ich hatte hier im Café, bevor Sie gekommen sind, Zeit, nachzudenken und Leute zu beobachten. Ich gehe gerne auf Menschen zu. Wenn ich Menschen beobachte, die nur für sich gehen, finde ich das nicht gut. Dann möchte ich sie wachrütteln, möchte sie ins Leben bringen. Animieren – reanimieren.

ETD:
Das setzt voraus, dass manche Menschen gar nicht richtig leben.

Mori: Ich spüre so was, ich sehe es auch am Gesicht und an der Körperhaltung. Ich bin aber keine Fachfrau für Körpersprache – ich merke das einfach. Aufgrund meiner Tätigkeit mit Menschen und als Trainerin für das Arbeitsmarktservice ist diese Erfahrung da. Das ist auch der Hintergrund meines Projektes. Zielgruppe sind eben die Arbeitslosen und die Langzeitarbeitslosen. Aber generell gehe ich so durchs Leben.

ETD: Und wie reanimiert man die anderen?

Mori: Indem man ihnen Aufmerksamkeit schenkt und sie wertschätzt. Kleinigkeiten… Das klingt kitschig, aber sie wahrzunehmen und sie als „okay“ wahrzunehmen.

ETD: Spüren – das klingt nach einem sensiblen Menschen.

Mori: Ja, ich würde mich als hochsensiblen Menschen bezeichnen.

ETD: Wie lebt man damit in unserer heutigen Ellbogen-Gesellschaft?

Mori: Es eröffnet einem mehr Chancen, zu animieren. Zum Aufwecken und wach machen, weil ich das lebe. Man sieht mir das auch an, ich kann mich schwer verstellen und trage keine Maske. Wenn mich etwas berührt, kann es auch sein, dass einmal die Tränen laufen. Der Mensch, das ist der Kern des Ganzen.

ETD: Was hat es mit dem von Ihnen veröffentlichten Buch „HARD FACT: arbeitslos. SOFT SKILL: kreativ“ auf sich?

Mori:
Ich habe Emil Kuzmanov kennengelernt, und er ist langzeitarbeitslos. Meine Mail von mir an ihn, in dem ich ihn frage, was er von einem Büchlein hält, findet sich im Buch. Und was dann daraus wurde, ist ein Buch. Ziel war es, Gedichte und Bilder von arbeitslosen Menschen aus der Zeit der Arbeitslosigkeit zu präsentieren. Wie Hindernisse bewältigt werden durch Kreativität, durch Schreiben, Malen, Singen – was auch immer. Es kamen dann Beiträge zu mir von Leuten, die ich nicht kannte. Und Trainer von Arbeitslosen haben auch ihren Beitrag geleistet, was Arbeitslosigkeit aus ihrer Sicht bedeutet.

ETD: Das Thema Langzeitarbeitslosigkeit ist an sich etwas eher „Schweres“ und sicherlich kein angenehmes Thema für die Betroffenen.

Mori: Langzeitarbeitslosigkeit resultiert aus vielen vielen Kleinigkeiten. Die Menschen haben oft resigniert und eine andere Lebensform gefunden. Das Problem ist auch, dass sie große Angst haben vor dem System. Dazu kommen auch oft gesundheitliche Probleme und Suchtthematiken. Alkohol ist ein großes großes Thema, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Schulden…Durch ein Gespräch kommt aber oft sehr viel in Gang. Wo drückt es, wo sollten wir ansetzen.

ETD: Das Buch sieht beim Durchblättern sehr gut aus.

Mori: Ja, es ist ein großes Vertrauen drinnen mit diesen Geschichten, das uns entgegengebracht wurde. Da ist etwa ein berührendes Loswerden in einer Email drin, da habe ich geheult, als ich sie bekommen habe. Da habe ich mir gedacht, es ist unglaublich, das in diese Form zu bringen und es andere Menschen lesen zu lassen. Wir haben das auch unverändert abgedruckt, nicht unter künstlerischen Aspekten, sondern eher intuitiv. Solchen Werken wollten wir auch die Wertschätzung geben, dass sie in edler Buchform erscheinen, und nicht irgendwie zusammengeheftet. Mit tollem Papier, Farbe und Hardcover-Umschlag, das war uns wichtig. Es ist etwas sehr Wertvolles.

ETD: Wie stellt man das auf die Beine?

Mori: Ich habe es vorfinanziert. Emil hat das Design des Buches unentgeltlich gemacht. Es sind nur Sponsoren darin abgedruckt, die von Anfang an das Projekt begleitet haben, und das hat nichts mit direkter finanzieller Unterstützung zu tun. Mein Dienstgeber hat mich etwa sehr unterstützt. Ich habe ein 20-Stunden-Dienstverhältnis und meine Firma hat mir auch die Infrastruktur zur Verfügung gestellt, um an meinem Buchprojekt zu arbeiten. Sonst könnte ich das in der Form gar nicht machen. Es ist auch interessant, Emil und ich sind mit jedem Gedicht besser geworden in der Zusammenarbeit, das war auch ein Prozess.

ETD: Wie schafft man es, sich gegenüber all dem Leid, das einem da begegnet, abzugrenzen.

Mori: Das war nicht immer so leicht, wie es sich jetzt darstellt. Da muss ich mehr von mir erzählen. Im Jahr 2004 bekam ich die Diagnose MS, also Multiple Sklerose. Ich habe dann viel recherchiert, und für mich ist diese Krankheit eine Autoaggression. Dann habe ich mir gesagt, so geht´s nicht, und habe zu malen begonnen. In der Schule hatte ich nie gute Noten in Zeichnen. Trotzdem habe ich mir Farbe und Leinwände gekauft und habe begonnen, Kreise zu malen, immer nur Kreise. Da ist vieles in Gang gekommen. Dann habe ich mich auch sehr intensiv mit Farben auseinandergesetzt. Ich sage bis heute nicht, dass ich krank bin, sondern dass ich eine Diagnose bekommen habe. Wie ich mit all dem umgegangen bin, da wurde ich auch stark belächelt. So in die Richtung „Hat sie jetzt noch alles beisammen?“ und „Jetzt haben wir sie nicht mehr lang“. Da habe ich gelernt, mich abzugrenzen. Es berührt mich immer noch sehr, wenn Menschen mir ihre Geschichte erzählen. Ich habe sehr sehr viele Begegnungen gehabt mit Menschen, die sich mir anvertraut haben, anscheinend strahle ich das aus. Einmal hat sich ein Mann in einem Kaffeehaus zu mir gesetzt, so um die 70 herum, erzählt mir seine Geschichte und weint. Ich habe mich danach für sein Vertrauen bedankt und mir gedacht, mein Gott, diesem Menschen geht es jetzt besser. Das hat mich berührt, aber ich habe nicht mitgelitten. Das habe ich mit der Zeit gelernt.

ETD:
Gibt es für Sie einen Sinn des Lebens?

Mori: Es gibt einen Unterschied zwischen Spiritualität und dem institutionalisierten Glauben. Es gab eine Zeit, da habe ich alles hinterfragt, jede Begegnung. Doch jetzt habe ich dieses Urvertrauen wieder gewonnen, dass alles so seine Richtigkeit hat. Das geht in Richtung Schicksal. Ich habe Aufgaben. Der Spruch „Ich möchte in diesem Leben die Matura (Anm. d. das österreichische Abitur) machen, nicht erst im nächsten“. Deshalb stelle ich mich meinen Aufgaben und versuche, sie zu lösen. Habe aber auch erkannt, dass ich nicht alles lösen kann, und das lasse ich dann stehen. Das lasse ich dann stehen für eine Zeit. Mein Sohn sagt oft zu mir: „Hast Du noch nicht genug“, weil er sieht, dass ich Tag und Nacht arbeite und mich für andere einsetze. Ich sage ihm dann: „Ich kann nicht anders, geht nicht. Wenn ich das spüre, muss ich es tun.“

Mori:
Into the life, das gilt auch für die Arbeitslosen, die an meinem Buch mitgearbeitet haben. Sie stehen dann im Rampenlicht. Das beginnt für mich, so wie alles für mich, in der kleinsten Zelle unserer Gesellschaft, in der Familie.

ETD: „Out of the Dark, into the Light“, so die Textzeile von Falco. Gut und Böse, gibt es das für Sie?

Mori: Es muss Gut und Böse geben, so mein derzeitiger Kenntnisstand. So, wie es Tag und Nacht gibt, Schwarz und Weiß gibt, Yin und Yang und so weiter. Uns wird uns auch oft vorgegaukelt, dass etwas gut oder böse ist, ohne dass es vielleicht so ist. Es steht uns jedoch nicht zu, zu verurteilen. Weil man die eigenen Gefühle, die eigenen Gedanken immer projiziert. Ich kann nur für mich beurteilen, aber nicht verurteilen. Aber für sich selbst muss man doch Werte haben.
Emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz, das sind zwei meiner Lieblingswörter. Doch ich suche da nach neuen Wörtern, denn die sind schon so abgedroschen. Für mich ist es einfach das Menschsein. Mensch, sei Mensch.

ETD: Selbst die Emotionale Intelligenz beinhaltet ja nur einen Teil der in der Psychologie anerkannten Teile der Intelligenz.

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Mori: Ja, mir gefällt der Zugang des Daoismus, dass jeder Körper ein Universum ist. Ich habe vorhin das Gender Mainstreaming genannt. Ich kann damit teilweise ganz gut, aber für manche Dinge fehlt´s mir wirklich an Verständnis. Ich bin überzeugt – und mit 48 trau ich mich das zu sagen – dass es nur so geht, wenn Mann Mann sein darf und Frau Frau sein darf. Die männlichen Elemente sind sehr sehr wertvoll, wie auch die weiblichen sehr wertvoll sind. Diese Vermischungen – Stichwort Emanzipation oder Gleichberechtigung – das sind alles Gedankenkonstrukte.

ETD:
Die nicht der Realität des menschlichen Körpers entsprechen?

Mori: Ja, so sehe ich das.

ETD:
Wie haben Sie den Skandal um Eva Herman erlebt?

Mori: Also, Eva Herman, die ist sehr attraktiv und sehr fraulich. Da merkte man auch die allgemeine Oberflächlichkeit und dass man sich nicht mit dem auseinandergesetzt hat, was wirklich gesagt wurde. Das begegnete mir bei dem Projekt mit den Arbeitslosen auch. „Die wollen doch nur Geld und nichts arbeiten“, das ist mir oft begegnet. Dann habe ich mich auf einen Adventmarkt gestellt und mir den Hintern abgefroren, um den Leuten zu erzählen, was wirklich los ist. Dass der Nachbar vielleicht arbeitslos ist und so tut, als ob er zur Arbeit ginge, weil er sich schämt. Das ist mir wichtig, dass die Menschen das verstehen und nicht alle über einen Kamm scheren. Gegen solche Verallgemeinerungen wehre ich mich, denn es geht nur gemeinsam.

Dieses Kämpfen gegen Ansichten anderer… Es geht nur miteinander. Entweder ich setze mich damit auseinander oder ich lasse es, aber das Kämpfen gegeneinander ist verlorene Energie. Wenn wir Umdenken, vielleicht können wir miteinander. Warum sollten wir Feinde sein? Das geht von der Familie in die U-Bahn in die Firma – das wäre so meine Vision.

Das Gespräch führte Florian Godovits.

Zur Person:
Monika Mori (www.m-ori.at) arbeitete als Industriekauffrau in verschiedenen Branchen, zuletzt als Assistenz der Geschäftsleitung, wurde arbeitslos und setzte sich mit dieser Thematik auseinander. 2004 Ausbildung zur Trainerin für den arbeitsmarktpolitischen Bereich. Ihr Buch HARD FACT: arbeitslos. SOFT SKILL: kreativ, ISBN: 978-3-200-01196-0 kann ab sofort zum Preis von 19,50 Euro erworben werden.

Text erschienen in Epoch Times Deutschland Nr. 29/08.

(www.m-ori.at)
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