Wir brauchen Zivilcourage wie Tugce und warum wir nicht wegsehen dürfen

Von und 3. Dezember 2014 Aktualisiert: 3. Dezember 2014 17:10
Wir müssen uns gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ einsetzen, mahnte Papst Franziskus kürzlich in seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg, . (Papst Franziskus, 25.11.14, Rede vor dem Europaparlament, Straßburg) …

Wir müssen uns gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ einsetzen, mahnte Papst Franziskus kürzlich in seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg, . (Papst Franziskus, 25.11.14, Rede vor dem Europaparlament, Straßburg)

September 2009: Der Geschäftsmann Dominik Brunner mischt sich in einer Münchner S-Bahn in einen Streit zwischen Jugendlichen ein. Zwei 17- und 18-Jährige belästigen und bedrohen vier 13- bis 15-jährige Schüler. Zuerst versucht er die Täter zur Vernunft zu bringen, schließlich ruft er die Polizei. Als Brunner mit den Jüngeren aussteigt, folgen ihm die beiden anderen Jugendlichen und schlagen und treten Brunner, der kurze Zeit später im Krankenhaus an seinen Verletzungen stirbt.

November 2014: Eine junge Frau schreitet beherzt ein, als sie sieht, dass zwei Mädchen in der Toilette der McDonalds-Filiale von Jugendlichen bedrängt werden. Als sie wenig später das Restaurant verlässt, lauern ihr die Täter auf. Einer davon – ein junger Serbe – schlägt ihr ins Gesicht, sie taumelt, schlägt mit dem Kopf auf das Straßenpflaster auf und erleidet dabei schwere Kopfverletzungen. Die junge Studentin Tuğçe bezahlt ihre Zivilcourage wenige Tage später mit dem Leben.

Gewalt geht uns alle an

Immer wieder kommt es zu Gewaltexzessen, besonders unter Jugendlichen. Doch wer jetzt vielleicht glaubt, es sei besser, in einem solchen Fall lieber nicht beherzt einzugreifen, weil er andernfalls selbst in Lebensgefahr kommen könnte, irrt: Gewalt geht uns alle an. Auch diejenigen, die dabeistehen und wegschauen. Jeder ist verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten, gezielt einzugreifen, denn „unterlassene Hilfeleistung“ steht unter Strafe. Häufig sind es allerdings die gleichen Fragen und Einwände, mit denen sich "Untätige“ rechtfertigen, die Zeuge einer Straftat geworden sind. Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit oder Desinteresse am Schicksal des Nächsten sind in unserer Gesellschaft häufig anzutreffen.

Was wird aus einer Gesellschaft, in der Bürger wegsehen?

Was aus Gesellschaften wird, in denen Menschen wegsehen, sich wegducken und lieber nichts tun, hat die Geschichte gezeigt. Wir brauchen den Mut des Einzelnen, der unerschrocken seine eigene Meinung vertreten kann und eingreift, wenn andere Menschen in Not geraten. Wir brauchen Zivilcourage, die damit beginnt, genau hinzusehen und wahrzunehmen, was passiert, statt wegzuschauen. Sie ist für unsere demokratische Gesellschaft unerlässlich. Und die gute Nachricht ist: Wir können trainieren hinzusehen und mutig zu sein.

Natürlich ist es einfacher, sich abzuwenden, weil wir Angst haben, uns zu blamieren, wenn sich herausstellt, dass wir eine Situation zu dramatisch eingeschätzt oder unsere Fähigkeiten als Helfer überschätzt haben. Manchmal trauen wir uns auch nicht, weil wir nicht wissen, was zu tun ist. Dazu kommt die Aufregung, denn in einer solchen Ausnahmesituation klar und rational zu denken, ist schwierig. Also warten wir ab, riskieren nichts – und retten im Zweifel lieber unser eigene Haut als das Leben eines anderen.

Zivilcourage können wir lernen

Doch das muss nicht sein, denn Zivilcourage können wir lernen, indem wir uns mit Gewalt-Szenarien auseinandersetzen, bevor sie geschehen. Wenn wir Zeuge einer Gewalttat werden, ist es meist zu spät. In diesem Augenblick müssen schnell Entscheidungen getroffen werden. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen, was man tun will, keine Zeit, genau abzuwägen, ob man lieber zusehen, wegschauen oder eingreifen will. Blitzschnell müssen wir entscheiden, ob wir das eigene Wohl und die eigene Unversehrtheit über den Schutz des Opfers stellen und in sicherem Abstand verharren oder ob wir das Opfer schützen und uns in Gefahr begeben wollen. 

Häufig führt gerade dieser unauflösbare Widerspruch zwischen der Sorge um die eigene physische Unversehrtheit und dem Anspruch des Opfers auf Hilfe jedoch dazu, dass wir paralysiert sind und nicht mehr handeln können. Weil wir selbst nicht zur Zielscheibe der Gewalt werden wollen, tun wir im Zweifel lieber nichts, damit wir nicht das Falsche tun. Aber ist das wirklich eine Lösung?

Mindestens einmal werden wir Zeuge oder gar selbst Opfer einer Gewalttat

Gerade angesichts der wachsenden Zahl von Gewalttaten ist es doch sehr wahrscheinlich, dass wir zumindest ein- oder gar mehrmals im Verlauf unseres Lebens entscheiden müssen, ob wir  einem bedrohten Menschen beistehen wollen oder lieber untätig bleiben. Und genau deshalb sollten wir das Szenario einmal in Ruhe in Gedanken durchspielen und überlegen, was wir tun können, wenn wir in eine solche Situation geraten.

Dafür sollten wir uns nicht nur mit unseren eigenen Ängsten auseinandersetzen, sondern uns zugleich vorstellen, wie unser Verhalten auf das Opfer und auf die Täter wirken könnte. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der S-Bahn und werden Zeuge, wenn ein junger Mann mit Migrationshintergrund von zwei glatzköpfigen Männern angepöbelt und angegriffen wird. Was tun Sie?

Handeln, aber wie?

Für die Antwort auf diese Frage, ist es auch wichtig, den rechtlichen Rahmen zu kennen. Entscheiden wir uns fürs Eingreifen, müssen wir auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel achten, wie es Juristen formulieren. Das heißt, wir dürfen nur in dem Maß Gewalt anwenden, die zur Abwehr eines Angriffs unmittelbar erforderlich ist. Es gilt der sogenannte Notwehr- bzw. Nothilfe-Paragraph, in dem es heißt: "Notwehr ist diejenige Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren. Die Verteidigung muss im Verhältnis zum Angriff stehen."

„Unterlassene Hilfeleistung“ dagegen steht unter Strafe (§ 323c Strafgesetzbuch). „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not" nichts tut, obwohl ihm das zuzumuten wäre, muss mit Gefängnis rechnen. Bei aller Paragrafen-Reiterei sollten wir jedoch eines im Auge behalten: Zivilcourage kann man nicht per Gesetz verordnen, sondern sie muss in den Köpfen der Menschen verankert werden. Wenn Sie nun Ihre Entscheidung getroffen haben, und einmal Zeuge einer Gewalttat werden, sollten Sie sich an den Handlungsfaden halten, den die Initiative „Augen auf!“ erarbeitet hat.

1.      Zögern Sie nicht, handeln Sie sofort! Je länger Sie zögern, desto schwieriger ist es, einzugreifen.

2.      Versuchen Sie zunächst die Täter zu verunsichern und Öffentlichkeit herzustellen, indem Sie laut und schrill „Hilfe Überfall“ oder Ähnliches schreien.

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3.      Erzeugen Sie Aufmerksamkeit, indem Sie Umstehende und Schaulustige persönlich ansprechen und Sie mit in die Verantwortung nehmen.

4.      Holen Sie Hilfe! Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon, rufen Sie Polizei und Notarzt oder betätigen Sie die Notbremse in der Bahn. Versuchen Sie sich signifikante Merkmale der Angreifer Sprache (Akzent etc.), Kleidung, Gesichter für die spätere Wiedererkennung und Identifizierung einzuprägen.

5.      Halten Sie Blickkontakt zum Opfer oder sprechen Sie es direkt an.

6.      Spielen Sie nicht den Helden und begeben sich nicht unnötig in Gefahr. Fassen Sie Täter niemals an, lassen Sie sich nicht aus der Reserve locken und provozieren Sie Täter nicht.

7.      Versuchen Sie ruhig zu bleiben. Konzentrieren Sie sich darauf, das zu tun, was Sie sich vorgenommen haben.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zivilcourage ist erlernbar

[–Zivilcourage ist erlernbar–]

Zivilcourage ist also trainierbar. Man kann die Angst vor dem Täter durch entschlossenes und zielsicheres Handeln, wie es die Initiative „Augen auf“ beschrieben hat, in den Griff bekommen. Und doch stellen sich Wissenschaftler immer wieder die Frage, ob es nicht etwas gibt, das Helden mit Zivilcourage von den Mutlosen unterscheidet, die in nichts hineingezogen werden wollen?

Seit einigen Jahrzehnten bereits gibt es dazu Untersuchungen, Verhaltensexperimente und Befragungen. So haben US-Wissenschaftler beispielsweise festgestellt, dass die Hilfsbereitschaft bei Menschen auf dem Land tatsächlich größer ist als in der Großstadt. Das Gleiche gilt für Angehörige von Berufsgruppen, die viel mit Menschen zu tun haben, dazu gehören Busfahrer, Lehrer, Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen.

Wenig herausgekommen ist dagegen bei der Suche nach einer "Retter-Persönlichkeit": Dass der Impuls einzugreifen und Leben zu retten eine Charaktereigenschaft sein könnte, glaubte man früher. Heute hingegen ist es umstritten. Selbst Menschen, die im Dritten Reich Juden versteckten oder im Widerstand waren, Menschen also, denen US-Soziologen eine "altruistische Persönlichkeit" attestierten, werden heute eher als Getriebene der Umstände gesehen. Die Helden der Nazi-Zeit hat wohl vielmehr verbunden, dass "sie Handlungsspielräume wahrgenommen haben, wo andere keine sahen“. Das glaubt zumindest der Sozialpsychologe Harald Welzer.

Die Persönlichkeit spielt hier also allenfalls eine untergeordnete Rolle. Welzer fand dagegen heraus, dass vielmehr die Situation entscheidet, ob Menschen zu Lebensrettern werden oder Beobachter bleiben. Waren Menschen allein und wussten, dass es ganz allein auf sie ankommt, handelten sie öfter, konnten sie dagegen in der Menschenmenge abtauchen, waren sie meist gelähmt und taten nichts.

Besinnen auf humane Grundwerte

Vielleicht gibt es aber noch etwas, das Forscher bei der Suche nach Antworten bislang außer Acht gelassen haben – nämlich unsere humanistischen Grundwerte. Es sind Antworten, die jeder ganz persönlich für sich auf die entscheidenden Fragen des Lebens gefunden hat. Diese Werte leiten unser Handeln, sie sind moralischer Anspruch und Verpflichtung zugleich.

Jedes Leben ist einmalig und unwiederholbar. Und genau deshalb liegt es an uns selbst, ethische und moralische Entscheidungen zu treffen. Wenn wir uns öfter auf Werte wie Nächstenliebe, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Schwächeren besinnen, werden wir die richtigen Entscheidungen treffen, auch und gerade in Situationen, in denen andere unserer Hilfe bedürfen. Auch Eltern, Schulen und die Medien sind hier in der Pflicht.

Ohnmächtig sind wir nie!

Wegschauen ist keine Option, denn ohnmächtig sind wir nur dann, wenn wir nichts tun. Wir müssen uns auf unsere Kräfte und auf unsere Werte besinnen – also auf das, was demokratische Gesellschaften zusammenhält: den Mut des Einzelnen, Mitgefühl, unseren Sinn für Gerechtigkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft, und gewalttätigen Tendenzen entschieden entgegentreten. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die verantwortlich handeln und Risiken eingehen.

Literatur: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle, 2014, Dr. Psych’s Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Band 1 und Band 2, Jerry Media Verlag

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