„Wir sind alle miteinander verbunden“

Epoch Times9. August 2010 Aktualisiert: 9. August 2010 6:06

Nein, es ist kein Künstlername, hinter dem sich die gebürtige Rumänin Alexis Eremia versteckt – sie heißt tatsächlich so. Ebenso phantasievoll wie ihr Name zeigt sich dann auch der dazugehörige Mensch. Dass sie nicht bei den Visionen stecken bleibt, sondern in mehreren Projekten die Realität ihren Visionen annähert und nicht umgekehrt, macht sie zu einer der Integrationsfiguren der deutschsprachigen Social-Entrepreneurship-Szene. Eloquent und offenherzig sprach die in Wien lebende Mitbegründerin von „Emersense“, einem Social-Entrepreneurship-Unternehmen, mit uns über „Lern-Biotope“ und die aus ihrer Sicht angeborene Kenntnis um die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft, in der wir leben.

„Zwischen richtigem und falschem Handeln liegt ein Weg. Dort werden wir uns treffen“, zitierte Alexis Eremia gleich zu Beginn unseres Gesprächs den Sufi-Gelehrten Rumi. Wir trafen sie dort.

Epoch Times: Frau Eremia, Sie interessieren sich für viele verschiedene Dinge – gibt es dennoch einen roten Faden in ihrem Leben?

Eremia: Ja. Ich möchte alternative Lösungen finden, um positive Veränderungen herbeizuführen. Deshalb haben wir auch Emersense gegründet. Unser Ausgangspunkt war: Es gibt sehr viele Menschen mit Fähigkeiten und guten Absichten, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Dieses Potenzial wird jedoch nicht gefördert. Für so etwas gibt es wenige Plätze.

Epoch Times: Könnten diese Menschen nicht genauso gut bei bereits existierenden wohltätigen Organisationen oder bei der Feuerwehr oder Rettung arbeiten?

Eremia: Natürlich können sie das. Uns geht es aber darum, es Menschen zu ermöglichen, ihre speziellen Fähigkeiten und Talente voll in den Dienst der Gesellschaft stellen zu können. Nicht nur als Hobby oder als gemeinnützige Tätigkeit neben einem Vollzeitjob. Sondern als Vollzeitjob, der der Welt einen positiven Nutzen bringt.

Ich glaube, dass wir uns in Zukunft auf die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft konzentrieren sollten. Als Individuen sollten wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten Aktivitäten widmen, die der Menschheit so viel Wert wie möglich schaffen.

Was wir bei Emersense tun, ist zusammengefasst: Menschen zu ermöglichen, von Intention zu Aktion zu kommen.

Epoch Times: Ich könnte also sagen, ich mache ein Vermögen mit zweifelhaften Finanzgeschäften und gebe das Geld für Champagner für meine Freunde aus. Damit trage ich doch auch zur Wertschöpfung der Gesellschaft bei, gleichzeitig fördert es die Champagnerindustrie …

Eremia (lacht): Das haben Sie an der Wirtschaftsuniversität gelernt, oder? Ein Beispiel: Ein Freund von mir arbeitete für ein Großunternehmen in Ägypten und sollte dort neue Kaugummisorten kreieren. Er sagte zu mir: „Alexis, ich merke, dass ich nicht im Social Entrepreneurship-Bereich tätig bin. Ich frage mich, ob die Ägypter die fünfzigste Kaugummisorte wirklich brauchen.“ Er hatte Zweifel darüber, ob seine Tätigkeit wirklich einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet.

Epoch Times: Sie haben ihre Doktorarbeit zum Thema „Banken und ihr Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung“ abgebrochen. Was störte Sie – tragen Banken nicht zur nachhaltigen Entwicklung bei?

Eremia: Ich glaube, dass das Bankenwesen einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten kann. Allerdings crashte mit den Großbanken zu Beginn der Finanzkrise auch mein Ausgangspunkt für meine Doktorarbeit. Jetzt habe ich einen anderen Zugang.

Epoch Times: So kamen Sie auf den Nobelpreisträger Mohammed Yunnus und seine Mikrokredite?

...und die aus ihrer Sicht angeborene Kenntnis um die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft, in der wir leben.…und die aus ihrer Sicht angeborene Kenntnis um die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft, in der wir leben.Foto: Zur Verfügung gestellt von Alexis Eremia

Eremia: Ich traf ihn zum ersten Mal im November 2009. Er kam auch zur Eröffnung des „Hub“ in Wien (Anm.: eine Plattform für innovatives Lernen und soziales Unternehmertum) und hielt dort einen Vortrag. Seine Form von Bankwesen trägt sinnvoll zur Gesellschaft bei.

Epoch Times: Und woher weiß man, was sinnvoll für die Gesellschaft ist?

Eremia: Da braucht es keinen exakten Plan. Aber jeder von uns hat ein angeborenes Wissen darüber, was die Gemeinschaft, in der er lebt, braucht. Jeder hat einen Sinn für die Realität, in der er lebt. Auch wenn wir das oft verleugnen.

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Eremia: Ich brauche einen Platz, an dem die Menschen sich darauf konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Ich brauche tatsächliche Kommunikation und Interaktion. Menschliche Interaktion – denn die hat sich in letzter Zeit sehr stark fragmentiert. Wir sind ein Teil der Natur und alle miteinander verbunden. Es gibt diese Verbindung. Und auf die sollten wir uns konzentrieren und sie fördern. Mit Menschen, aber auch mit der Natur.

Epoch Times: Wie kann das funktionieren?

Eremia: Was wir kreieren sind Ökosysteme des Lernens. Wie man solche „Lern-Biotope“ erschafft? Indem man das Lernen nicht kontrolliert.

Wenn ich über Lernen und Bildung spreche, dann meine ich damit nicht gewöhnliche Unterrichtsgegenstände, sondern wie man mit anderen interagiert. Zu lernen, wie man mit der Welt umgeht, was der eigene Platz darin ist – und erst in weiterer Folge das Ansammeln von Wissen.

Unser gesamtes Bildungssystem ist sehr mechanisch geworden. Wir glauben daran, dass wir alles herunterladen und reproduzieren können. Dann sagt uns noch ein Dritter, ob man etwas weiß oder nicht. Das entmenschlicht unsere Gesellschaft. Mit sehr organisch funktionierenden Lernweisen – in einem Umfeld, in dem alle zum Lernprozess beitragen – ist der Einfluss viel nachhaltiger.

Epoch Times: Das klingt gut, aber auch sehr theoretisch. Ist das praktisch denn umsetzbar?

Eremia: Ja, etwa indem wir die Konferenz „Solutions“ vor fünf Jahren ins Leben gerufen haben, in der wir disziplinenübergreifend mit- und aneinander lernen. So arbeiten wir etwa mit einem Choreografen und Tanz, um uns besser kennenzulernen.

Epoch Times: Danke für das Gespräch.

Foto: Zur Verfügung gestellt von Alexis Eremia