„Björn Höcke der Weltliteratur“? Peter Handke zeigt Journalisten nach Eklat die kalte Schulter

Von 17. Oktober 2019 Aktualisiert: 17. Oktober 2019 19:10
Das Nobelpreiskomitee scheint sich selbst, durch seine Entscheidungen über die Vergabe des Literaturnobelpreises zunehmend Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Das Nobelpreiskomitee in Stockholm scheint sich selbst, vor allem aber den Medien, die sich für Originaltöne der Preisträger interessieren, durch seine Entscheidungen über die Vergabe des Literaturnobelpreises zunehmend Unannehmlichkeiten zu bereiten.

War der Preisträger von 2017, der US-Folkmusiker Bob Dylan, erst wochenlang abgetaucht und hatte anschließend die feierliche Übergabezeremonie geschwänzt, droht einer der diesjährigen Preisträger, der Österreicher Peter Handke, gleichsam zum „Björn Höcke der Weltliteratur“ zu werden: In seiner Heimatstadt Griffen brach er kurzerhand ein Gespräch mit Medienvertretern ab und kündigte an, auch künftig für Journalistenfragen nicht zur Verfügung zu stehen.

Der Vorfall, über den der ORF berichtete, hatte sich am Dienstagabend (15.10.) zugetragen. Im Rahmen eines informellen Treffens mit Gemeindevertretern, Bürgermeister Josef Müller und Landeshauptmann Peter Kaiser hatten sich auch Medienvertreter eingefunden und erste Fragen an Handke gerichtet. Dieser reagierte heftig auf eine davon und brach das Gespräch ab. Ein für den Mittwoch geplanter offizieller Termin im Gemeindeamt wurde daraufhin abgesagt.

Auslöser für den Eklat war eine Journalistenfrage, die sich auf die Kritik bezog, die der deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišić anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises geäußert hatte. Stanišić hatte diesen am Montag in Frankfurt am Main für seine Erzählung „Herkunft“ verliehen bekommen.

Der 1992 als Teil einer Flüchtlingsfamilie aus dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommene Stanišić hatte bei dieser Gelegenheit seinen Unmut geäußert über die Preisverleihung des Nobelpreiskomitees an Handke. Dies begründete er vor allem mit der Position, die Peter Handke wiederholt in der Öffentlichkeit zum Balkankonflikt eingenommen hatte.

Ich hatte das Glück, dem entkommen zu sein, was Peter Handke in seinen Texten zu beschreiben unterließ“, äußerte der Deutsch-Bosnier.

Damit nahm er vor allem Bezug auf Handkes Veröffentlichungen „Abschied des Träumers vom Neunten Land: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ und „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ aus den Jahren 1996 und 1997.

Stanišić warf Handke zudem vor, den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević verherrlicht und Demonstranten gegen dessen Regierung ignoriert zu haben. Im Jahr 2004 unterzeichnete er zusammen mit weiteren Künstlerkollegen eine Solidaritätsadresse zu Gunsten des in Den Haag angeklagten Ex-Staatschefs, 2006 hielt er bei dessen Begräbnis die Grabrede.

In den genannten Erzählungen aus den 1990ern schildert Handke in poetischen Beschreibungen Alltagsszenen von serbischen Wochenmärkten, geselligen Abenden, Wanderungen und anderen persönlichen Erlebnissen, mit denen der Autor offenbar auch der Dämonisierung Serbiens und seiner Bewohner entgegenwirken wollte, die er westeuropäischen und insbesondere deutschen Medien im Zuge des Bürgerkrieges vorwarf.

Kritiker warfen Handke damals vor, Kriegsverbrechen, die der jugoslawischen Bundesarmee oder serbischen Milizen wie den berüchtigten „Tschetniks“ angelastet wurden, bewusst unerwähnt zu lassen und die Leiden der Betroffenen zu ignorieren. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren bereits Ereignisse während der Belagerung Sarajevos und das Massaker von Srebrenica bekannt, die offenbar die Qualifikation als Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllten.

In seinen Schriften ging Handke nicht darauf ein. In der „Winterlichen Reise“ deutete er an einer Stelle gar an, der Unterschied zwischen dem Leid der Serben und jenem der Bosnier im Bürgerkrieg bestünde darin, dass Letztgenannte dieses besser kameragerecht in Szene zu setzen wüssten.

Andererseits erhielt Handke auch vielfach Zuspruch dafür, dass er mit seiner kritischen Position zur westlichen und insbesondere europäischen Medienberichterstattung zum Jugoslawienkrieg als eine der ersten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einer blinden Euphorie zugunsten einer europäischen Großmachtpolitik und einer westlich dominierten „Neuen Weltordnung“ entgegentrat.

In Stockholm wurde Handke jedoch gar nicht für seine Schriften zum Jugoslawienkrieg ausgezeichnet. Das Nobelpreiskomitee begründete die Preisvergabe vielmehr damit, dass Handke ein „einflussreiches Werk“ geschaffen habe, das „mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat“. Das Besondere an ihm und seinem Werk sei „die außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu Landschaften und der materiellen Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen“.

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Wenn überhaupt, dann dazu wollte auch Peter Handke selbst offenbar am Dienstag in Griffen gefragt werden. Nach einer Übergabe von Geschenken antwortete der Autor auf die Frage, was ihm der Nobelpreis bedeute, dem ORF-Bericht zufolge mit den Worten:

Heimito von Doderer, der große österreichische Epiker, hat einmal geschrieben – von seinen Helden in den Büchern –, er fühlte sich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich. Vielleicht hätte mir der Preis bedeutet, dass man sich losgebunden fühlt von sich selber. Man ist nicht mehr das Individuum, was man ist – was man war.“

Auf die anschließende Frage einer Redakteurin, die sich auf die Äußerungen von Saša Stanišić bezog, soll Handke dann geäußert haben, er hasse Journalismus – und wolle nie wieder Fragen von Journalisten beantworten:

„Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“