Victoria und Siegfried haben chinesische Eltern, sind aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sind sie Deutsche oder Chinesen?Foto: Jing Wang / Epochtimes

Deutsche oder Chinesen? Eine Frage in der zweiten Generation der Migranten

Von 17. Juli 2015 Aktualisiert: 17. Juli 2015 10:34

„Mama, bin ich Chinesin oder Deutsche?” Meine sechsjährige Tochter Victoria stürzte in die Küche, nachdem sie von der Schule zurückkam. Sie schaute mich an und stellte mir diese Frage. 

Ich schaute auf ihr Gesicht: Schlitzaugen, eine gerade Nase, besser gesagt, unter den Asiaten ist die Nase gerade. Aber im Vergleich zu Nasen der Europäer erscheint sie wie ein kleiner Hügel gegen einen großen Berg. 

Natürlich Chinesin, dachte ich. Aber aus meinem Mund war nur zu hören: „Was denkst du?” „Mmmh …” sie überlegte für eine kurze Weile, und sagte mit einem sehr bestimmten Ton: „Deutsche.” 

Das geschah vor zwei Jahren. In den letzten zwei Jahren stellte mir Victoria mehrmals die gleiche Frage. Jedes Mal war meine Antwort gleich: „Was denkst du?“

Ihre Antwort variierte aber von Mal zu Mal und war vielleicht auch von der Laune abhängig, ob sie sich in der Schule wegen ihrer chinesischen Identität ausgeschlossen fühlte, und auch davon, was die anderen sagten.

Die zweite Generation der Migranten in der Schule

Was bin ich, wohin gehöre ich, mit solchen Fragen wird die nächste Generation der Migranten irgendwann konfrontiert sein. Das wusste ich schon, mich hat aber überrascht, dass diese Fragen so schnell kommen können. 

Mein Sohn Siegfried ist zwei Jahre älter als Victoria. Typisch Junge, spielt gerne und macht sich nicht so viele Gedanken über die schwierigen philosophischen Fragen. In der ersten und zweiten Klasse hat er die Frage nach Chinese oder Deutscher nie gestellt. Aber auf diese Frage wurde ich neugierig wegen seiner Schule. 

Seine erste Schule, in der er die erste und zweite Klasse verbrachte, ist ein Treffpunkt von verschiedenen Völkern. Die Eltern dort kommen aus über 50 Ländern. Unter den über 20 Schülern in seiner Klasse gab es nur zwei Deutsche.  

Schlitzaugen und eine gerade Nase, Chinesen oder Deutsche?Schlitzaugen und eine gerade Nase, Chinesen oder Deutsche?Foto: Jing Wang / Epochtimes

Einmal habe ich einen dieser zwei deutschen Schüler gefragt, ob mein Sohn, ein asiatisches Kind mit dunklen Haaren und dunklen Augen, mit einer kleinen Nase und einer gelblichen Haut, ein deutsches oder ein chinesisches Kind sei. Er brauchte nur eine Sekunde zu überlegen, schon sagte er mit 100prozentiger  Sicherheit: „Ein deutsches Kind!” 

Diese Antwort hat mich ziemlich überrascht. In meinem Herzen konnte ich unsere Kinder immer noch nicht den deutschen Kindern gleich stellen, obwohl sie in Deutschland geboren sind und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Ich fragte den deutschen Schüler, warum er das so sagte. Von ihm erfuhr ich, was die Kinder von den Lehrern in der Schule gelernt haben: egal, welche Hautfarbe man hat, egal woher die Eltern kommen, und auch egal welche Sprache zu Hause gesprochen wird, alle Kinder in Deutschland sind deutsche Kinder.

Das scheint eine sehr einfache Logik zu sein. Ist aber im alltäglichen Leben nicht so einfach. Von unterschiedlichen Menschen haben unsere Kinder unterschiedliche Antworten bekommen. Als die Oma letztes Jahr bei uns zu Besuch war, schärfte sie unseren Kindern immer wieder ein: „Euer Papa und Mama sind Chinesen, ihr sprecht Chinesisch, natürlich seid ihr auch Chinesen.” 

Eine deutsche Freundin von mir, Monika, die über 70 Jahre alt ist, denkt auch, dass unsere Kinder „selbstverständlich” chinesische Kinder sind. Das ist auch leicht zu verstehen. Als Monika in der Schule war, hatte gerade die Nachkriegszeit begonnen. Ausländische Kinder waren eine absolute Seltenheit. Die Integration der Ausländer war bei weitem nicht so wichtig wie für die jetzige deutsche Gesellschaft. Ob sie sich gut integriert haben, war nie im Brennpunkt der Gesellschaft.

Warum stellt sich die Frage in den USA nicht? 

Jetzt aber ist alles anders geworden. Ob die Migranten sich erfolgreich in die deutsche Gesellschaft integriert haben, hat manchmal einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Ordnung und Sicherheit. Die Bundesregierung zerbricht sich den Kopf, um Methoden zu finden, die den Migranten helfen sollen bei der Integration. Ein sehr wichtiger Schritt ist natürlich, die feste Einstellungen der Deutschen zu ändern: die Migranten sind Migranten, wir sind wir. Dank der deutschen Gründlichkeit fängt man natürlich in der Schule an. Also hören die Kinder so etwas wie: die Migranten und wir gehören zusammen. 

Es scheint jedoch, dass man in Deutschland noch einen weiten Weg zu gehen hat. Vorletztes Jahr haben wir eine Reise durch die USA gemacht. In einer Stadt habe ich einen Taxifahrer kennen gelernt, der vor über 20 Jahren aus Bangladesch in die USA übergesiedelt war. Da war er schon ein erwachsener junger Mann. Alle seine Kinder sind in den USA geboren.

Er sprach gebrochenes Englisch, manchmal musste ich raten, was er meinte. Aber immer wieder fiel mir auf, wie er sein Vaterland bezeichnete: „My Country.” Damit meinte er die USA, und nicht Bangladesch. 

Als ich mit ihm redete, dachte ich mir: Man muss wirklich zugeben, dass das Land Amerika etwas in sich hat. Sogar ein Mensch, der noch nicht einmal Englisch ordentlich spricht, kann dieses Land ohne Vorbehalt anerkennen. Mein Deutsch ist zehnmal so gut wie das Englisch dieses Mannes aus Bangladesch. Aber niemals werde ich Deutschland als „my country” bezeichnen.  Auch wenn ich mein Land sage, wird wohl kein Deutscher denken, dass ich Deutschland meine, sondern er denkt eher an China. Weil…  ja richtig, weil kaum ein echter Deutscher im Herzen überzeugt ist, dass ich eine Deutsche bin.

Auch wenn man meinen deutschen Pass sieht, wird man mich nicht so wie eine „echte” Deutsche betrachten. Wegen meines Aussehens, auch weil ich Deutsch ein bisschen anders spreche als sie, vielleicht auch wegen mancher Denkweisen von mir, die anders sind als die der Deutschen.

Zu welchem Land gehöre ich? Diese Frage hat oft nicht mit dem Land zu tun, das den Pass ausstellt, sondern mit dem inneren Gefühl. Wenn jemand mich fragt, was für ein Mensch ich bin, würde ich ohne zu zögern sagen: Chinesin. 

Was werden sie denken, wenn sie einmal die Heimat der Eltern besuchen?

Und was ist mit unseren Kindern? Ich möchte gerne wissen, wie sie sich selbst betrachten werden, wenn sie erwachsen sind. Deutschland ist das Land, wo sie geboren sind und auch sehr wahrscheinlich aufwachsen werden. Wenn sie Deutschland als ihre Heimat betrachten, ist das selbstverständlich. Vielleicht ist Deutschland dann auch so geworden wie die USA. Egal wer wie aussieht, alle sind Amerikaner. Oder vielleicht bleiben die Einheimischen die Einheimischen, und das wird nicht viel mehr Änderungen geben als jetzt. 

Bis jetzt haben unsere Kinder die meiste Zeit des Lebens in Deutschland verbracht. Die meisten Freunde von ihnen sprechen Deutsch. In der Schule hören sie „UNSERE Kanzlerin Frau Merkel”. Schon in der Grundschule wählen sie ihren Klassensprecher.

Wenn sie später erwachsen sind und China näher kennen lernen möchten, wie werden sie sich im Verkehr auf der Straße verhalten? Werden sie aus Instinkt ein deutsches Schimpfwort aus dem Mund lassen, wenn sie sehen, dass die chinesischen Fahrer unmöglich fahren?

Wenn sie merken, dass man bei der Behörde ohne Schmiergelder nicht weiterkommen kann, werden sie sich ärgern?

Wenn Sie im Internet nachschauen möchten, was in der Welt überhaupt passiert, wenn sie aber feststellen, dass viele Webseiten blockiert sind, werden sie wütend sein?

Wenn sie in der chinesischen Verfassung lesen, dass jeder chinesische Bürger das Recht auf das Wählen hat, aber keiner ihrer Verwandten jemals an einer Wahl, an einer echten Wahl teilgenommen hat, werden sie das als Betrug empfinden?

Unsere Kinder sind anders als wir. Mein Mann und ich sind in China geboren und aufgewachsen. Zwischen uns und den Menschen dort besteht eine tiefe Verbindung, egal wie die Regierung dort ist und wie die Gesellschaft aussieht. Unsere Kinder werden aber eher von der Vernunft her versuchen, das Land kennenzulernen, wenn sie es überhaupt kennenlernen möchten. Werden sie dann dort das Gefühl der Zugehörigkeit haben? Wenn nicht, werden sie sich als Deutsche bezeichnen? Aber werden dann die „echten” Deutschen sie wirklich als Deutsche akzeptieren?

Natürlich, wenn mein Sohn Fußball genauso gut wie Mesut Özil spielen könnte, wäre alles kein Problem. Aber die Wahrscheinlichkeit ist so gering wie die, dass seine Nase so groß wird wie die der Deutschen.

Ich bin ziemlich sicher, dass die Frage von Chinese oder Deutscher unsere Kinder in der ganzen Zeit des Erwachsenwerdens, ja sogar des Lebens begleiten wird.  Und auch immer wieder werden sie unterschiedliche Antworten bekommen. Die richtige Antwort werden sie selber irgendwann herausfinden.

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