„Europäische Werte? A****löcher!“ – Peter Handkes Weg vom „Kleinhäuslersohn“ zum Nobelpreisträger

Von 11. Oktober 2019 Aktualisiert: 11. Oktober 2019 22:21
Der Literaturnobelpreis für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke kommt überraschend. Seine poetische Sprachgewalt ist für deutsche Literatur nach 1945 untypisch – und er ist ein beständiger Warner vor europäischem Großmachtstreben. 

Neben der Polin Olga Tokarczuk hat das Nobelpreiskomitee in Stockholm, das sich im Vorjahr auf keinen Preisträger einigen konnte und daher dieses Jahr zwei Literaturnobelpreise vergab, den 1942 im Kärntner Ort Griffen geborenen Peter Handke prämiert.

Begründet hat die Schwedische Akademie die Preisverleihung damit, dass Handke ein „einflussreiches Werk“ geschaffen habe, das „mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat“. Das Besondere an ihm und seinem Werk sei „die außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu Landschaften und der materiellen Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen“.

Inwieweit zwischen dem einen und dem anderen ein Kausalzusammenhang besteht, ist ungewiss. Auffallend war bei Handke stets ein Spannungsverhältnis, man könnte es auch eine Zerrissenheit nennen, zwischen einem neoromantischen Drang zu Innerlichkeit und Beschreibungstiefe auf der einen und der – oft ironischen – Bezugnahme zu den modernen Unterhaltungsmedien seiner Zeit auf der anderen Seite.

Aus Pankow zurückgeflohen

Eine innere Spannung und Ortlosigkeit, die auf ein tiefes Bedürfnis nach Verbindlichkeit, Identifikation und Aufgehobenheit trifft, kennzeichnete auch Handkes Leben. Handke war der Sohn aus der Affäre eines in Österreich als Soldat stationierten deutschen Bankangestellten mit einer Kärntner Slowenin Maria Sivec. Kurz vor der Geburt heiratete diese einen anderen Soldaten, der aus Berlin stammte und mit diesem übersiedelten Maria Handke, geb. Sivec und deren Sohn zum Kriegsende nach Pankow.

Die mittlerweile vierköpfige Familie entkam durch eine illegale Ausreise in einem Lkw in letzter Minute der Berlin-Blockade und kehrte nach Griffen zurück. Dort lebte sie in prekären Verhältnissen und belastet von der Alkoholsucht des Vaters. Sohn Peter glänzte jedoch durch überdurchschnittliche Leistungen in der Schule und besuchte aus eigener Initiative das Gymnasium Tanzenberg, das dem Priesterseminar Marianum in Maria Saal angeschlossen war.

Handke verarbeitete seine Kindheitserlebnisse in seinem Erstlingswerk „Die Hornissen“, das zwischen 1961 und 1965 während seines Jurastudiums entstand. Dieses Studium wählte er auf Anraten seines Schullehrers Reinhard Musar, der Handkes schriftstellerisches Talent entdeckte und meinte, diese Studienwahl würde ihm die maximalen Freiräume zum Schreiben gewährleisten. Der ORF-Sender Radio Graz veröffentlichte ab 1963 erste Kurztexte und Feuilletons aus seiner Feder.

Enfant terrible und Popstar

Im gesamten deutschen Sprachraum bekannt wurde Handke 1966 durch eine überraschende Schmährede während einer Tagung der „Gruppe 47“ in Princeton, in der er die „Beschreibungsimpotenz“ der damaligen Crème der deutschen Nachkriegsliteratur anprangerte und die Literaturkritik als „ebenso läppisch […] wie diese läppische Literatur“ verhöhnte. Provo-Regisseur Claus Peymann war von seinen Auftritten so angetan, dass er noch im selben Jahr Handkes Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ am Frankfurter „Theater am Turm“ aufführen ließ. Handke erlebte auf diese Weise einen literarischen Durchbruch und wurde zu einer Art Popstar unter deutschsprachigen Autoren.

In Schablonen einordnen ließ Handke sich nicht. Wie die österreichische Öffentlichkeit insgesamt sah sich auch der Autor inmitten eines Kulturkampfes zwischen den urbanen 68ern und dem ländlichen Österreich, dem auch er selbst entstammte. Auf der einen Seite ließ er Distanz zu Kirche erkennen und wetterte gegen Pensionisten, denen er, obwohl diese „eine so große Schuld auf sich geladen“ hätten, ihr „grausliches Bier“ bezahle.

Andererseits erzog er seine 1969 geborene Tochter Amina weitgehend allein und nahm diese Rolle nach anfänglichen zeitgeistkonformen Befürchtungen über ein mögliches Ende seiner Kreativität durch die Vaterrolle mit großer Hingabe an – was gar nicht mit der Selbstverwirklichungsideologie seiner Generation konformging. Seine Mutter nahm sich 1971 das Leben, was Handke in einem seiner bekanntesten Werke, „Wunschloses Unglück“ , verarbeitete. 

Verzweifeln an der Substanzlosigkeit der liberalen Weltordnung

Sesshaft war Handke nie. Er lebte unter anderem in Kronberg im Taunus, Paris, dann wieder Salzburg – von dem er einmal sagte, dieses wäre „keine Stadt, sondern eine Todeskrankheit“ – und trat, nachdem seine Tochter das Erwachsenenalter erreicht hatte, eine Weltreise an.

War er als Pop-Art-mäßiges Enfant terrible populär geworden, zeigten sich spätestens im Laufe der 1990er Jahre bei Handke tiefe Züge eines Kulturpessimismus und auch unübersehbare konservative Tendenzen. Seine Skepsis gegenüber einer „liberalen Weltordnung“, in der Europa eine führende Rolle im Westen und in der Welt einnehmen sollte, trat insbesondere in der Zeit des Balkankrieges in unübersehbarer Weise zutage.

In harschen Worten kritisierte Handke vor allem die deutschen Medien und warf unter anderem der „Frankfurter Allgemeinen“ vor, „Organ einer ganz finsteren Macht“ zu sein. Handke, der im untergehenden Vielvölkerstaat Jugoslawien in ähnlicher Weise eine Barriere auf dem Weg in eine dunkle und von Barbarei geprägte Zukunft sah wie einst Joseph Roth die untergehende Habsburgermonarchie, warf den Medien eine „Dämonisierung“ der Bundesrepublik Jugoslawien vor, die hauptsächlich noch von Serbien getragen wurde.

Sein 1996 erschienener Reisebericht „Abschied des Träumers vom Neunten Land: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ erhob den Anspruch, einem medialen Zerrbild im Westen reale Eindrücke vom Leben in Serbien entgegenzusetzen. Kritiker warfen Handke demgegenüber eine Verharmlosung nationalistischer Tendenzen innerhalb der serbischen Führung um den damaligen Präsidenten Slobodan Milošević vor und eine indifferente Haltung gegenüber Kriegsverbrechen jugoslawischer Truppen und serbischer Milizen in Bosnien und Herzegowina.

„Stecken Sie sich Ihre Betroffenheit in den A****“

Handke zeigte sich unbeeindruckt bis trotzig. Einem Fragesteller bei einer Veranstaltung, der ihn auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Balkankrieg ansprach, empfahl er, dieser möge sich „seine Betroffenheit mit nach Hause nehmen und in den A**** schieben“.

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Ein Jahr später erschien sein – auch von Claus Peymann im Wiener Burgtheater inszeniertes – fiktionales Königsdrama „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“, in dem zwei Prinzen, als die „Sonnenzeit geschlossener Horizonte“ in der „Weite einer kleinen Enklave“ durch einen von imperialistischen Großmachtambitionen hineingetragenen Krieg gefährdet wird, „ihrem Volk eine Geschichte zurückgeben“ sollen. Im Feuilleton der Leitmedien wurde das Stück nicht zuletzt infolge stark konservativer und nationalromantischer Anklänge zum Teil scharf kritisiert.

In der Öffentlichkeit meldete sich Handke weiterhin mehrfach mit Solidaritätsadresse zu Gunsten serbischer Nationalisten zu Wort und trat 1999 von der katholischen zur serbisch-orthodoxen Kirche über. Am 18. März 2006 trat Handke bei der Beerdigung von Slobodan Milošević als Grabredner auf. Gleichzeitig äußerte er sich wiederholt kritisch gegenüber der westlichen Politik, insbesondere jener der EU.

„Die Werte sind in der Form der großen Werke und im Hüpfschritt eines Kindes“

Im Jahr 2016 gab Peter Handke der ORF-Journalistin Katja Gasser in der österreichischen Botschaft in Paris ein Interview. Darin erteilte er Forderungen nach einer offensiven Verteidigung „europäischer Werte“ eine Absage. Er bezeichnete diese als „Schmäh“ [österr. für „Jux“] und verwies auf Tolstois Beschreibung von Napoleon, der, weil er alle Welt die vermeintliche Herrlichkeit Europas zeigen wollte, den Tod von Millionen Menschen verursacht habe.

„Alle tiefen, zarten Werte der Menschheit sind überall“, betonte Handke, „die Werte sind in den Formen der großen Werke, die Werte sind im Schluchzen eines Kindes oder im Laufen, im Hüpfschritt eines Kindes, das ist für mich Musik. Das ist ein Wert. Ob das Europa ist? Ich glaube, auch bei den Zulukaffern – entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck – machen die Kinder ein herrliches Geräusch, wenn die Hüpfschritte machen, sogar auf dem Asphalt. […] Glaubende Menschen sind ein Wert, die Blicke, die Augen. Und nicht die ‚europäischen Werte‘. Arschlöcher!“

Auf die Nachfrage, ob Handke ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union bedauern würde, antwortete dieser:

„Ja, wenn die das anführen als Rechthaberei, ‚europäische Werte‘ – jeder kann damit leben, was auch immer europäisch ist. Jeder, der das will, soll sein Leben damit bestreiten oder bespielen oder damit besingen oder damit bemalen, aber er soll aufhören, aus den ‚europäischen Werten‘ eine Axt gegen andere zu machen. Leute, die so reden, sind das neue Gesindel. Sich der Gefühle anderer zu bemächtigen und damit Politik zu betreiben, das ist eines der übelsten Übel der Menschheit.“