„In der Wahrheit leben“: Die Aktualität der Lehren Vaclav Havels zum posttotalitären Zeitalter

Randall Smith hat auf der Plattform „The Catholic Thing” an einen der bekanntesten Dissidenten Osteuropas erinnert: den tschechischen Dramatiker Vaclav Havel. Im Zeitalter der Bilderstürmerei und einer Gefährdung der Freiheit durch eine Mob-Kultur, die Andersdenkende im Namen einer „Woke“-Kultur mundtot machen wolle, seien seine Aussagen zum Leben im posttotalitären Zeitalter wieder aktueller denn je.

Havel: Posttotalitäre Regime herrschen über die Ideologie

Im Jahr 2011 starb Havel im Alter von 75 Jahren in Vlčice-Hrádeček im Riesengebirge. Er war in der damaligen CSSR Mitunterzeichner der „Charta 77“ und auch auf internationaler Ebene einer der meistbeachteten Regimekritiker in der Zeit der kommunistischen Diktatur. Nach deren Ende war Havel noch bis 1992 Staatspräsident der Tschechoslowakischen Föderativen Republik und von 1993 bis 2003 Staatsoberhaupt der Tschechischen Republik.

Smith sieht in der heutigen „Woke“-Kultur eine fanatische Form der Reinheitsideologie, in der für Pluralität von Meinungen und Lebensstilen kein Platz sei. Das glaubenstreue Christentum gehöre dabei zu den besonders stark dämonisierten Feindbildern.

In dieser Situation, so Smith, gewinne das, was Havel einst in seinem Buch „The Power of the Powerless“ schrieb, einen neuen Zeitbezug.

Havel beschrieb das Leben im kommunistischen Osteuropa der 1970er Jahre als „posttotalitär“. Das Regime war – und in dieser Einschätzung stimmte er mit Hannah Arendt überein – nicht mehr totalitär, weil die Methoden der Herrschaft über die Gesellschaft andere gewesen seien als in den Regimen von Hitler oder Mao.

Netz von Propaganda, Angst und Selbstzensur

John Keane, der Autor der Biografie Havels, umschreibt die posttotalitäre Welt wie folgt: „Innerhalb des Systems ist jedes Individuum in einem dichten Netzwerk der Regierungsinstrumente des Staates gefangen, die sich selbst durch eine flexible, aber umfassende Ideologie legitimieren, eine Art ‚säkularisierter Religion‘. […] Deshalb sei es, wie Havel sagte, wichtig, die Machtverhältnisse zu betrachten. Sie sind am besten beschrieben als ein Labyrinth von Beeinflussung, Repression, Angst und Selbstzensur, die jeden, der sich darin aufhält, schluckt oder zumindest still hält, kaltgestellt und durch unwillkommene Vorurteile der Mächtigen brandmarkt.“

Havel erwähnte in diesem Zusammenhang als Beispiel den Gemüsehändler, der ein Schild „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ in sein Fenster hänge – nicht, weil ihn die Proletarier der Welt interessieren würden, sondern weil es als nicht zu tolerierender Akt des Ungehorsams gegenüber der herrschenden Ideologie der Gesellschaft betrachtet würde, es nicht zu tun.

Es ist nicht schwierig, dieses Beispiel auf heutiges Virtue Signalling von Fußballstars, Künstlern, Kirchenleuten, Personen des öffentlichen Lebens oder Unternehmen verschiedenster Art in Sachen „Klimaschutz“ oder „Kampf gegen Rechts“ zu übertragen. Im Fall des Gemüsehändlers komme ein Akt der Unterwerfung darin zum Ausdruck, nicht der persönlichen Überzeugung.

Ideologie lässt Menschen Gewissen ausschalten in der Illusion, etwas Gutes zu tun

Ideologie schaffe Menschen die Illusion einer Identität, von Würde und von Moral, analysierte Havel, während sie es gleichzeitig leichter mache, sich von diesen loszusagen. Als Quelle etwas vermeintlich Überpersönlichem und Objektivem erlaubt sie Menschen, ihr Gewissen zu überlisten und sie als Entschuldigung für Handlungen und Orientierungen heranzuziehen, die dieses Gewissen ihnen unter normalen Umständen nicht zubillige.

Das posttotalitäre System, so Havel, verfolge Menschen auch in jeden Lebensbereich, trage aber dabei ideologische Handschuhe:

„Deshalb ist das Leben in dem System so ganz und gar mit Heuchelei und Lügen durchsetzt: Man bezeichnet die Herrschaft einer Bürokratie als Macht des Volkes, […] präsentiert die völlige Entwürdigung des Menschen als seine endgültige Befreiung; nennt das Vorenthalten von Informationen Zugänglichmachen; bezeichnet die Macht der Manipulation als öffentliche Kontrolle der Macht; die Willkür wird als Rechtmäßigkeit präsentiert; die Unterdrückung der Kultur als ihre Weiterentwicklung; die Ausweitung des imperialen Einflusses als Hilfe für die Unterdrückten; der Mangel an Redefreiheit wird zur höchsten Form der Freiheit; Fake-Wahlen werden zur höchsten Form der Demokratie; das Verbot des unabhängigen Denkens wird zum wissenschaftlichsten aller Weltbilder.“

Anderen in Wahrheit dienen, keine Gesslerhüte grüßen

Als Gegenstrategie fordert Havel das „Leben in der Wahrheit“. Eine freie Gesellschaft lasse sich nur erreichen, wenn man sich weigere, leeren Slogans und bedeutungslosen Ritualen Macht zu geben – und nicht mitmache, wo es darum gehe, selbst zum Teil einer Lüge zu werden, die andere unterdrückt, ohne irgendjemanden zu befreien. Darin liege die wichtigste Macht, die den Machtlosen verbleibe.

Diejenigen, die „truth to power“ sprächen, also offen opponierten, müssten darin glaubwürdig sein, anderen in einem Geist der Wahrheit zu helfen: „Wenn die Leute Dir nicht absprechen können, dass Du Dich um Deine Arbeiter kümmerst, wird es für sie schwieriger werden, Dir Deinen Laden zu zertrümmern. Sie werden es trotzdem tun. Aber wenn sie es tun, entlarven sie damit das System als das, was es ist: Ein dünnes Gewebe von Lügen.“

Es sei unsere Entscheidung, uns um andere im Geiste der Wahrheit zu kümmern, oder Zeichen der Unterwerfung aufzustellen gegenüber den Narrativen, die unterdrücken, ohne zu befreien.

Quelle: https://www.epochtimes.de/feuilleton/menschen/in-der-wahrheit-leben-die-aktualitaet-der-lehren-vaclav-havels-zum-posttotalitaeren-zeitalter-a3271032.html