Peter Sloterdijk: Stalin hat die Politik der Furcht definiert – sie wirkt auch heute noch

Epoch Times7. April 2018 Aktualisiert: 7. April 2018 20:06
"Die alte Linke ist tot, aber der Kryptostalinismus hat es fertiggebracht, inkognito, auf der Ebene des Habitus, zu überleben", sagt der deutsche Kulturwissenschaftler und Buchautor Peter Sloterdijk.

In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ), spricht der deutsche Philosoph, Kulturwissenschaftler und Buchautor Peter Sloterdijk unter anderem über den Stalinismus und wie er nach wie vor in gewissem Maße unser Leben bestimmt.

Auf die Frage: „Unter welchen mentalen Bedingungen ist es überhaupt möglich, dass der Syllogismus konservativ gleich rechtsradikal gilt?“ sagt Sloterdijk der schweizer Zeitung:

„Nun ja, er gilt nicht, er wird nur von manchen Leuten gern benutzt – ich sage Leute, nicht Dummköpfe. In historischer Sicht geht das verworrene Denkmuster auf die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, als die Moskauer Zentrale die Devise ausgegeben hat, die westliche Sozialdemokratie sei ein „Sozialfaschismus“. Damit war der Bürgerkrieg der Begriffe eröffnet. Seine Spuren sind noch heute in den Köpfen präsent, die nicht wissen, von woher das kommt, was sie sagen. Die alte Linke ist tot, aber der Kryptostalinismus hat es fertiggebracht, inkognito, auf der Ebene des Habitus, zu überleben.“

Man müsse sich klarmachen, was aus einer Sprachregelung folge, der zufolge eine Partei – der linken Mitte – wie die SPD bereits „faschistisch“ heißen sollte. „Das Ergebnis war, dass die meisten linken Intellektuellen in Europa für Abstufungen auf dem nichtlinksradikalen Flügel praktisch blind blieben. Die deutschen 68er waren mehrheitlich solche Blinden, und ihr Defekt wirkt bis heute nach,“ betont Sloterdijk.

Dass alle Liberale schon Rechte sein sollen und durch Rechts-Ausdehnung Rechtsextreme, so viel Vorstellungskraft könne Sloterdijk als „Schweizer Demokrat im Leben nicht aufbringen.“

Der Wissenschaftler fragt sich auch: „Wenn deutsche Sozialdemokraten in der Sicht von links aussen soziale Faschisten sind, was sind dann Liberale in Deutschland und anderswo? Was sind erst die Konservativen im älteren Sinn des Worts?“

Stalin hat die Politik der Furcht definiert – sie wirkt bis heute

Aus dem „frustrierten Kryptostalinismus“ sei der Syllogismus entstanden, führt der Autor weiter aus und sagt, dass dieser Syllogismus „heute noch immer durch die diffus progressive Presse spukt.“

Dort werde sozialdemokratisch als konservativ, konservativ als rechts, rechts als rechtsradikal und rechtsradikal als faschistisch dargestellt. „Im Übrigen ist der abgesunkene kryptostalinistische Habitus bei uns vor allem das Produkt einer diffusen Furcht: nicht auf der richtigen Seite zu stehen. Da produziert man sich schon einmal vor der linksliberalen Galerie. Genosse Stalin wirft einen langen Schatten. Er hat die Politik der Furcht definiert, und sie wirkt unbemerkt nach.“

Die Agenten dieser Furcht würden heute noch wie damals handeln: „Besser schnell bei Anklagen mitmachen als riskieren, selber ins Visier zu geraten,“ so der Autor.

Peter Sloterdijk selbst wird gern als „Rechter“ bezeichnet und diffamiert. Dazu meint er gelassen: „Pascal sagt, das Herz hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt. Dazu gehört der Schluss: Unabhängig ist böse, und böse ist rechts. Ich bin unabhängig, das gebe ich zu.“ (so)

Biography Joseph Stalin Red Terror Documentary:

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN
Schlagworte, ,
Themen
Newsticker