„Striche ziehen“- Ein Film über Stasi und Verrat, Scham und Wut

Von 21. Juni 2015 Aktualisiert: 21. Juni 2015 19:58

„Striche ziehen“ – Ein Dokumentarfilm über rebellische Jugendliche aus Weimar Anfang der 80er-Jahre; über Stasi, Inhaftierung, Ausreise …und vor allem über Verrat an Freunden und am eigenen Bruder  

Ein Gartenzwerg schaut aus einem kleinen Häuschen. Es wirkt so, als stünde er auf einem Hochsitz  um jemanden zu beobachten. So ungefähr wie die Stasi früher in der DDR die eigenen Landsleute bespitzelt hat.

Es ist ein hübscher Gaten, der in dieser kurzen Sequenz gezeigt wird, mit Blumen und viel Grün. „Ich will meine Ruhe haben! Aus! Feierabend", hört man die wütende Stimme von Dietmar Reinicke, Leutnant a.D. des Ministerium für Staatssicherheit – kurz „Stasi" oder MfS genannt. Man sieht ihn nicht und plötzlich stimmt seine Ehefrau in das Gekreische mit ein. „Entweder man möchte oder man möchte nicht! [Anm. der eine Stellungnahme abgeben] Das ist Privatsache! Das ist Vergangenheit und die soll ruhen! Was Sie hier machen, ist Nötigung und Belästigung und es gibt Anwälte….. ", rufen sie dem Kamerateam zu.

Sie haben Leben zerstört

Spätestens jetzt meldet sich das Unrechtsbewusstsein eines jeden geistig gesunden Menschen und man fragt sich verwundert, wie es sein kann, dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter jetzt mit Anwälten drohen, nur weil Menschen versuchen, das an ihnen verübte Unrecht aufzuarbeiten. Man fragt sich, wie es möglich ist, dass die Handlanger jenes SED- Unrechtregimes früher Menschen bespitzeln, drangsalieren und einsperren konnten und jetzt völlig unbehelligt ein friedliches Leben führen können. Dazu gibt es noch eine schöne Rente von unserem jetzigen Staat – jener Demokratie, die die Stasi-Schergen damals so unerbittlich bekämpft haben.

Und nun machen sie sich den Rechtsstaat zu nutze und drohen mit einem Anwalt. Jetzt wollen sie gefälligst ihre Ruhe haben. Aber haben sie früher ihre Mitmenschen in Ruhe gelassen? Nein, haben sie nicht. Sie haben sie gegeneinander aufgehetzt, unter Druck gesetzt und eingesperrt. Sie haben Leben zerstört. Doch jetzt wollen sie ihre Ruhe haben……

Ich kam da nicht wieder raus

Ein paar Minuten früher im Film „Striche ziehen" sagte Jürgen Onißeit: „Dann geht doch einmal zu den wirklichen Tätern." Auch bei ihm kann der Zuschauer die immer noch vorhandene Wut spüren. Und Scham.

Scham dafür, dass er sich damals von der Stasi hat kaufen lassen. „Was wollt ihr denn noch? Ich kann doch nicht mehr sagen, als dass es der größter Fehler in meinem Leben war. Soll ich mich erschießen? Tja, was soll ich denn tun?" fragt Jürgen im Interview.

Es war Winter und er brauchte Geld für Kohlen. Die Stasi gab es ihm. Und er nahm es an. Dafür musste er dann heimlich Leute bespitzeln. „Ich dachte, ich kann das händeln. Aber dann hatten die mich in der Hand und ich kam da nicht mehr wieder raus."

Erklärungsversuche.

Da gab es kein Entkommen mehr

Jürgen war damals 19 Jahre alt und man ist versucht, ihm zu glauben. Eigentlich kann man es nachvollziehen, wenn er vor laufender Kamera erklärt, dass er in jenem Alter noch blauäugig dachte, dass er „…eben nur die Informationen an die Stasi weitergibt, die er auch weitergeben möchte und dass er das alles selbst in der Hand hätte". Vielleicht war er in seinem jugendlichen Leichtsinn tatsächlich der Meinung, er könne dieses fein durchdachte und mit allen Mitteln arbeitende Bespitzelungssystem an der Nase herum führen.

Doch da irrte der junge Mann gewaltig. Einmal in den Fängen des  Ministeriums für Staatssicherheit gab es kein Entkommen mehr. Nun hatte er zum ersten Mal Informationen über andere weitergegeben und nun hatten sie ihn am Arsch …

Doch ahnte damals noch keiner seiner Freunde, dass er ein "innoffizieller Mitarbeiter das MfS" war. Sein Bruder auch nicht.

Und dann ab in den Knast

Produzent und Regisseur Gerd Kroske lässt die Protagonisten, die Bilder und die Eindrücke für sich selbst sprechen. Er kommentiert nicht. Auf eine kunstvolle, fesselnde Art schneidet er die Interviews so aneinander, dass man ein Bild davon bekommt, wie es Anfang der 80er in Weimar zuging. Ein paar Jugendliche – Jürgen Onißeit ist einer von ihnen – die die geistige Enge im realexistierenden Sozialismus kaum noch aushalten konnten und versuchten, sich über ihre Musik und künstlerische Aktionen auszudrücken. Aber sie sprühten heimlich auch Parolen an Häuserwände. „Macht aus dem Staat Gurkensalat!" Spätestens ab da „ermittelte" die Stasi.

Bespitzelungen. Verhöre.

Und dann ab in den Knast.

Nach der Haft dann die Ausreise nach West-Berlin.

Diese fünf Freunde, die ihre Jugend zusammen in Weimar verbracht hatten und nun in West-Berlin lebten, wollten 1986 an der Berliner Mauer mit einer Aktion der „westlichen Mauer-Kuscheligkeit" einen Strich durch die Rechnung machen. Und so zogen Wolfram Hasch, Jürgen Onißeit, sein Bruder Thomas Onißeit, Frank Schuster und Frank Willmann mit Farbeimer und Rolle los, um diesen Strich an der Mauer … Doch es kam wieder einmal ganz anders. Plötzlich öffnet sich eine kleine Tür in der Mauer und DDR- Grenzsoldaten zerren Wolfram Hasch wieder in den Osten ….

Ein Dokumentarfilm ist kein Hollywood-Streifen

Obwohl man als Zuschauer dieses Filmes an dieser Stelle schon weiß, dass Hasch erneut für eine lange Zeit in einem DDR-Knast eingesperrt wird, ist man geneigt, ihm und seinen Kumpels die Daumen zu drücken, es möge doch noch alles gut ausgehen. Doch dieser sehr gut recherchierte Dokumentarfilm ist kein Hollywood-Streifen, und dramaturgisch bestens inzeniert kommt es am Ende des Filmes zum Showdown: die Brüder Jürgen und Thomas Onißeit treffen sich noch einmal vor der Kamera.  Der eine, der seinen eigenen Bruder und seine Freunde für die Stasi bespitzelt und  verraten hat und der andere, der darunter leiden musste. Doch mittlerweile weiß Thomas, dass sein Bruder für die Stasi tätig war.

Fragen. Erklärungsversuche. Ratlosigkeit.

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Ganz deutlich kann man an dieser Szene wieder einmal erkennen, das die „Stasi" mit ihren hinterhältigen und perfiden Methoden bis in die kleinste Zelle einer Gesellschaft, nämlich bis in die Familien eingedrungen ist und diese dann komplett zerstört hat. So wie die Metastasen eines ekligen Krebsgeschwürs …

Und währenddessen sich die Brüder ratlos und verzweifelt gegenüber stehen, sitzt Dietmar Reinicke, Leutnant a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit mit seiner Frau wahrscheinlich gerade in völliger Ruhe in seinem hübschen Garten und wird von seinem Anwalt gut beschützt.

Und spontan hofft man, es möge am Schluss doch noch so etwas wie ein Jüngstes Gericht geben.

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Plakat „Striche ziehen“Plakat „Striche ziehen“Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

STRICHE ZIEHEN.
Ein Film von Gerd Kroske
DE 2014, 96 Minuten, DF,

Salzgeber & Co. Medien GmbH

www.striche-ziehen.de/

TRAILER

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