Update zu Manchester – Wie kann ein Notfallpsychologe Opfern und Angehörigen von Terror oder Katastrophen helfen?

Von 23. May 2017 Aktualisiert: 23. Mai 2017 15:05
Der deutsche Notfallpsychologen Dr. Gerd Reimann ist seit 25 Jahren im Einsatz, um Menschen beizustehen, die als Opfer von Geiselnahmen, Katastrophen oder terroristischen Anschlägen Schreckliches erlebt haben Ein Interview mit ihm führte Gastautorin Sandra Maxeiner. UPDATE: Wie verhalten wir uns nach Manchester?

UPDATE 23. Mai 2017 Dr. Gerd Reimann: Heute Morgen war ich besonders entsetzt, denn es gab in Manchester einen Anschlag auf ein Teenie-Konzert, das zum großen Teil von jungen Menschen frequentiert wurde. Das ist noch mal eine Steigerung gegenüber dem, was wir bereits kannten. Und nun fragt man sich natürlich: „Wie verhalte ich mich?“, „Kann ich mich überhaupt noch auf Konzerte trauen?“ „Sollte ich noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren?“ Ich sage ganz deutlich: „Na klar kann man all dies weiter tun!“ Denn es ist ja gerade die Absicht der Terroristen uns zu verunsichern, zu verängstigen und unser normales Leben durcheinanderzuwirbeln. Meine Botschaft lautet deshalb: „Lassen wir uns davon nicht beeinträchtigen und führen unser Leben so normal wie möglich weiter.“

Maxeiner: Ich  sprach schon im April in Potsdam mit Dr. Gerd Reimann. Seit 25 Jahren ist er bundesweit als Notfallpsychologe im Einsatz und betreut Menschen, die als Opfer von Geiselnahmen, Katastrophen oder terroristischen Anschlägen Schreckliches erlebt haben. Er hilft ihnen, das Erlebte zu verarbeiten. Doch wie gelingt es ihm, sie  „runterzubringen“, sie ein Stück weit zu erden und ihnen das Gefühl zu geben, angenommen zu werden mit all den widerstreitenden Gefühle, die sie in dieser Situation übermannen?

Eines seiner „Geheimnisse“ ist, dass er in sich ruht. Gerd Reimann verfügt über jene wunderbare Fähigkeit, mit sich selbst im Reinen zu sein. Diese Gabe ermöglicht es ihm, zu helfen. Selbst an einem Tag wie heute, an dem hektisches Treiben im Büro herrscht, strahlt er jene Fürsorglichkeit, Wärme und Besonnenheit aus, die es einem leicht macht, sich in seiner Gegenwart wohlzufühlen.

Wir haben unser Gespräch gerade erst begonnen, als ihn ein Anruf auf seinem Notfalltelefon erreicht. Eine Brauerei bittet um seine Hilfe: Ein leitender Angestellter hat sich das Leben genommen und einige seiner Mitarbeiter benötigen psychologische Unterstützung, weil die Nachricht sie vollkommen aus der Bahn geworfen hat. Kaum hat Dr. Reimann aufgelegt, wird auf der anderen Leitung bei seinem Praktikanten ein Banküberfall mit Geiselnahme gemeldet …

Während ich Gerd Reimann dabei beobachte, wie er ruhig und einfühlsam mit all den Notrufen umgeht, die ihn erreichen, kommt mir ein Zitat des Friedensnobelpreisträgers Carl Hammarskjöld in den Sinn: „Deine Pflicht und deine Belohnung – dein Schicksal sind hier und jetzt.“

Gerd Reimann gelingt dieses seltene Kunststück, sich ganz auf das Jetzt und Hier zu konzentrieren. Nichts scheint wichtiger als der Gesprächspartner, der ihm gegenübersitzt, der Anrufer, mit dem er gerade spricht oder der Mensch, der gerade seine Unterstützung benötigt.“

Herr Dr. Reimann, Sie betreuen seit 25 Jahren als Notfallpsychologe Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Wie sind Sie dazu gekommen?

Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich mir natürlich nicht in den Kopf gesetzt, Notfallpsychologe zu werden. Das hat sich erst später herauskristallisiert. Der Auslöser war ein Einsatz bei einer Sparkasse, die wir bei einer Fusion begleitet haben. Wir saßen damals in großer Runde mit den Vorständen und Abteilungsleitern zusammen, als ein Notruf hereinkam: „Geiselnahme“. Später stellte sich heraus, dass eine Kassiererin angegriffen wurde und infolgedessen nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren konnte. Schließlich stand irgendwann auch die Frage im Raum: „Was mache ich mit Menschen, die Opfer eines Überfalls geworden sind?“ Und da habe ich begonnen mich mit diesem Thema zu befassen.

Damals gab es ja noch keine Notfallpsychologie. Also hab ich mich darüber schlau gemacht, wie andere Psychologen in solchen Situationen vorgehen, Fälle analysiert und festgestellt, dass die Opfer ja nicht krank sind, sondern nur belastet.  Deshalb brauchen gerade sie eine Betreuung.

Wie sieht die Situation heute aus?

Aus vielen Studien wissen wir inzwischen, dass Menschen vollkommen verschieden auf solche Ereignisse reagieren. Und wir haben gelernt, dass ein Drittel von ihnen es alleine schafft. Wie sie das genau machen, wissen wir nicht. Wir vermuten, dass diese Gruppe – wir nennen sie auch Selbstheiler – bereits vieles erlebt hat und daher über Handlungsmuster und Ressourcen verfügt, die sie befähigen, es allein zu schaffen.

Die zweite Gruppe sind die so genannten Wechsler. Sie sind eigentlich auch Selbstheiler, allerdings darf in den nächsten vier bis sechs Wochen kein erneutes Schockerlebnis dazu kommen.

Und dann gibt es noch die dritte Kategorie, nämlich die Risikogruppe. Das Schwierige in der Praxis ist, dass man es den Menschen einfach nicht ansieht, zu welcher Gruppe sie gehören. Wenn beispielsweise der taffe Feuerwehrmann, der immer ein Selbstheiler war, ein totes Kind sieht, kann es ihm plötzlich die Beine wegziehen und er fällt in die Risikogruppe. Dasselbe gilt für den Lokführer, von dem man nie geglaubt hätte, dass er psychisch anfällig ist. Doch nachdem er mit dem Zug einen Menschen überrollt hat, ist alles anders.

Wie Menschen reagieren, kann man nie vorhersagen. Es ist immer komplex und hängt von vielen Faktoren ab.

Und noch etwas kommt hinzu: Nach Großschadensereignissen wie dem Eisenbahnunglück in Eschede, beim dem 1998 ein ICE entgleiste und über hundert Menschen ums Leben kamen, setzen die psychischen Erkrankungen bei den Überlebenden oft auch erst zeitversetzt ein. Wenn ein Auslöser an das Trauma erinnert, ist es wieder da.

Sie waren ja bereits bei einigen Katastrophen im Einsatz …

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

Ja. Wir haben letztes Jahr drei Terrorlagen mitgemacht, in unterschiedlichen Rollen. München habe ich koordiniert und stand den Psychologen als Supervisor zur Verfügung, wenn sie nicht weiterkamen. In Berlin, beim Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt, war ich ebenfalls Koordinator. Selbst im Einsatz war ich in Nizza, nach dem Anschlag im Juli 2016, bei dem ein Attentäter auf der Promenade des Anglais mit einem Lastwagen durch eine Menschenmenge raste. Damals bekam ich nachts einen Anruf.

Mit welchen Gefühlen sind Sie damals losgeflogen?

Die Bitte war, dass ich sofort nach Nizza kommen soll – ins Hotel, weil dort chaotische Zustände herrschten. Die mitreisenden Lehrer der Schulklassen waren ziemlich überfordert. Sie alle wünschten sich jemandem, mit dem sie reden konnten. Ich hab mich dann sofort an meinen Rechner gesetzt und recherchiert. Aber nachts ging kein Flieger. Wenn ich also morgens in den Flieger gestiegen wäre, wären die beiden Klassen bereits auf dem Heimweg gewesen.

Ich hab also Telefonkontakt gehalten und ihnen gesagt, dass wir bereitstehen, wenn die Schüler ankommen. Wir sind dann mit zwei Leuten zum Flughafen gefahren. Das hat gut funktioniert. Der Flughafen hat die Schüler sofort separiert.

Wie bei allen Notlagen gab es vorher ein Briefing. Der Notfallseelsorger hat seine Mitarbeiter instruiert, uns vorgestellt und gesagt: „Immer, wenn ihr an Grenzen kommt, holt die Notfallpsychologen!“ Auch ein Arzt war mit dabei, der den Seelsorgern erklärte: „Ihr werdet heute Dinge sehen, die ihr vielleicht noch nicht gesehen habt. Die sehen ganz schlimm aus, sind aber nicht so schlimm.“ Damit meinte er, dass es in solchen Situationen Menschen gibt, die dekompensieren …

… und einfach zusammenbrechen.

Ja. Erfahrungsgemäß ist es so, dass sich auf diese Menschen alle Notfallhelfer stürzen. Das bedeutet, dass die anderen, die auch Betreuung brauchen, außer Acht gelassen werden. Damit das nicht geschieht, werden die, die am Boden liegen, erst mal mittels Spritzen beruhigt und von den Rettungskräften in die nächstgelegenen Krankenhäuser gebracht.  An diesem Tag jedoch sagte der Arzt: „Wir haben zwei Notfallpsychologen dabei. Ich habe nicht vor, auch nur einen ruhigzustellen. Holt sie, wenn Not am Mann ist …“

Wie viele Kinder waren es, um die Sie sich gekümmert haben?

Die Schüler kamen in drei Schüben an. Vorher trafen die Angehörigen ein – und das waren viele, denn die meisten waren Schüler mit Migrationshintergrund. Ich hab beispielsweise eine Familie mit etwa 20 Angehörigen kennengelernt, die eine Schülerin abgeholt hat. Sie hatten dann Onkels, Tanten, Oma, Opa, Kinder und ihre Schwestern dabei. Es war ein riesiges Getümmel und Gewusel.

Aber das war nicht alles, womit wir zu kämpfen hatten. Wenn Deutsche im Ausland zu Tode kommen, entscheiden die Behörden des Landes darüber, ob sie für tot erklärt werden. Das können wir nicht machen. In dem Fall hat also die Polizei in Frankreich entschieden: Sind sie tot oder nicht? Und wenn sie nicht tot sind, werden sie als vermisst erklärt. Ob tot oder vermisst, erfahren wir vom Auswärtigen Amt.

Nun passierte in Nizza Folgendes: Einige Mädchen, die aus Nizza zurückkamen, schrien, weinten, waren total aufgeregt und traumatisiert. Es waren die Mädchen, die genau gesehen hatten, dass zwei Mädchen tot waren. Sie hatten gesehen, dass der LKW sie überrollt und zerfetzt hatte. Sie wussten also, dass sie tot waren. Da wir aber noch keine offizielle Todesnachricht erhalten hatten, galten sie als vermisst.

Die Mädchen schrien: „Glaubt ihr, dass wir lügen?“ Ich hab versucht, sie beruhigen und ihnen erklärt: „Passt mal auf: Ich glaube euch einhundert Prozent, aber wir dürfen nicht sagen, dass die Mädchen tot sind. Weil die Strukturen so sind.“ Das haben sie zwar nicht alle verstanden, aber zumindest konnten wir sie damit etwas beruhigen. Und dann kam noch hinzu, dass die Eltern der beiden „vermissten“ Mädchen unbedingt wissen wollten, was sie gesehen hatten. Wir mussten also abwägen, was wir tun. Wir haben uns entschieden, die Mädchen nicht mit den Eltern sprechen zu lassen, weil das furchtbar für sie gewesen wäre.

Sind die Mädchen dann nach Hause gebracht worden?

Entweder haben die Eltern sie abgeholt oder wir haben ihnen einen kostenfreien Taxischein gegeben.

Wie ging es den Mädchen, als sie nach Hause gefahren wurden?

Einigermaßen. Sie waren ja freitags gelandet. Wir haben dann angeboten, dass wir uns auch am Wochenende mit ihnen treffen, weil wir dachten, dass die Schüler vielleicht das Bedürfnis hätten, sich auszutauschen. Was man dabei auch wissen muss: Die Unfallkasse ist zwar dafür da, dass die Schüler psychologische Unterstützung bekamen, aber nicht die Eltern. Wenn die Eltern Hilfe brauchten, waren wir offiziell nicht zuständig.

Das heißt, die Eltern der Mädchen haben keine Hilfe bekommen?

Sie haben keine Hilfe von offizieller Stelle erhalten, aber wir haben ihnen geholfen. Die Presse hat versucht, damals O-Töne von den Eltern zu bekommen. Da gab es auch unschöne Sachen. Ein Mädchen in Nizza hatte seine Mutter angerufen. Die Behörden wollten, dass das Mädchen, weil es so viel gesehen hatte, noch einen Tag länger in Nizza blieb, damit sie vernommen werden konnte. Die Mutter hat daraufhin ihre Wut und ihren gesamten Zorn – „Die wollen mir mein Kind wegnehmen!“ – in den Medien abgeladen. Sie hat natürlich alles falsch dargestellt, weil sie so aufgeregt war, dass man ihre Tochter nicht aus Frankreich rausließ. Das sind Situationen, in denen es hochkochen kann. Denn so etwas steckt dann schnell die anderen Eltern an, die bis dahin ruhig waren.

Wurden die Eltern der beiden toten Mädchen weiterhin betreut?

Ja. Wir haben den Anfang gemacht und sie dann an einen Therapeuten weitervermittelt.

Haben sich die Reaktionen der Eltern von denen der Mädchen unterschieden?

Nein. Beide waren geschockt.

Begleiten Sie die Betroffenen auch über das traumatische Ereignis hinaus?

Wenn wir als Notfallpsychologen im Einsatz sind, haben wir die Absprache, dass wir diese Menschen bis zu vier Wochen danach weiter betreuen dürfen. In den meisten Fällen reichen ein bis zwei Gespräche, die ein bis drei Stunden dauern. Wir unterscheiden dann auch sehr schnell, wie wir sie am besten betreuen: Ob wir es in der Familie machen, in der Klasse oder einzeln.

Wenn es eine besondere Betroffenheit gibt, nehmen wir diese Menschen natürlich raus. Sie bekommen dann Folgetermine und das Versprechen, dass sie mich jederzeit anrufen können. Das reicht meist schon aus. Ich bekomme selten tatsächlich einen Anruf. Denn wenn sie einfach nur wissen, dass ich für sie da bin, geht es ihnen schon viel besser.

Wer übermittelt die Nachricht an die Eltern, dass ihre Kinder ums Leben gekommen sind und was ist Ihre Aufgabe dabei?

Das ist in Deutschland hoheitliche Aufgabe der Polizei. Sie nimmt dann entweder einen Notfallseelsorger mit oder uns. Unsere Aufgabe ist es, für die Eltern auch in den nächsten Stunden da zu sein, sie aufzufangen. Wir bieten uns als Gesprächspartner an, hören zu, bewerten nichts und bleiben – egal was auch geschieht – sachlich. Wir versuchen nicht auf die emotionale Ebene zu rutschen, denn die Eltern wirken in einer solchen Situation verständlicherweise wie verrückt.

Wie kann man sich das vorstellen? Fangen sie an zu schreien, brechen sie zusammen?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Eltern, die ununterbrochen laut weinen, andere brechen zusammen, ziehen sich zurück oder sagen gar nichts. Letztere sind die schwierigeren Fälle. Diejenigen, die weinen, bekräftigen wir und sagen: „Alles gut …“ Es ist unsere Aufgabe, zu vermitteln, dass Weinen vollkommen in Ordnung und dass es in dieser Phase eine ganz normale Reaktion ist. Denn alle haben Angst, dass das nicht normal ist. Sie fragen dann oft: „Wo führt das noch hin?“, „Wie weit geht das noch?“ Und wir erwidern dann: „Alles ist vollkommen okay.“

In den Folgegesprächen versuche ich dann herauszufinden, was die Eltern schon alles erlebt haben und wie sie mit diesen Dingen umgegangen sind. Ich will herausfinden, was ihnen geholfen und was ihnen weniger geholfen hat. Ich will versuchen, die Ressourcen, die sie haben, die jedoch nach diesem Ereignis nicht zur Verfügung stehen, zu erkennen und zu aktivieren – vor allem die sozialen Ressourcen.

Viele Ehepaare haben Angst mit ihrem Mann oder mit ihrer Frau zu sprechen, weil sie glauben, dass sie sie damit über Gebühr belasten. Aber wir ermutigen sie, denn Reden hilft. Das gilt nicht für alle, aber für die meisten.

Und noch eine Eigenschaft, die wir haben, kann hilfreich sein: Je mehr wir uns mit etwas befassen, und je intensiver wir uns damit auseinandersetzen, umso eher haben wir die Möglichkeit, uns daran zu gewöhnen. Nehmen wir einmal an, Sie kommen in einen Raum und die Luft ist schlecht. Das merken Sie sofort. Bleiben Sie jedoch ein paar Minuten drin merken Sie nichts mehr, weil Sie sich daran gewöhnt haben. Genauso ist es, wenn Sie darüber reden.

Eine weitere Möglichkeit ist, dem Ereignis einen neuen Sinn zu geben. Das nennt man Reframing. Damit versucht man, die Situation in einen anderen Kontext zu setzen. Häufig klingt die Reframing-Frage aber erst mal brutal.

Was wäre denn eine Reframing-Frage?

Beispielsweise: „Können Sie der Situation etwas Gutes abgewinnen?“

Was könnte das sein?

Ich habe mal mit einer Concierge gearbeitet, die mitansehen musste, wie jemand vom 20. Stockwerk gesprungen ist. Sie hat mir erzählt, dass das Schlimmste – nach diesem Ereignis – Menschen waren, die sich aufgedrängt und ihr ein Gespräch aufgezwungen haben. Die jedoch, die sie gern als Gesprächspartner gehabt hätte, waren nicht da. Als ich ihr dann die Reframing-Frage gestellt habe, hat sie mich erst einmal mit großen Augen angesehen. Später nickte sie und sagte: „Stimmt, Sie haben Recht. Es gibt etwas Gutes, denn ich weiß jetzt wie ich mich verhalten muss wenn einem Kollegen so etwas passiert.“ In dem Moment, in dem sie das formulieren konnte, hat sie dem Ereignis einen neuen Sinn gegeben.

Und welche Antwort haben die Eltern gefunden, die ihr Kind verloren haben?

Bei den Eltern, die ihr Kind verloren haben, kam häufig: „Jetzt weiß ich erst, wie wertvoll das Leben ist.“,

„Mir ist bewusst, dass ich keine Sekunde verschwenden darf. Denn bis heute bin immer davon ausgegangen, dass mich meine Kinder überleben. Und nun weiß ich, dass es keine Garantie dafür gibt.“

Wenn Sie nach einem Einsatz, wie dem in Nizza, nach Hause kommen, wie gelingt es Ihnen da abzuschalten?

Ich habe einige Persönlichkeitseigenschaften, die hilfreich sind. Man kann sie auch in einem Test, dem so genannten AVEM-Test (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster) ermitteln. Mir ist beispielsweise vollkommen klar, dass, wenn ich das Büro verlasse und nach Hause fahre, eine andere Welt beginnt. Es gibt aber viele Berufe, in denen das nicht der Fall ist. Beispielsweise bei Lehrern, die die Arbeiten ihrer Schüler mit nach Hause nehmen müssen, um sie zu korrigieren. Deshalb sind viele Lehrer – in Brandenburg etwa 30 Prozent – auch krank.

Bei Notfallpsychologen, die ständig schlimme Dinge erleben, sollte man darauf achten, dass sie nicht zu ehrgeizig sind. Ehrgeiz ist hier eher hinderlich. Weil ehrgeizige Menschen sich oft selbst überschätzen und mehr wollen als sie leisten können. Man nennt diesen Wert auch Leistungsmotivation.

Die Distanzierungsfähigkeit sollte hingegen ebenso wie die soziale Unterstützung durch Freunde sehr hoch sein. Man muss Ressourcen haben. Ich kenne meine Ressourcen, setze sie bewusst ein und kann nach Einsätzen ruhig schlafen. Wenn das mal nicht der Fall ist und mir etwas besonders unter die Haut geht, was auch schon mal vorgekommen ist, haben wir intern die Absprache, dass immer einer der Kollegen da ist, der dem anderen zuhört.

Was sind Ihre größten Kraftquellen, Ihre größten Ressourcen?

Dass ich einen Beruf habe, der mir unglaublich viel Freude bereitet. Dass ich Projekte bekomme, die ungewöhnlich sind. Dass ich Kompetenzen entwickeln durfte, die gefragt sind, gebraucht und wertgeschätzt werden. Mir gibt Kraft, dass es der Firma gut geht, dass ich eine stabile Familie habe. Inzwischen bin ich Opa geworden und habe niedliche Enkelkinder, die mir sehr viel Spaß machen.

Was sollte man mitbringen, um als Notfallpsychologe arbeiten zu können?

Man sollte sich distanzieren können und mit sich selbst im Gleichgewicht sein. Denn wenn man mit sich nicht im Reinen ist, gerät man ins Wanken – wie die junge Frau.  Dann hält man dem psychischen Druck nicht stand.

Gibt es etwas, das Sie im Umgang mit belasteten Menschen gelernt und für sich selbst mitgenommen haben?

Inzwischen habe ich viele Menschen betreut, die infolge von Überfällen, Suizid, Großschadenslagen oder Unfällen traumatisiert waren. Immer wieder habe ich gesehen, dass Techniken wie Reframing, Psychoedukation und Ressourcenaktivierung funktionieren. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Hat Ihre Arbeit als Notfallpsychologe Ihren Blick auf das Leben verändert und wenn ja, wie?

Ja. Denn ich bekomme ja nicht nur das normale Leben mit, sondern auch die Randbereiche. Ich sehe, wie fragil das Leben ist, wie schnell alles zerbrechen kann und ich sehe, wie Menschen damit umgehen. Das hat meinen Horizont erweitert.

Was ist es, das für Sie wirklich zählt im Leben?

Für mich zählt, mit mir selbst im Gleichgewicht zu sein und etwas von meiner Stärke und von meinen Ressourcen anderen Menschen  geben zu können. Wenn ich das, was ich tue, nur aus wirtschaftlicher Perspektive betrachten würde, wäre es wirklich Schwachsinn, denn ich weiß nie, ob ich dafür Geld bekomme. In einigen Fällen bekomme ich keine Vergütung, weil Notfallpsychologie oft nur als Ehrenamt gesehen wird.

Aber von irgendetwas muss der Notfallpsychologe doch auch leben

Ja. Leider gibt es uns offiziell nicht. Denn sobald ich sage: Es geht um Menschen, die Schlimmes erlebt haben und „gesund belastet“ sind, bekomme ich zur Antwort: „Dann sind wir nicht zuständig!“

Ich denke, dass es wichtig ist, dass ich helfe, ohne in der nächsten Sekunde danach zu fragen, wer mich bezahlt. Ich würde es auch kostenfrei machen, aber ich muss es mir leisten können.

Herr Dr. Reimann ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Redaktion: Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung der Epoch Times oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.

Schlagworte
Themen
Newsticker