Tunesisches Farbenspiel: Vom Reiz des „afrikanischen Orients“

Von 29. Juni 2017 Aktualisiert: 29. Juni 2017 23:46
Mit mediterraner Farbigkeit offenbart sich Tunesiens Hauptstadt bis heute als Liebe auf den ersten Blick.

„Licht aus dem Osten!“ Selbstbewusst trug der Orient seine Selbsteinschätzung wie ein flatterndes Banner vor sich her. Stets in dem Bewusstsein, mit seinen orientalischen Reizen den Okzident zu betören. In einer unglaublichen Prachtentfaltung, der man im Land der untergehenden Sonne nur wenig entgegen zu setzen hatte. So wuchs die Neugier gegenüber dem Zauber des Ostens, den man in der Kunst des Westens nicht selten ins Märchenhafte hinein verklärte.

Ja, selbst geistige Wortführer des Abendlandes wie Johann Wolfgang von Goethe verfielen in ihrem Werk der imponierenden und zugleich inspirierenden Ausstrahlung des Orients.

Von dieser großen Tradition profitierte natürlich auch der „afrikanische Orient“. Unter mediterranen Bedingungen präsentierte sich vor allem Tunesien in seiner von Licht durchfluteten Farbigkeit.

Und schärften nicht Maler wie August Macke und Paul Klee während ihrer legendären Tunisreise ihre sinnliche Wahrnehmung?  Hinzu kommen wie selbstverständlich die aromatischen Gerüche der Märkte und die verspielte Ornamentik der Architektur. Bis heute vermitteln sie in ihrem stilvollen Zusammenspiel den Eindruck eines orientalischen Gesamtkunstwerks.

Strahlkraft der Küstenregion

Wie ein Wunderwerk erscheint auch das an Tunis angrenzende Küstenstädtchen Sidi Bou Said. Gelegen an den Abhängen einer schmalen Landzunge, legt es Zeugnis ab von der ungetrübten Strahlkraft der Küstenregion, die sich durch filigrane Zypressenhaine hindurch dem neugierigen Blick erschließt. Bis weit hinüber zum Horizont, wo Himmel und Meer mit azurblauen Farbtönen im fernen Mittagsdunst miteinander zu verschmelzen scheinen.

Wen wollte es wundern, dass sich Künstler und Landschaftsarchitekten von Rang durch den deutlich spürbaren Zauber des Ortes stets magisch angezogen fühlten? Zu ihren Hinterlassenschaften gehören mit Blumenarrangements verzierte Häuser, die den engen Straßenserpentinen Struktur verleihen. Das leuchtende Weiß ihrer Fassaden kontrastiert dabei mit dem strahlenden Blau der Fensterläden, das in seiner Intensität sogar noch die Farbigkeit von Himmel und Meer übertrifft.

Medina von Tunis

Irgendwann jedoch führen alle Wege zurück in die Medina von Tunis, in jenes nur schwer entwirrbare Durcheinander von Straßen und Gässchen, von Durchgängen und Plätzen. Wie geschaffen zur besseren Orientierung ragt im Zentrum des Gewirrs das geometrisch verzierte Minarett der Hauptmoschee von Tunis empor. Gleichsam als Inbegriff des „afrikanischen Orients“?

In unmittelbarer Nähe entfaltet sich dieser auf völlig andere Weise. Und zwar in dem orientalischen Kaufhaus der Brüder Ali und Youssef, das sich über mehrere Stockwerke hinweg bis hinauf zur Dachterrasse erstreckt. Alle Kunstfertigkeiten, die das Morgenland hervorgebracht hat, sind hier auf engstem Raum vereint. Von kostbaren Teppichen und Schmuckstücken bis hin zu den Kunstwerken europäischer Künstler, die den Orient mit ihren westlichen Augen auf jeweils unterschiedliche Weise wahrnahmen. Die mit üppigen Konturen dargestellte Berberin des italienischen Malers Mario Ridola, so erklärt es Ali mit Kennerblick, dient dafür als klassisches Beispiel.

Schätze des Orients

Orientalisch bunt geht es auch zu im „Bauch der Stadt“, dem opulent ausgestatteten Zentralmarkt von Tunis. Mit ohrenbetäubendem Lärm macht gleich hinter dem Haupteingang der Fischmarkt auf sich aufmerksam. Gerade so, als wollten sich die Händler an Lautstärke gegenseitig übertrumpfen. Einer von ihnen rückt gerade mit seinem Messer einem riesigen Zackenbarsch zu Leibe. In der Tat ein Prachtexemplar, das die ohnehin heitere Stimmung seines Besitzers noch verstärkt.

Farbenfroher präsentiert sich der Obst- und Gemüsemarkt, der ungeahnte Schätze des Orients bereit hält. Als eine der Hauptüberraschungen erweist sich hier der Zitronenhändler Hamza. Neben seiner Verkaufstätigkeit hat er sich als Fotograf einen Namen gemacht und es bereits zum Rang eines gefragten Markthallen-Originals gebracht. Sein besonderer Trick besteht darin, sich nicht selbst fotografieren zu lassen, sondern die Kundschaft mit seiner eigenen Kamera meisterhaft zu porträtieren. Von weitem, so bemerkt er nicht ohne Stolz, reist sein Fanclub an, um sich von ihm kunstvoll ablichten zu lassen.

Heimische Küche

Für Ali Dey hingegen gibt es einen ganz anderen Grund, um sich regelmäßig auf dem Zentralmarkt einzufinden. Als Chef des in der ganzen Region bekannten Babboucha-Restaurants ist er natürlich sehr daran interessiert, nur die besten heimischen Produkte der tunesischen Küstenregion auf den Tisch zu bringen. Ein Konzept, das sich als sehr effektiv und nachhaltig erweist, da es nicht mit den Unwägbarkeiten importierter Produkte zu rechnen hat. Gerade schickt sich die Sonne an, hinter der Meeresbucht zu versinken, an der sich sein Restaurant befindet.

Genau der richtige Zeitpunkt, um bei einbrechender Dunkelheit mit einem schmackhaften Dinner die Gäste des Hauses zu verwöhnen. Mit einer sämigen Suppe aus Hülsenfrüchten, einer Salatkreation mit Meeresfrüchten sowie gut gegartem Lammfleisch auf einem Couscous-Bett. Die abschließende Überraschung gilt einem Stück Zackenbarsch, 45 Minuten lang schmackhaft und zart zubereitet bei einer Wassertemperatur von 58 Grad, wie Ali Dey auf Nachfrage verrät. Nur die Antwort auf die Frage, ob es sich um das vom Fischmarkt bekannte stattliche Exemplar handelt, muss er an diesem Abend schuldig bleiben.

www.tunesien.info; www.discovertunesia.com

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