Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen in einer von den Dolden, und man sieht ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.Foto: Heiner Flesch / Epoch Times

Blaue Hortensie – Von Rainer Maria Rilke

Von 16. Mai 2021 Aktualisiert: 16. Mai 2021 21:41
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln

sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)



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