Gebete in die Sonne – Von Elisabeth Janstein

Von 3. Juni 2020 Aktualisiert: 3. Juni 2020 22:12
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Gebete in die Sonne

O daß ich plötzlich Stimme bekäme,
Die vor Kraft anschwillt, wie die Traube vor Wein.
Daß eine Macht das Eingeengtsein,
Die Grenzen aus meinem Blute nähme,
Daß alle wüßten: Ich bin groß
Und schleudere meinen Willen in Speichen
Zermalmenden Rades, daß alle bleichen
Gesichter noch tiefer erbleichten
Und fühlten: O Kraft ist grenzenlos . . .

Daß ich plötzlich alle Weisheit bekäme,
Weisheit der Blume, der Tiere, des Windes,
Daß ich unverbaut, mit eines Kindes
Augen die Dinge in mich nähme,
Nicht mehr umgürtet von harten Bezirken
In Dünsten schwelender, dunkler Erfahrung,
Sehend und wissend. Voll Offenbarung,
Durchströmt von aller Kräfte Wirken.

O daß ich plötzlich Worte fände
Von weinender Süße alter Geigen,
Worte, die sich voll Zartheit neigen,
Worte, die wie Fackeln und Brände
Dunkel zerreißen, Abend zerspalten,
Seelen aufstaunend verwandeln lassen,
Alle Geliebtheit, Trauer und Hassen
Durchscheinend wie Glas gegen Sonne halten –

O daß ich plötzlich Sinn bekäme . . .

Elisabeth Janstein  (1893 – 1944)

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