Und kommt ein Jung übern Kirchhof her, so flüsterts im Baume wiste ne Beer? Und kommt ein Mädel, so flüsterts lütt Dirn, kumm man röwer ick gew di ne Birn ...Foto: iStock

Herr von Ribbeck – Von Theodor Fontane

Von 18. September 2022 Aktualisiert: 18. September 2022 23:31
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Herr von Ribbeck

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Ein Birnbaum in seinem Garten stand
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit
Da stopfte wenns Mittag vom Turme scholl
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll

Und kam in Pantinen ein Junge daher
So rief er Junge wiste ne Beer
Und kam ein Mädel so rief er lütt Dirn
Kumm man röwer ick hebb ne Birn
So ging es viel Jahre bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam

Er fühlte sein Ende s war Herbsteszeit
Wieder lachten die Birnen weit und breit
Da sagte von Ribbeck ich scheide nun ab
Legt mir eine Birne mit ins Grab
Und drei Tage drauf aus dem Doppeldachhaus
Trugen von Ribbeck sie hinaus

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen Jesus meine Zuversicht
Und die Kinder klagten das Herze schwer
He is dod nu wer giwt uns nu ne Beer
So klagten die Kinder das war nicht recht
Ach sie kannten den alten Ribbeck schlecht

Der neue freilich der knausert und spart
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt
Aber der alte vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn
Der wusste genau was damals er tat
Als um eine Birn ins Grab er bat

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sprosst heraus
Und die Jahre gingen wohl auf und ab
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtets wieder weit und breit

Und kommt ein Jung übern Kirchhof her
So flüsterts im Baume wiste ne Beer
Und kommt ein Mädel so flüsterts lütt Dirn
Kumm man röwer ick gew di ne Birn
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane (1819 – 1898)



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