März 1990 in Berlin – Von Renate Lilge-Stodieck

Von 9. November 2019 Aktualisiert: 9. November 2019 23:44
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

MÄRZ 1990

IN BERLIN

Ich, die ich nun gehofft hatte,
eine Heimat zu finden,
ja, meine Heimat wiederzufinden,
finde sie zerstört,
finde sie verletzt und voller
Traurigkeit.

Ich, die ich die Weite
atmen wollte,
die mit euch die Freiheit
feiern wollte,
finde mich nach erster Freude
dem Misstrauen
ausgesetzt.

Geld macht mich schon
verdächtig.
Ein Haus zum Ausbeuter,
der Mangel an Auto
spricht wieder für mich.

Eine Erde, die Volkseigentum
geworden ist,
wurde zur Abraumhalde,
der Acker der Genossenschaft
Einöde,
der Fluss für alle –
vergiftet.

Die Menschen, denen
alles gehörte –
missbraucht,
bespitzelt.
Wer etwa besser,
wer schlechter,
hüben wie drüben?

Meine Seele weinte,
als sie dort die Heimat
suchte,
wo keine Heimat
zu finden ist.
Mein Herz war voller
Trauer, wenn es
den Schmerz des Landes
fühlte,
das meine Heimat ist.

Mein Körper blutet.
Mein Geist tröstet
die weinende Seele
mit Feuer, weißem Licht,
erfüllt das schmerzende
Herz
mit Zuversicht
und heilt die
blutende Wunde
mit wunderwirkender
Kraft.

Ich halte stand
dem Schmerz,
der Trauer,
den Wunden.
Ich beuge mich nicht
dem Misstrauen,
ich werde nicht
schwach
vor meinem Wunsch
nach Heimat
und unverletzter
Erde.

Ich lebe.
Heimat,
Erde,
Mutter,
sie heilen in mir.
Ich bin ein Kind
des Universums,
das seine wahre
Heimat
vergessen hatte.

Ich bin ein Gast
auf dieser Erde.
Was ist mein
Gastgeschenk?

Renate Lilge-Stodieck  (1943 geb.)

Aus SEIN – Die Kunst des Annehmens

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