Was mich noch gestern wollt' erschlaffen, ich schäm' mich des im Morgenrot.   Foto: iStock

Morgengebet – Von Joseph Freiherr  von Eichendorff

Von 23. November 2021 Aktualisiert: 23. November 2021 22:05
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen,

Wie einsam ist’s noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
Als ging‘ der Herr durchs stille Feld.

Ich fühl‘ mich recht wie neu geschaffen,
Wo ist die Sorge nun und Not?
Was mich noch gestern wollt‘ erschlaffen,
Ich schäm‘ mich des im Morgenrot.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,
Um schnöden Sold der Eitelkeit:
Zerschlag‘ mein Saitenspiel, und schauernd
Schweig‘ ich vor dir in Ewigkeit.

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857)



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