Reinhold Messner: Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns

Von 2. Mai 2018 Aktualisiert: 2. Mai 2018 20:58
Wie kommt der Sinn in unser Leben hinein, was unterscheidet uns vom rein Animalischen und was macht die Göttlichkeit in uns aus? Diese und andere Fragen erörtert Reinhold Messner im Gespräch mit dem Schweizer Philosophen, Autor und Moderator Yves Bossart. Jürgen Fritz hat Messners Aussagen komprimiert und kommentiert.

Müssen wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen? Wie kommt der Sinn in unser Leben hinein, was unterscheidet uns vom rein Animalischen und was macht die Göttlichkeit in uns aus? Diese und andere Fragen erörtert Reinhold Messner im Gespräch mit dem Schweizer Philosophen, Autor und Moderator Yves Bossart in der Sendung Sternstunde Philosophie.

Reinhold Messner, der Abenteurer, der die Extreme suchte

Im folgenden gebe ich die Kernthesen von Reinhold Messner, dem italienischen Extrembergsteiger, Abenteurer und Buchautor, wieder, der in seinen Betrachtungen meinen eigenen philosophischen Einsichten sehr nahe kommt.

Messner, Jahrgang 1944, hat gemeinsam mit Peter Habeler 1978 als erster Mensch den Gipfel des Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff erreicht und stand als Erster auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender (1970–1986, jeweils ohne Flaschensauerstoff). 1978 hat er ebenfalls als Erster einen Achttausender im Alleingang bestiegen, nämlich den Nanga Parbat. 1980 war er der Erste, der den höchsten Gipfel der Welt ohne Flaschensauerstoff und im Alleingang erreichte. Zudem war er der Zweite, der 1986 die Seven Summits erreichte. Und er durchquerte die Antarktis (1989/1990 mit Arved Fuchs), Grönland (1993) und mit 60 die Wüste Gobi (2004).

Reinhold Messner war und ist aber nicht nur jemand, der im Äußeren solche Extreme gesucht hat, sondern auch ein tiefsinniger Denker, der in diesen äußeren Extremsituationen stets auch sich selbst suchte und immer tiefer kennengelernt hat.

Zehn Messnersche Thesen respektive Einsichten

1. Das Leben bestehe darin, Ideen zu entwickeln und diese umzusetzen, macht Messner zunächst deutlich.

Es gebe am Lebensende kein gelungenes Leben im Rückblick – das sei zu spät. Hier würde ich allerdings widersprechen wollen. Messner sieht nur im Hier und Jetzt gelingendes Leben, indem man versuche, seine Ideen umzusetzen. Ein gelingendes Leben im Moment schließt aber das gelungene Leben insgesamt nicht aus, sondern jenes führt ja gerade zu diesem, würde ich hier einwenden, verstehe aber, dass Messner den Schwerpunkt auf das Jetzt legen will und daher die vorausschauende Retrospektive völlig ausblenden möchte, wenngleich ich es anders machen würde.

Während des Umsetzens der Ideen gebe es nicht nur Momente, sondern Phasen des Glücks, so Messner. Diese entstünden einfach. Das Glücksgefühl, könnte wir auch sagen, ist quasi ein Nebenprodukt, das sich von alleine einstellt, wenn man etwas anderes richtig macht.

2. Wir müssten uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, sagt Messner.

Erläuterung: Sisyphos wird in der griechischen Mythologie vom Götterboten Hermes für seinen Frevel in die Unterwelt gezwungen, wo er zur Strafe einen Felsblock auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss, der, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal rollt – eine Metapher für eine ertraglose und dabei schwere Tätigkeit ohne absehbares Ende.

Den Sinn legen wir, so Messner, in unser Leben hinein. Und das sei unser gutes Recht. Wenn die Religion mir den Sinn vorgibt, bin ich schon auf dem Holzweg, sagt er. Das sei ein Betrug.

3. Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften, lautet seine dritte These.

Erläuterung: Sinn stiften heißt, Dingen eine Bedeutung zu geben sowie Ziele zu stecken und zu verfolgen, was voraussetzt, dass sie eine Bedeutung für mich haben. Etwas eine Bedeutung geben, heißt wiederum eine Wertzuschreibung vorzunehmen. Indem ich X einen Wert zuschreibe, bekommt es für mich eine Bedeutung. Es hebt sich dann ab gegenüber Y oder Z. Und wenn etwas für mich eine Bedeutung hat, dann ergeben sich hieraus für mich Ziele. Wenn Sisyphos den Stein immer wieder nach oben rollt, so deshalb, weil er dem Oben einen Wert zugeschrieben hat – oben ist besser als unten -, so dass es eine Bedeutung hat, wo der Stein ist, was dazu führt, dass er sich ein Ziel setzen kann, nämlich hier: den Stein nach oben zu bekommen beziehungsweise genauer: dass der Stein oben ist.

5. Und wir haben eine zweite göttliche Fähigkeit, sagt Messner, das sei die Kreativität.

6. Sinn stiften zu können und kreativ zu sein, das heißt, Dinge zu erfinden oder zu entwickeln, das seien divine (göttliche) Fähigkeiten, die über die rein tierische, rein animalische  Existenz hinausgingen.

7. Je stärker ich als Sinnstifter bin, desto größer sei mein gelingendes Leben, sofern ich das tue, was diesem von mir gestifteten Sinn entspreche.

Weil mein Leben hierdurch Ziele erhält, die es mir wert scheinen, sie anzustreben, könnte man erläutern, so dass ich nicht orientierungslos einfach nur so dahinlebe. Wenn ich aber dem Sinn folge, den andere postulieren, dann, so Messner, bin ich auf dem Holzweg. Denn dann mache ich ja von meiner göttlichen Fähigkeit, Sinn stiften zu können, keinen Gebrauch mache und negiere damit das Göttliche in mir beziehungsweise lasse es ungenutzt.

8. Das Erste, was wir im Leben lernen müssten, sei, dass wir das Recht, wenn nicht die Pflicht hätten, Sinn zu stiften, so Messner. Das heißt, die Göttlichkeit in uns a) entdecken und b) entwickeln.

9. Die großen Fragen könnten wir eigentlich nicht beantworten. Wir Menschen seien nicht in der Lage, ins Jenseitige zu schauen. In uns liege die Wüste mit der Erkenntnis: Wir haben keinen Zugang zum Jenseitigen, kein(en) Sinn(esorgan) um zu schauen: Was ist nach unserem Leben?

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10. Wie und wann ich sterbe, darüber mache er sich keinerlei Gedanken. Warum sollte ich?, fragt er. Er könne festlegen, was mit seinem Körper geschehen soll nach seinem Tod. Aber wie und wann er sterbe, sei völlig offen. Die Zeit, bis er sterbe, werde er weiter ausfüllen mit Ideen, die er Schrittchen für Schrittchen umsetze. Denn im Umsetzen liege das, was andere als Glück bezeichnen. Er selbst frage sich während des Umsetzens niemals, ob er glücklich sei oder nicht, denn er sei es dann mit jeder Faser.

Schlusswort des Moderators

Wer hinaufsteigt, kommt als anderer zurück, so das Schlusswort von Yves Bossart. Und was für Berge gelte, gelte vielleicht auch für gute Gespräche. Und für gute Texte bin ich geneigt zu ergänzen, die über die reine Information über einen Gegenstand außerhalb meiner, hinausgehen. Auch danach ist man ein anderer.

Reinhold Messner – der Grenzgänger in Sternstunde Philosophie

Der Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Fritz.