Durch künstlerischen Ausdruck und handwerkliches Können wollen die Menschen etwas Schönes schaffen. HELENA WESSMAN Rektorin der Königlichen Musikhochschule in Stockholm.Foto: KUNGLIGA MUSIKHÖGSKOLAN/ PRESSFOTO

Rektorin Helena Wessman: Der Mensch sehnt sich nach dem Schönen

Von 25. Januar 2022
Helena Wessman, Rektorin der Königlichen Musikhochschule in Stockholm, spricht über das Aufwachsen auf Gotland und die Begegnung mit der Musik. Sie teilt ihre Gedanken über den Sinn des Lebens, die Bedeutung der Musik und die Hindernisse, die sie zu überwinden vermag.
Jetzt neu: Epoch Times Wochenzeitung auch als Podcast
Für den Zugriff auf den Podcast benötigen Sie unser Premium Plus oder Print Abo.

Wir treffen uns in der Königlichen Musikhochschule. Das 2016 eröffnete Gebäude verfügt über ein offenes Foyer, in das Licht strömt und in dem Menschen zusammenkommen. An den Wänden verlaufen sanft gerundete Balkone, welche an die Form des G-Schlüssels, Schallwellen und Noten erinnern. Die Hochschule geht auf das Jahr 1771 zurück und gilt als die zweitälteste Musikschule der Welt.

Helena Wessman hat die Position 2019 übernommen. Zuvor war sie unter anderem Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin des Göteborger Symphonieorchesters und Direktorin der Berwaldhallen mit dem Schwedischen Radiosinfonieorchester und dem Radiochor in Stockholm.

„Ich habe schon früh angefangen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Meine Philosophie ist, dass sich die Menschheit durch zunehmendes Wissen in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt. Sie wird von unserem Zivilisationsgrad beeinflusst, also davon, wie sehr wir füreinander sorgen oder wie barbarisch wir sind. Ich empfinde Ehrfurcht vor dem Leben, der Natur und den Menschen und denke, dass es meine Lebensaufgabe ist, das Wissen ein wenig weiterzutragen und auf diese Weise zur Entwicklung der Menschheit beizutragen, wenn auch nur in einem sehr kleinen Umfang.“

Helenas Kindheit auf Gotland war geprägt von Musik und Gesang. Ihr Vater arbeitete als Kirchenmusiker und Chorleiter, und ihre Mutter sang in den Chören ihres Vaters und leitete den Musikverlag der Familie. Helena begann schon in jungen Jahren, Posaune zu spielen. Nach einiger Zeit war ihr beruflicher Weg vorgezeichnet. Es gab keine andere Möglichkeit als die Musik, und so bewarb sie sich schon in jungen Jahren an der Königlichen Hochschule für Musik, wo sie auch angenommen wurde. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst als Musikerin, bis sie sich im Alter von 30 Jahren umorientierte und eine Arbeit als Verwaltungsangestellte aufnahm. Die Lust am Spielen wurde erst nach einer langen Pause wieder geweckt.

„Mein Musizieren lag fast 20 Jahre lang auf Eis, aber mit meiner Arbeit bei den Göteborger Symphonikern nahm ich es wieder auf. Ich fing wieder an zu spielen und entschied mich für das Akkordeon, das ich immer noch lerne.“

Helena hat ein Konzept für Erzählkonzerte über das kulturelle Erbe von Gotland entwickelt. Sie verwendet die Werke der Autorin Anna Kajsa Hallgard, liest die gekürzten Romane vor und spielt dazwischen gotländische Volksmusik.

„Es ist erstaunlich, wie viel Musik bedeuten kann und welche Grenzen sie zu überwinden vermag. Meine Mutter hatte einen Schlaganfall und war zum Ende hin ziemlich dement. Wenn ich müde war und das Gespräch nicht in Gang halten konnte, habe ich Akkordeon gespielt und so eine Verbindung zu ihr hergestellt. Heute spiele ich jeden Morgen für mich und die Musik ist wie Balsam für die Seele.“

Helena sagt, dass die klassische Musik ein großes Publikum hat und dass jede Woche Tausende Menschen ein Konzert besuchen. Musik bedeutet denjenigen, die sie ausüben, viel – sowohl den Profis als auch vielen Amateuren. Sie sieht jedoch eine Gefahr darin, dass die Wiederbelebung und das Interesse junger Menschen am Erlernen eines Instruments zurückgehen.

„Es ist eine viel höhere Hürde, ein Instrument zu erlernen, als Musik am Computer zu machen. Ich weiß nicht, warum junge Leute heutzutage zögern, ein Instrument zu lernen. Vielleicht ist es eine Art Ungeduld, die auf der Erwartung beruht, dass immer alles einfach funktioniert. Aber um ein Instrument zu beherrschen und an einer Musikhochschule aufgenommen zu werden, ist ein methodisches Musikstudium über einen Zeitraum von zehn Jahren erforderlich. Es bedarf Geduld und Ausdauer, um erfolgreich zu sein.“

Helena setzt sich dafür ein, dass alle Kinder ein Instrument lernen, um Ausdauer und Disziplin zu entwickeln. Indem man Kinder musikalisch ausbilde und ihnen die Möglichkeit gibt, ein Instrument zu erlernen, unabhängig von der Musikrichtung, schaffe man Voraussetzungen, damit sie sich später schwierigen Herausforderungen stellen können. Das Musizieren kann eine Bildung vermitteln, die zum Nachdenken anregt und die Möglichkeit bietet, die Nuancen des Lebens zu erkennen. Darüber hinaus stellt es ein Kulturgut dar, das in der Gesellschaft hoch geschätzt wird.

„Für mich bedeutet Bildung, so viele Perspektiven zu gewinnen, dass ich erkenne, wie komplex das Leben ist, und dadurch in der Lage bin, mit Komplexität umzugehen. Je mehr ich lerne, desto mehr Handlungsmöglichkeiten habe ich. Ich habe gelesen, dass kognitive Flexibilität unter anderem durch Musik geübt wird. Kognitive Flexibilität bedeutet, mit verschiedenen Situationen umgehen zu können. Es geht darum, sich anpassen zu können, aber auch darum, sich in eine Situation hineinzuversetzen und zu handeln. Bildung kann auch die Neugier auf andere Menschen und Zusammenhänge steigern.“

Helena weist darauf hin, dass Musik, Literatur, Architektur und Kunst ein jahrtausendealtes Wissen sind, das von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Sie meint, es sei wichtig, sich an seine Geschichte zu erinnern, denn alles ist miteinander verknüpft.

„Es ist beeindruckend, darüber nachzudenken und zu erleben, dass Musik, die vor Hunderten von Jahren geschrieben wurde, auch heute noch für uns relevant ist. Es ist eine Spur des menschlichen Lebens. Mithilfe der Kunst kann man sich all derer erinnern, die früher gelebt haben.

Ich bin fasziniert von all denen, die vor mir da waren und von denen, die nach mir kommen werden. Ich glaube an eine höhere Macht, und die Musik selbst ist eine höhere Macht. Sie kann uns stärken und unseren Blick für die Natur und füreinander auf eine sehr interessante Weise öffnen. In der Musik übt man die Fähigkeit, zuzuhören und auf das zu reagieren, was jemand anderes tut. Es ist eine Bereicherung, anderen Menschen so nahezukommen, wie man es beim gemeinsamen Musizieren tut.

Während eines Konzerts stehen die Musiker in ständiger Interaktion mit dem Publikum. Bei besonderen Anlässen kann Magie geschehen und das gesamte Publikum kann sich in seinem Atem synchronisieren. Musik hat eine unglaubliche Kraft, und es kann passieren, dass man beim Musikmachen oder Musikhören das Gefühl hat, für eine Weile ganz woanders zu sein. Als ich noch als Musikerin arbeitete, bekamen wir bei der Bühnenpräsentation Hilfe von einem Schauspieler. Er sagte: ‚Du musst auf die Bühne gehen und dich sehen lassen, damit das Publikum durch deine Augen sehen kann.‘“

Die Studenten der Königlichen Musikhochschule und geladene Gäste geben das ganze Jahr über eine Reihe von Konzerten und Aufführungen. Die Website der Schule bietet ein breites Spektrum an Veranstaltungen.

„Durch künstlerischen Ausdruck und handwerkliches Können wollen die Menschen etwas Schönes schaffen. Auf Gotland gibt es an einer Kreuzung einige Häuser, die eine große Freude für den Zimmermann sind. Sie wurden vor über 100 Jahren erbaut, als Schweden ein unglaublich armes Land war und die Menschen jeden Tag sehr hart und viele Stunden arbeiteten, um Essen auf den Tisch zu bringen. Und doch haben sie so viel Schönes geschaffen. Ist das nicht erstaunlich? So stark ist der Wunsch nach Schönheit.“



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion