Rüdiger Safranski fragt: „Was macht Zeit mit uns, was machen wir aus ihr?“

Von 31. Oktober 2015 Aktualisiert: 31. Oktober 2015 12:30
"Wir leben heute in immer größerer Zeit-Not anstatt im Zeit-Wohlstand. Wir meinen Zeit besitzen zu können und unterliegen dabei der größten Illusion", das stellt unser Rezensent an den Schluss seiner Betrachtungen über Rüdiger Safranskis Buch „Zeit“.

Am 26. Juli 2015 hielt der vielfach preisgekrönte Philosoph Rüdiger Safranski die Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen über „Macht der Zeit – Macht über Zeit“.  Diverse Passagen aus der bemerkenswerte Rede sind auch Bestandteil des im August im Münchner HANSER-Verlag erschienen neuen Buches „Zeit“:

„Was die Macht der Zeit betrifft, so wird sie hinreißend beschrieben in der berühmten Szene im „Rosenkavalier“, als die Marschallin ahnt, dass sie ihren um einige Jahre jüngeren Liebhaber Octavian bald an eine Jüngere verlieren wird. Die Jungen triumphieren, sie bekommen, was sie wollen, bloß weil sie jünger sind, daran, an diese Macht der Zeit, muss die Marschallin denken, mit einiger Bitterkeit, wie sich versteht.

Doch dann fällt ihr ein, dass sie ja auch einmal jünger war, und ihr auch einmal alle Triumphe, in der Liebe und auch sonst, in den Schoß gefallen waren…

Die Macht der Zeit ist nicht nur die Vergänglichkeit und das Altern, nein, man muss sich dabei, wie die Marschallin sagt, auch noch zuschauen. Man wird sich dessen bewusst. Und das hat Konsequenzen. Dramatisch sind sie, weil dazu ja auch das Bewusstsein der Sterblichkeit, der eigenen Befristung gehört.

Zum Glück allerdings weiß man nur, dass man sterben wird, nicht aber wann. Das bedeutet eine große Erleichterung, die man sich durch allzu ehrgeizige medizinische Prognosen  nicht verscherzen sollte. Unsere Erfahrung der Zeit konfrontiert uns also mit dem Altern und der Sterblichkeit.

Aber es kommt noch etwas hinzu: Wir erleben ja nicht nur die lineare Zeit des Nacheinander, des Früher und Später, sondern wir erleben eine dreidimensionale Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das bedeutet: Wir erfahren das Nicht-Mehr und das Noch-Nicht, was gewiss eine Bereicherung ist, aber doch auch eine schwierige Berührung mit dem Nichtwirklichen, entweder weil es vergangen ist oder weil es künftig ist. Vollkommen wirklich ist eigentlich nur die Gegenwart. Aber auch diese ist im nächsten Moment schon wieder verschwunden…“

Ein Intellektueller am Werk

Rüdiger Safranski studierte Philosophie (u. a. bei Theodor Adorno), Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten Frankfurt am Main und Berlin. Im Jahr 1970 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der maoistisch orientierten Kommunistischen Partei Deutschlands/ Aufbau-organisation (KPD/AO). An der Freien Universität Berlin arbeitete er von 1972 bis 1977 als wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Germanistik und promovierte 1976 mit der Arbeit Studien zur Entwicklung der Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik. Safranski ist seit 2001 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Von 2002 bis 2012 moderierte er zusammen mit Peter Sloterdijk das Philosophische Quartett im ZDF. Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin hat Safranski im Sommer 2012 zum Honorarprofessor am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften bestellt.

Der preisgekrönte Philosoph Rüdiger Safranski wurde am 1. Januar 1945 in Rottweil geboren. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt; seine großen Biographien über E.T.A. Hoffmann, Martin Heidegger, Friedrich Nietzsche, Friedrich von Schiller wurden mit Lobeshymnen überhäuft. Seine Publikationen über die menschlichen Grundfragen, u.a. über das Böse und die Wahrheit, über die Romantik, über die Freundschaft von Goethe und Schiller u.a. wurden im Jahr 2014 mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. 

Rüdiger Safranski versucht auf sehr anspruchsvolle, hochgradig intellektuelle Weise das Phänomen Zeit zu ergründen und lässt berühmte Denker, Literaten und Naturwissenschaftler zu Wort kommen. Im 10. und letzten Buchkapitel „Erfüllte Zeit und Ewigkeit“ wird es für den erfahrenen Leser spannend.

„Die Ewigkeit ist immer schon das Thema der Religion und der Metaphysik gewesen. Sie ist etwas anderes als endlos verlängerte Zeit. Überhaupt ist sie etwas anderes als Zeit. Man nähert sich ihr und umkreist sie, weil man den Absolutheitsanspruch der Zeit nicht akzeptiert: Es muss doch etwas geben über die Zeit hinaus. Platon nennt das Ewige ein Urbild, wovon die Zeit nur ein vermindertes Abbild sei…

Das zeitweilige Verschwinden des Zeitbewusstseins im Augenblick der Hingabe ist, wie die bleibende Gegenwärtigkeit, durchaus ein alltägliches Problem. Weniger alltäglich sind die großen Augenblicke der erfüllten Zeit oder der Zeitenthobenheit, wie sie zur Tradition der abendländischen Mystik oder der östlichen Meditation und Erleuchtung gehören…“

Was fehlt in dem Buch …

Ein wenig vermisst habe ich die notwendige Sprachdeutung des Wortes „Zeit“. Zeit (engl.: time, lat.: tempus, frz.: temps) geht etymologisch auf das englische Wort tide (Tide, Zeit zwischen Ebbe und Flut) zurück; im Nieder-deutschen, das von immer weniger Menschen heute gesprochen wird, kennen wir den Ausdruck: keen tid = keine Zeit. Mit Zeit füllen wir die Leere, vor der uns graut. Die Zeit lässt sich nicht auf etwas anderes zurückführen, es gibt nichts hinter oder vor ihr, es gibt nur etwas dazwischen.

Dieses, das Dazwischen-Sein, die Zwischen-Zeit (engl.: mean-time, frz.: entre-temps), ist ein interessantes Phänomen, mit dem wir oft zu tun haben: was soll ich in der Zwischen-Zeit machen? Das englische Wort mean kann hier doppeldeutig aufgefasst werden, worauf ich schon viele Engländer und Amerikaner aufmerksam gemacht habe: das englische Adjektiv mean steht für mittelwertig, während das Verb to mean heißt: von Bedeutung sein. Wir konstruieren Gewissheiten und Ordnungen im Hinblick auf das Vergängliche.

Es ist nicht die Zeit, die wir messen, sondern  wir messen Veränderungen, Prozesse. Die Uhr (im Französischen: le montre, sie zeigt etwas; im Englischen: the watch, sie wacht über etwas) misst demnach nicht die Zeit, vielmehr ist es der Lauf der Zeiger, den wir als Zeit bezeichnen und mit besonderen Maßstäben etikettieren (Stunde, Minute, Sekunde). Daher fragt der Franzose nie nach der Uhr-Zeit, sondern nach der Stunde: Quelle heure est-il? Unser Zeit-Bewusstsein entwickelt sich in enger Verbindung mit Entwicklungsprozessen in der Umwelt. Dort, wo sich nichts verändert, herrscht Zeit-Losigkeit. Wir leben heute in immer größerer Zeit-Not anstatt im Zeit-Wohlstand. Wir meinen Zeit besitzen zu können und unterliegen dabei der größten Illusion.

Foto: Cover Hanser Verlag

Rüdiger Safranski  ZEIT  

Verlag:  Hanser  272 Seiten

ISBN-10: 3446236538 

Euro 18,99

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