Jemandem zuzuhören, seine Worte ohne größere Absicht aufzunehmen, ist ein zutiefst ehrenwertes Unterfangen.Foto: Vasyl Dolmatov/iStock

Selten & Wichtig: Was wir in Beziehungen suchen

Von 30. August 2021 Aktualisiert: 28. August 2021 13:21
Einer anderen Person einfach nur zuzuhören, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt: Das ist oft viel hilfreicher, als Vorschläge, Wertungen und Meinungen.

Die meisten Paare kommen zu mir, um bessere Kommunikationsfähigkeiten zu erlernen – oder zumindest sagen sie das in der ersten Sitzung. Was als Kommunikationsprobleme bezeichnet wird, sind jedoch meist Probleme beim Zuhören.

Die Wahrheit ist, dass wir keine guten Zuhörer sind. Wir wissen nicht und haben es auch nicht gelernt, wie wir einander zuhören können. Zumindest nicht so, dass sich der andere wirklich gehört oder geliebt fühlt. Und doch ist Verstandenwerden eine der Erfahrungen, nach denen sich Menschen am meisten sehnen und die sie am meisten brauchen.

Wenn es eine Zutat gibt, die über den Erfolg einer Beziehung entscheidet, dann ist es das Zuhören. Paare, die einander auf befriedigende Weise zuhören können, haben in der Regel Erfolg, während diejenigen, die das nicht können, in der Regel scheitern.

Letztendlich können wir uns nur in dem Maße geliebt fühlen, in dem wir das Gefühl haben, dass man uns zuhört und uns wirklich kennt.

Fallstudie: Johanna und Hannes

Vor kurzem hatte ich eine Sitzung mit „Johanna“ und „Hannes“ (Namen geändert). Johanna erzählte, sie habe das Gefühl, ihre Erlebnisse könnten von Hannes niemals „einfach nur gehört“ werden – angehört und aufgenommen, ohne jegliche Deutung, Beurteilung, Verteidigung, sowie jeglichen Lösungsansatz oder Angriff.

Hannes erwiderte, dass dies nicht von ihm erwartet werden dürfe. Ihre Bitte war in seinen Augen unsinnig, denn er sollte nicht schweigend daneben sitzen und zuhören müssen, ohne seine Meinung zu äußern und eine Erklärung abzugeben. Daraufhin meinte er zu Johanna, sie wolle in Wirklichkeit (ob sie es wüsste oder nicht) die Beziehung und die Interaktion kontrollieren – und ihn ebenfalls, wie sie es „immer getan hat“.

Ohne auf seine Wertung einzugehen, wiederholte Johanna dieselbe Sehnsucht, mit einfacher Offenheit und ohne Urteil angehört zu werden. Hannes widersprach, ihre Erfahrung sei falsch, sagte er ihr. Er höre ihr zu und höre sie und sie solle prüfen, warum sie seine Freundlichkeit und sein Interesse nicht spüren könne.

Johanna wiederholte daraufhin ihre Sehnsucht noch einmal, fast wortwörtlich. Diesmal bekundete Hannes, wie allein er sich in der Beziehung fühle und dass Johanna kein Interesse daran habe, zu erfahren, was ihm wichtig sei. Von da an begannen wir zu üben, wie man richtig zuhört.

Was zwischen Johanna und Hannes geschah, ist weder geschlechtsspezifisch, noch ist es nur in romantischen Beziehungen anzutreffen. Was dieses Paar zeigte, ist ein menschliches Problem: Wir lehnen die Erfahrungen des anderen ständig ab. Das ist es, was uns beigebracht wird.

Als ich ihnen an diesem Tag zuhörte, hatte ich das Gefühl, ein Flugzeug zu beobachten, das verzweifelt versucht, einen Platz zum Landen zu finden. Es wurde von allen Kontrolltürmen abgewiesen und flog ohne Orientierung – ungehört, ungeliebt, ohne Landeplatz und ohne eine Möglichkeit, nach Hause zu kommen. Wir alle leiden täglich auf diese Weise: Mit unseren verwaisten Erfahrungen alleingelassen, müssen wir uns selbst hegen und pflegen. Gestern beendete ich zum Beispiel eine besonders herausfordernde und herzzerreißende Sitzung mit einem Kunden in meiner Praxis. Mit vielen unverarbeiteten Gefühlen im Gepäck kam ich nach Hause und traf meine verärgerte Babysitterin an. Noch bevor ich meine Schlüssel hingelegt hatte, entlud sie ihre Wut an mir, weil meine Tochter ihre Nudeln nicht essen wollte. Und so musste ich meine Gefühle und Bedürfnisse beiseite schieben und mich um die aktuelle Situation kümmern.

Das Leben macht das immer wieder mit uns und treibt uns von einer Erfahrung zur nächsten – ohne dass wir sie verarbeiten konnten und ohne die Zuwendung und Aufmerksamkeit, nach der wir uns wirklich sehnen und die wir brauchen.

Was wir wirklich wollen

Wir sind darauf konditioniert, anderen unsere Erfahrungen in einem „Was soll ich tun?“-Ton vorzutragen, um die andere Person einzubeziehen. Aber meistens wollen wir gar nicht die Meinung des anderen darüber wissen, was wir tun und wie wir das Problem lösen sollten, oder was mit uns nicht stimmt. Wahrscheinlich wurden wir bereits mit unzähligen gut gemeinten Vorschlägen überhäuft, von anderen und von uns selbst.

Das Problem ist, dass wir andere nicht um das bitten, was wir eigentlich wollen, sondern eher um das, von dem wir glauben, wir dürften darum bitten. Wir sehnen uns nicht wirklich danach, dass unsere Erfahrungen Konsequenzen haben, sondern wollen nur, dass sie gehört, verstanden und beachtet werden. Wir möchten, dass jemand weiß, wie wir diesen Moment und dieses Leben erleben und dass er uns in unserer Erfahrung begleitet.

Es ist wiederum sehr schwierig, jemandem zuzuhören, der uns am Herzen liegt, wenn er von einer schmerzhaften Erfahrung berichtet, aber dabei nicht einzugreifen, Vorschläge zu machen oder zu versuchen, das Problem zu lösen. Ebenso schwierig ist es, jemandem zuzuhören, der ein Problem beschreibt, von dem er glaubt, wir seien Schuld daran und sich nicht zu verteidigen. Ferner ist es schwer, jemandem zuzuhören, wie er ein Problem beschreibt, von dem wir glauben, dass er es selbst verursacht habe und nicht zu versuchen, ihn davon zu überzeugen, es sei seine Schuld.

Die Bereitschaft, wirklich zu verstehen, was der andere erlebt und die Selbstlosigkeit, ihn einfach reden zu lassen – das ist das größte Geschenk, das wir machen können.

Indem wir scheinbar nichts tun (aber wirklich zuhören), erlauben wir dem anderen, das zu entdecken, was er entdecken muss und schaffen einen Raum, in dem er auf seine eigene Lösung kommen kann (die selten etwas ist, was wir uns hätten einfallen lassen können). Indem wir bereit sind, nichts zu tun, tun wir die tiefgründigste Sache von allen.

Außerdem, wenn uns etwas vorgeworfen wird und wir einfach Raum für die Unzufriedenheit des anderen lassen, ohne uns zu verteidigen, erweisen wir uns als authentisch und mutig. Auf diese Weise werden wir zu einer Person, die tief genug liebt, um unser eigenes Ego beiseite zu schieben und eine andere Person besser kennenzulernen, auch wenn es schmerzhaft ist.

Und schließlich spürt die andere Person unser Mitgefühl, wenn wir ihr zuhören, ohne sie zu verurteilen, auch wenn wir sie für verantwortlich halten. Das bringt die Person oft dazu, ihre eigene Rolle in ihrer Erfahrung zu entdecken.

Schuldzuweisungen oder mit dem Finger auf den anderen zu zeigen, verstärkt hingegen nur die Abwehrhaltung des anderen und macht es unwahrscheinlicher, dass jener die Verantwortung übernimmt. Wenn wir einer anderen Person erlauben, unser Mitgefühl durch tiefes und präsentes Zuhören zu empfinden, ist das die einzige Möglichkeit, einen ausreichend sicheren Raum zu schaffen, in dem sie die Verantwortung übernehmen kann, die wir von ihr erwarten.

Zuhören in der Praxis

Wir alle sehnen uns danach, dass unsere eigenen Erfahrungen gehört und verstanden werden. Wir sind jedoch darauf konditioniert, zu glauben, Zuhören sei passiv und Helfen müsse mit Handeln einhergehen.

Was wir nicht wissen, weil es uns nicht beigebracht wird, ist, dass wahres Zuhören das Aktivste und Heilendste ist, was wir tun können und die tiefgreifendsten Ergebnisse zur Folge hat. Ironischerweise ist unsere Anwesenheit viel mächtiger als alles, was wir jemals für einen anderen Menschen tun könnten.

Wenn Sie das nächste Mal jemandem zuhören, probieren Sie es aus, wie es sich anfühlt, präsent zu sein und einfach nur zuzuhören, ohne zu bewerten oder Vorschläge zu machen. Versuchen Sie, die Erfahrung des anderen einfach so hinzunehmen, wie sie ist und Mitgefühl zu empfinden.

Wenn Sie das nächste Mal eine Erfahrung mit jemandem teilen – vor allem, wenn Sie mit Ideen und Rückmeldungen bombardiert werden – bitten Sie die andere Person höflich, Ihnen ohne Vorschläge zuzuhören und Ihnen einfach Raum zu geben.

Es mag sich wie eine unangenehme Bitte anfühlen, aber wenn die andere Person das für Sie wirklich tun kann, ist es die Unannehmlichkeit der Bitte wert. Achten Sie darauf, wie es sich anfühlt, auf diese Weise gehört und aufgenommen zu werden. Wir müssen wieder lernen, was Helfen wirklich bedeutet und was wir wirklich brauchen und voneinander wollen – eine aufmerksame Anwesenheit.

Gleichzeitig müssen wir in der Lage sein, unsere wirkliche Sehnsucht zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen – tief erkannt, wirklich gehört und nicht „korrigiert“ zu werden. Diese Erfahrung ist im Kern ein Ausdruck der Liebe.

Nancy Colier ist Psychotherapeutin, interreligiöse Seelsorgerin, Autorin, Referentin und Verfasserin mehrerer Bücher über Achtsamkeit und persönliches Wachstum.

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel: What We Want Most From Relationships but Rarely Get (deutsche Bearbeitung von as)



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion