Vom Fünfjahresplan zum Jetzt-Plan

In der Gegenwart und im Augenblick zu leben, kann Ängste lindern und uns erlauben, unser Leben mehr zu genießen.
Titelbild
Foto: istockphoto
Von 31. Januar 2022
Jetzt neu: Epoch Times Wochenzeitung auch als Podcast

Der letzte Workshop, an dem ich teilnahm, begann mit einer einfachen Frage: Was wollen Sie? Dieser Frage folgte kurz darauf: Was ist Ihre wichtigste Zielsetzung? Und dann: Was möchten Sie in Ihrem Leben erreichen?

Dann kamen die Filzstifte, Plakatwände, Klebestifte, Glitter und alle möglichen anderen Kunstmaterialien zum Einsatz. Wir fingen an, ein zukünftiges Leben und ein zukünftiges Ich zu zeichnen, zu kartografieren und zu entwerfen, zusammen mit den Handlungsschritten, die uns zu unseren wichtigsten Wünschen und Zielen führen würden.

Von klein auf werden wir darauf konditioniert, strebsam zu sein. Wir werden darauf trainiert, immer mehr und Besseres zu wollen. Bessere Ausführungen von uns selbst und bessere Erfahrungen für uns selbst – das ist es, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen.

Um ehrlich zu sein, wenn ich mit solchen vielschichtigen, zukunftsorientierten Fragen konfrontiert werde, bin ich oft ratlos und nicht in der Lage zu sagen, was ich mir für meine Zukunft im Einzelnen wünsche. 

Normalerweise verwende ich die magischen Marker und den Glitzer, um ein Bild für meine Tochter zu malen. Das soll nicht heißen, dass es nicht Dinge gibt, die ich tun und schaffen möchte. Aber meistens ist das, was ich angesichts dieser Fünfjahresplan-Fragen empfinde, ein großes dickes „Sollte“, mit einem Schuss Verwirrung und einem Hauch von Nebel.

Ich bekomme den Eindruck, dass man einen klaren Plan und eine übergeordnete Vision für die Zukunft haben sollte. Und dass etwas nicht stimmt, wenn ich mich nicht an der Übung beteilige oder gar nicht beteiligen will.

Wir betrachten uns selbst als ein Objekt in unserem Modell des unendlichen Fortschritts und konzentrieren uns auf die Zukunft, wo wir hinwollen, was es sonst noch geben könnte und was wir anstreben. Am Ende des Tages gehen wir davon aus, dass „wollen“ bedeutet, nach etwas zu streben, und zwar nach etwas Äußerem, nach etwas Neuem und etwas anderem.

Nachdem ich mir jahrelang solche gut gemeinten Fragen gestellt habe, habe ich festgestellt, dass sie weder für mich noch für viele meiner Kunden die richtigen Fragen sind. 

Die Frage „Was wollen Sie?“ ist zwar in mancher Hinsicht wunderbar hilfreich, kann aber zu einer weiteren Forderung an sich selbst werden, zu einer weiteren Aufgabe, die wir erfüllen sollen, zu einer weiteren Messlatte, die wir erreichen müssen. 

Es wird erwartet, dass wir eine To-do-Liste für unsere Zukunft und einen Plan für den Weg dorthin haben und wenn wir das nicht aufstellen, würden wir mit Sicherheit unsere Träume verpassen.

Im Hier und Jetzt leben

Nach Tausenden Workshops und zu vielen Stunden, die ich mit Tagebuchschreiben, Reden, Meditieren, Singen und so weiter verbracht habe, ist mir klar geworden, dass das, was ich wirklich will, im Hier und Jetzt ist. Das heißt, diesen Moment zu erleben, diesen – ich wage es zu sagen – gewöhnlichen Moment, und ihn als ausreichend zu erleben. 

Ich beabsichtige, nicht mehr woanders hinzukommen, jemand anderes zu werden oder eine bessere Realität zu erfinden. Daran ist zwar nichts auszusetzen, aber für mich besteht die eigentliche Herausforderung darin, tiefer in den gegenwärtigen Moment einzutauchen und darin das Wunder und die Ehrfurcht zu finden. 

Mein Fünfjahresplan lautet: alle einzelnen Momente auf dem Weg zu dem Moment in fünf Jahren zu erleben, der dann nur noch ein weiteres Jetzt sein wird.

Wir sind nämlich darauf trainiert, uns die Zeit und unser Leben vorzustellen, als ob es sich auf einer horizontalen Linie vorwärts bewegt und in die Zukunft rast.

Der Fortschritt ist für uns der Nordstern schlechthin. Er gibt uns einen Zielpunkt, auf den wir uns zubewegen können – und damit auch ein Gefühl von Sinn und Bedeutung. Auf einer tieferen Ebene schützt uns die Idee des Fortschritts vor unserer existenziellen Angst vor der Bedeutungslosigkeit, vor der Unermesslichkeit, die damit einhergeht, dass wir einfach nur hier sind, immer nur im Hier und Jetzt. Wenn wir nicht in eine „andere, bessere“ Richtung gehen, dann bleiben wir einfach in diesem Moment und gehen nirgendwohin. Falls das Jetzt alles ist, was wir haben, was dann? Können wir diese Existenz ertragen?

Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass wenn wir uns ganz auf den gegenwärtigen Moment einlassen, wenn wir ganz in das Jetzt eintauchen, ohne ein nächstes oder weiteres Ziel zu erstreben, können wir entdecken, dass sich die Zeit eher wie eine vertikale Erfahrung anfühlt als eine horizontale. Mit jedem erlebten Jetzt fallen wir in eine Art vertikale Weite, die ihr eigenes Bestimmungsziel darstellt.

Nachdem ich eifrig nach einem beeindruckenden „Wunsch“ gesucht hatte, der eine riesige Plakatwand und leuchtend grüne Glitzersteine rechtfertigen würde, entdeckte ich, dass mein Wunsch viel einfacher ist als das, was ich glaubte, wollen zu sollen. Was ich will, ist, ganz so zu sein, wie ich bin. Außerdem möchte ich eine beständige Ehrfurcht für die Tatsache empfinden, dass ich überhaupt hier sein darf.

Ich biete Ihnen meine eigene Erfahrung an, damit Sie eine Alternative kennen zum gewohnheitsmäßigen Streben und Sollen, zu dem man uns ermutigt.

Sollten Sie feststellen, dass Sie sich leer oder unzureichend fühlen, wenn Sie gefragt werden, welche Wünsche und Ziele Sie anstreben und was Sie erreichen wollen, dann können Sie sich durchaus erlauben, nicht nach etwas Besserem zu streben. 

Vielleicht werden Sie feststellen, dass es genügt, dort zu sein, wo man gerade steht und diesen Zustand bewusst zu erleben.

Die Fünfjahresplan-Autobahn zu verlassen, kann sich anfühlen, als ob man aus dem „normalen“ Raster aussteigt, aus der Art und Weise, wie wir in dieser Gesellschaft leben. Aber das ist in Ordnung. 

Wenn Sie die Autobahn des Strebens verlassen und Ihre Aufmerksamkeit auf das, was Sie gerade sind, richten, kann dies zu einem viel besseren und reicheren Leben führen –paradoxerweise genau zu der Art, die Sie vielleicht erstreben wollten.

 



Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion