Modernen Frauen wird beigebracht, sie müssten alles selbst erledigen, unabhängig sein und das Sagen haben. Dies kann jedoch negative Folgen haben.Foto: evgenyatamanenko/iStock

Warum die stärksten Frauen besonders erschöpft sind

Von 9. November 2021 Aktualisiert: 12. November 2021 4:00
Frauen sollten „stark und unabhängig“ sein, so das moderne Mantra. Doch das bedeutet nicht, dass sie manchmal nicht einfach umsorgt werden wollen.

Die meisten Probleme, die ich in meiner psychotherapeutischen Praxis sehe, sind geschlechtsneutral und betreffen Männer und Frauen meistens gleichermaßen. In letzter Zeit kommen jedoch deutlich mehr Frauen mit einem bestimmten Problem zu mir. Das Problem heißt Erschöpfung.

Immer mehr Frauen sind geistig, körperlich und emotional ausgelaugt, wenn sie in meine Praxis kommen. Viele der Frauen, die ich heutzutage treffe, schmeißen nicht nur den Haushalt, leiten ihre Familien und bestimmen das Leben ihrer Kinder, sondern sind auch Hauptverdienerinnen der Familie. Frauen sind rund um die Uhr im Einsatz, haben nie frei und müssen ständig Verantwortung tragen.

Warum „alles selbst erledigen zu wollen“ schlechte Folgen hat

Sally hat eine eigene Firma, mit der sie die Familie finanziert. Sie trägt auch die Verantwortung für das Leben ihrer drei Kinder – deren emotionale Gesundheit und jetzt auch für ihre Schulbildung. Sie plant außerdem Familienurlaube, Lebensmitteleinkäufe und unzählige andere Dinge.

Eine andere Frau, Linda, war überglücklich, als ihr Mann einen Wochenendurlaub geplant hatte. Als ich fragte, wohin sie fahren würden, sagte sie mir: Ob zum Baumarkt oder zum örtlichen Markt, es sei ihr egal.

Die Tatsache, dass er für das Wochenende alles selbst geplant und organisiert hatte, machte es zu einem echten Urlaub, unabhängig vom Reiseziel – sie musste keine Vorschläge machen oder recherchieren und auch nichts für den ganzen oder zumindest einen Teil des „Urlaubs“ organisieren. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie sich wirklich gut umsorgt fühlte.

Uns als modernen Frauen wird beigebracht, wir müssten alles selbst erledigen, unabhängig sein und das Sagen haben. Wir sind darauf konditioniert, diese Tapferkeitsmedaillen zu wollen und zu erringen.

Wenn jedoch die Frauen, die in meine Praxis kommen, in irgendeiner Weise repräsentativ sind, dann scheint es, dass „alles selbst erledigen zu wollen“, nicht ohne Folgen bleibt.

Als ich meine Freundin Janette fragte, was sie sich zu Weihnachten wünschte, antwortete sie: „Dass mein Mann sich von Anfang bis Ende um etwas kümmert. Dazu gehört auch zu bemerken, dass das, was auch immer es wäre, erledigt werden muss.“

Tabu für Frauen: Das Bedürfnis, „umsorgt werden zu wollen“

Als Gesellschaft erwarten wir nicht nur, dass Frauen willens, fähig und begeistert sind, „alles zu tun“, sondern wir verachten und schätzen jene Frauen gering, die den Mut haben, ihr Bedürfnis oder ihren Wunsch zu äußern, umsorgt zu werden.

Wir sind so konditioniert, dass wir uns selbst als schwach und antifeministisch abstempeln, wenn wir nicht immer der Fahrer sein, sondern gefahren werden wollen.

Während einer der letzten Paarsitzungen konnte Julia, eine erfolgreiche Verwalterin, zugeben, dass sie sich wünscht, umsorgt zu werden und „manchmal einfach nur Beifahrerin zu sein“. Ihr Mann nannte sie daraufhin verächtlich „ein kleines Mädchen“.

Er sagte ihr, sie behaupte zwar, Unabhängigkeit und eine gleichberechtigte Beziehung haben zu wollen, doch tief im Inneren wolle sie nur „hilflos sein … von einem Mann verwöhnt werden, wie jede andere Frau“.

Es war schwer, sich das anzusehen und anzuhören. Aber das Traurigste war, dass sie keine Wut empfand. Stattdessen schämte sie sich für ihre eigenen Bedürfnisse.

Diese höchst erfolgreiche, intelligente und erwachsene Frau stellte ihr eigenes Bedürfnis und Recht infrage, umsorgt zu werden. Sie fragte sich, ob ihr Mann recht habe und sie im Grunde eine Heuchlerin sei, die nur verhätschelt und verwöhnt werden wollte.

Nur wer umsorgt wird, kann stark und unabhängig sein

Wir stellen uns fälschlicherweise vor, Stärke und Unabhängigkeit seien mit Fürsorge unvereinbar, ja sogar widersprüchlich. Doch in Wirklichkeit schließen die beiden einander ein.

Wir wollen und müssen umsorgt werden und wir wollen und müssen unabhängig und stark sein. Es gibt kein Aber in dieser Gleichung. Tatsächlich müssen wir umsorgt werden, um die Kraft zu erhalten, stark und unabhängig zu sein.

Wenn wir immer der Fahrer sind, sehnen wir uns natürlich manchmal danach, Beifahrer zu sein. Wie könnte das auch anders sein?

In gewisser Weise ist die „Unabhängigkeit“ ein Mythos. Kein Mensch kann völlig unabhängig sein. Menschen sind soziale Wesen, die in der Kooperation mit anderen Menschen gedeihen. Am besten lebt es sich für uns in einer praktischen Wechselbeziehung.

Es ist auch wichtig zu erkennen, dass es verschiedene Arten gibt, umsorgt zu werden. Wenn Ihre Freundin Ihnen ein Geschenk macht, das Sie nicht wirklich wollen oder das die falsche Größe hat, werden Sie sich wahrscheinlich umsorgt fühlen, vielleicht sogar geliebt.

Gleichzeitig fühlen Sie sich vielleicht auch dafür verantwortlich, sich um Ihre Freundin zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie sich gut fühlt, Ihnen ein Geschenk gemacht zu haben. Vielleicht denken Sie auch darüber nach, dass Sie ihr auch etwas schenken müssen und was das mit sich bringen wird.

Sie wissen, dass man sich um Sie kümmert, was grundsätzlich nährend und wertschätzend ist. Gleichzeitig trifft diese Erfahrung vielleicht nicht den Punkt, an dem der Teil von Ihnen, der sich danach sehnt, völlig abzuschalten, einfach loslassen kann.

Die Art der Fürsorge, die Ihre Freundin anbietet, wird also vielleicht nicht Ihr Bedürfnis nach Entspannung auf der tiefsten Ebene befriedigen. Und das ist völlig in Ordnung.

Dagegen beschrieb eine Freundin den Moment, als ihre Masseurin vor der Massage zum ersten Mal ihre Hände auf ihre Schultern legt:

„In diesem Moment entspannt sich etwas in mir zutiefst. Nicht nur, weil sich jemand um meinen Körper kümmert, sondern weil ich bekomme, was ich will.

Ich meine … was ich tatsächlich will, und wo ich nicht so tun muss, als ob ich es will. Ich muss diesen Moment durch keine Brille betrachten oder einer Handlung folgen, damit er gelingt. Ich muss mich dabei nicht um jemand anderen kümmern. Ich kann einfach empfangen. Es ist ein Moment, in dem ich in mich selbst eintrete, ein Moment nur für mich.“

Schämen Sie sich nicht für dieses grundlegende Bedürfnis 

Der wichtigste Teil der Selbstfürsorge besteht darin, unsere eigene Sehnsucht nach Fürsorge anzuerkennen und zu respektieren. Zugleich sollten wir uns nicht für diese ursprüngliche Sehnsucht schämen. Wir müssen auch erkennen, dass unser Bedürfnis, umsorgt zu werden, ruhig mit unserem Wunsch, mächtig und unabhängig zu sein, koexistieren kann.

Fragen Sie sich: „Wann, wenn überhaupt, fühle ich mich wirklich umsorgt? Was erlaubt es mir, mich völlig losgelöst zu fühlen? Was ist etwas, das sich anfühlt, als wäre es wirklich für mich?“ Es ist wichtig, ohne zu urteilen, darauf zu achten, was uns wirklich gut tut. Und wenn wir uns umsorgt fühlen, müssen wir innehalten und es anerkennen. Wir können durchatmen und die Erfahrung einfach schätzen, die süße Erleichterung spüren.

Wenn es Möglichkeiten gibt, sich selbst echte Fürsorge zukommen zu lassen, sei es durch die eigene Aufmerksamkeit und Neugier oder in anderer Form: Angebote, Natur, Menschen, Humor, Unterhaltung, Schokolade oder was auch immer, gönnen Sie es sich. Das Bedürfnis, umsorgt zu werden, ist real und ein untrennbarer Teil des Menschseins. Behandeln Sie dieses Bedürfnis und sich selbst mit dem Respekt, den Sie beide verdienen.



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