Weltmusik-Party im Allgäu: „Burn on, Homo Sapiens!“ von René Giessen wird zur musikalischen Ur-Erfahrung + Video

Von 5. Juli 2017 Aktualisiert: 6. Juli 2017 13:19
„Das muss rocken!“, meinte Komponist René Giessen, als er Freunde aus ganz Deutschland zum musikalischen Gipfeltreffen bat: Ein afrikanischer Chor, eine Allgäuer Blaskapelle, hochkarätige Gesangssolisten, eine Rockband und das Berliner Blechbläser-Quintett Costum Tomaculum ... Es hat gerockt.

Ein rasanter Ritt durch Zivilisationsperioden, Gemütszustände und Musikstile der Menschheit: Das war die Uraufführung der Oper „Burn on, Homo Sapiens“ von René Giessen. Mehrere Dutzend Profi- und Amateurmusiker versammelten sich am 24. Juni 2017 auf einer Waldlichtung im Allgäu, um einen musikalischen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. In 90 Minuten erzählten sie die Geschichte des „Homo Sapiens“ von der Urzeit bis heute — in einer Klangcollage, welche die verschiedensten Stile zum Blühen brachte und vor allem eines war: Ein Hymnus auf das Leben und die Ur-Erfahrung des gemeinsamen Musizierens.

„Was ist der Mensch?“

Das war die Frage, mit der Erzähler Nino Sandow das Programm eröffnete, in dem kontemplativer Ernst ebenso seinen Platz hatte, wie derbe Scherze. Der inhaltliche Faden des Abends entstammte dem gleichnamigen Buch „Burn on, Homo Sapiens“ von Prof. Kilian Mehl, Chef der Psychosomatischen Klinik Wollmarshöhe, in deren Hochseil-Kletterpark die Aufführung stattfand. In prägnanten Texten wurde das menschliche Denken und Erleben dargestellt — bis hin zur Frage, warum wir heutzutage so hartnäckig Konsum mit Glück verwechseln, anstatt „das Wichtige für jetzt und die Zukunft zu tun“.

Auch Prof. Mehl, ein Pionier der Erfahrungsorientierten Therapie, schrieb sein Buch mit so manchem Augenzwinkern. Doch in Klänge gekleidet wurde daraus ein orchestrales Abenteuer, das von den Musikern unter der denkbar gewagten Bedingung realisiert wurde, dass alle auf verschiedenen Ebenen des Kletterparks spielten. Man stelle sich vor: Ein Schlagzeug auf der höchsten Etage, auf der Ebene darunter in Fräcken und Sicherungsgurten das Berliner Blechbläser-Quintett. Einzelne Bläser des „Musikvereins Karsee“ auf weiteren Plattformen, hoch wie die sie umgebenden Bäume. Jedes Instrument und jeder Notenständer waren zuvor an Seilen hochgezogen worden, denn dieser Kletterpark kennt weder Leitern noch Treppen.

Erdverbunden blieb ganz und gar „Die Stimme Afrikas“ — 20 junge Männer und Frauen aus Kamerun von der Technischen Hochschule Mittelhessen. Als sie aus dem Wald hervorkamen und sich ihre groovigen Gesänge aus der wagnerianischen Einstiegsfanfare entfalteten, war der erste Gänsehaut-Moment geboren und weitere folgten. René Giessen dirigiert von der Wiese aus die verschiedenen Etagen. Dank einem ausgefuchsten technischen Arrangement klappte das Zusammenspiel der Musiker nahtlos und die Übertragung nahezu pannenfrei. Das Publikum verfolgte das Geschehen gebannt von der Zuschauertribüne, zahlreichen Balkonen und auf spontan herbeigetragenen Gartenstühlen. Und immer wieder bekam es Einsätze zum Mitspielen, durfte Texte rezitieren, singen.

Charismatische Stimmen

Neben der Schauspiel-Stimme von Nino Sandow warf Giessen immer wieder selbst Moderationen ein. „Das Schreien eines Babys aus dem Krankenhaus Lindau!“ kündigte zum Beispiel er an, bevor ein neugeborener Erdenbürger auf einer rauschenden Handy-Aufnahme kreischte. Geboren innerhalb der vergangenen 24 Stunden.

Dem folgte eine junge, ebenso mit Hoffnungen assoziierte Stimme der Region: „Ein Kindlein ist geboren!“, jubelte die charismatische Mezzosopranistin Caroline Schnitzer, Absolventin der Hanns Eisler Hochschule in Berlin – balanciert, temperamentvoll und strahlend. Das „Jubilate“ im Barockstil mit Bläserbegleitung entpuppte sich nach einigen Takten als freche Persiflage mit infantilem Text – wie Mamis eben mit ihren Kindern reden …

Der Ernst des Lebens kam in Form der Band „Applied Sounds“ von der Technischen Hochschule Mittelhessen. Ein E-Gitarrensolo heulte auf der Waldlichtung: Rocksängerin Darya zeichnete mit dem Song „Broken Ring“ ein Bild des Erwachsenwerdens und der enttäuschten Liebe.

Dann der Titelsong des Abends: „Burn on, Homo Sapiens“ war ein Rap, angeführt vom ukrainischen Bass Igor Storozhenko im rauen Louis Armstrong-Style. Der Chor powerte die Lieder mit Energie und Klangfülle.

Dann wurde es heimatlich: Doris Mertin sang einen charmanten Schlager in Mundart  — riesiger Applaus.

Tschaikowski meets „Fischerin vom Bodensee“

Als Höhepunkt menschlicher Zivilisation konnte man das faszinierend sinfonische Zusammenspiel von Costum Tomaculum genießen: Mit dem Tschaikowski-Arrangement „Nahezu ein Blumenwalzer“ von Ingo Luis. Der goldene Fluss des Stückes verjazzte schließlich und winkte mit dem kleinen grünen Kaktus.

Dann wurde es noch einmal ernst: Igor Storozhenko und das Bläserquintett spielten den „Knulp´schen Gesang“ von René Giessen als kapriziöse Miniatur-Oper. Der Ausflug in die moderne Musik war inspiriert von Hermann Hesse und erzählt vom Seelenleben eines Vagabunden, der über die Dächer der Großstadt fliegt. Als Knulp entfaltete Storozhenko die Eleganz und Ausdrucksfülle seiner Bassstimme — und all das angeseilt auf dem Gerüst.

Faszination bis zum Schluss

Den Abschluss bildete der Song „Treasure of Love“ (C. Schnitzer jetzt ganz sanft und ohne Diven-Glamour). Ein lyrisches Blockflöten-Solo aus der Höhe erinnerte den modernen Menschen daran, sein Leben im Hier und Jetzt nicht zu verpassen. (Luna Leipold von „Applied Sounds“ flötete, sang solo und spielte Saxophon. Nur eine der vielen Einzelleistungen, die das Publikum begeisterten!)

Am Ende: Standing Ovations. René Giessen bat jedes Ensemble noch um eine Zugabe und die Karseer Blaskapelle um das Lieblingslied seiner Kindheit: „Die Fischerin vom Bodensee“.

Der Abend ging fließend in eine Party über, bei der Blechbläser und Afrikaner volksmusikalisch wetteiferten.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN