Schuld sind immer die anderen

Von 12. September 2019 Aktualisiert: 12. September 2019 22:01
Opfer der Umstände sein oder sich als Gefangener seiner eigenen Vergangenheit zu betrachten - diese Einstellung leben Menschen mit einer Opfermentalität. Ihr Leben ist wie eine ständige Wiederholung von Schmerz und Enttäuschung. Wie sich dieses Gefängnis aufbaut und wie Sie dem entkommen, wird folgend von Experten erklärt.

Kimberly Spencer ist nicht nur Lebensberaterin und Motivationsrednerin, sie war einst ein Kind mit einem süchtigen Elternteil. Den Kindheitserlebnissen folgte ein 10-jähriger Kampf gegen Bulimie und eine Reihe von missbräuchlichen Beziehungen. Das Leben nahm erst eine Wende als sie erkannte, wie wichtig es ist, seine Vergangenheit anzunehmen.

Eingerichtet in der Opferrolle

Erst als ich aufhörte, Schuldzuweisungen zu machen, begann ich mich zu verändern. Es war nie mein Vater, der mir den Finger in den Hals schob. Sondern, ich war es. Es war nie mein Vater, der meine schlechten Beziehungen auswählte. Das tat ebenfalls ich.“

Spencer erklärt weiter, die Gewohnheit, Vergangenes für seine gegenwärtigen und zukünftigen Probleme verantwortlich zu machen, nennt sich Opferrolle. Für die Betroffenen fühlt sich das Leben wie eine fortlaufende Spirale traumatischer Erlebnisse an. Eine Opfermentalität zu leben bedeutet auch, zerstörerischen Glaubenssystemen treu zu sein. Das Leiden ist ständig präsent. Doch selbstinszenierte Opfer sorgen dafür, die Umwelt erkennen zu lassen, von welch großem Leid sie verfolgt werden.

Täter- und Opferrollen entstehen durch das Erleben traumatischer Erfahrungen. Wenn jedoch damit begonnen wird, die Opferrolle zu leben, wird man zum Erlebten selbst. Ab dem Moment nimmt das Leben eine vorhersehbare Wende. Plötzlich wird das ganze Dasein durch Schuldgefühle geprägt. Schuld führt zu lebenslangen Fesseln. Es ist, als ob man ständig einen schmerzenden voll bepackten Rucksack durch sein Leben trägt.

Schicksalsschläge lassen sich ertragen – sie kommen von außen, sind zufällig. Aber durch eigene Schuld leiden – das ist der Stachel des Lebens.“ Oscar Wilde

Es hat Vorteile, ein Opfer zu sein

Es gibt immer wieder Menschen die sich scheinbar freiwillig in diese Rolle begeben. Warum?

Weil es auch Vorteile hat, Opfer zu sein. Ein Opfer bekommt Aufmerksamkeit, Unterstützung und Mitleid. Als zusätzlicher Vorteil kann auch gezählt werden, dass keine Verantwortung für sein Leben übernommen werden muss. Es wären dann Äußerungen wie

  • „Ich hätte es ja geschafft, aber …“
  • „Weil dieser oder jener …, war es mir unmöglich …“
  • „Wenn dieses oder jenes nicht gewesen wäre, dann hätte/wäre ich schon lange …“
  • „Wenn es mir nicht so schlecht ginge, dann …“

Aber auch das Rechtssystem liefert Beispiele für derartiges: Medien berichten zeitweise davon, dass vor Gericht die Schuldzuweisung unangezweifelt bewiesen wurde, und doch wurde der Freispruch gewählt. Meist hat in solchen Fällen ein Täter-Opfer-Statuswechsel stattgefunden. Das Ereignis sei oftmals gepaart mit einer akuten Belastungsstörung aufgetreten, die in Folge eines biografischen Traumas aufgetreten ist. Et voila, ein Freispruch wurde geboren. In solchen Fällen kann das Rechtssystem scheinbar nur auf eine Schuldunfähigkeit plädieren. Kimberly Spencer meint dazu:

Ob Sie sich selbst, andere Menschen, die Regierung, die Wirtschaft, oder was auch immer, beschuldigen, Schuld hindert Sie daran, Selbstverantwortung für ihr Leben zu übernehmen“

Die Falle des kindlichen Egos

Nach einer Opfererfahrung kann das Verantwortungsbewusstsein verloren gehen. Solche Erfahrungen kommen unerwartet, entreißen einem jegliche Handlungsmöglichkeit und zwingen in die Verletzlichkeit. Ana Jovanovic, Psychologin und Lebensberaterin, sagt, die Opferrolle sei für die Verarbeitung nach einem Trauma notwendig. Es wäre mutig, sich als Opfer anzuerkennen und sich von Schuld freizusprechen. Der Genesungsprozess würde beispielsweise erst dadurch in Gang gesetzt werden und schaffe Raum für Selbstmitleid und Heilung. Dafür ist die Opferrolle dienlich.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

Beispielhaft für das Fehlen der Anerkennung, Opfer zu sein und somit keine Heilung zu erfahren, sei folgendes: Wenn Menschen sexuelle Übergriffe erlebt haben oder in missbräuchlichen Beziehung leben, machen sie sich teilweise für ihre missliche Lage selbst verantwortlich. Ihnen fehle es an der Einsicht, Opfer zu sein – so die Psychologin.

Problematisch würde es erst dann werden, wenn jemand die Opferrolle nicht mehr loslässt. Die Fixierung würde einem die Fähigkeiten nehmen, voranzukommen. Dadurch wird jedes Erlebnis durch die Linse der Opferrolle betrachtet werden. Das wäre der Beginn von einem selbst kreierten Leidensweg. Für alles, was einem danach widerfährt, sucht und findet man Schuldige.

Pastorin Sheri Heller, aus New York City, ist Expertin im Bereich Sucht, komplexe Traumas und narzisstischen Missbrauch. Nach ihren Erkenntnissen, würde das Leben einer Opfermentalität gekennzeichnet sein von Wiederholungsmustern mit zwanghaften Verhaltensformen. Betroffene würden immer wieder den unbewussten Versuch starten, das vergangene Trauma wieder zu erleben. Ihr Ziel wäre, die Situation irgendwann zu beherrschen.

Ehemalige Opfer würden dazu tendieren, das Erlebte „nachspielen“ zu wollen, indem Sie sich einen Täter suchen. Beispielhaft dafür sind Frauen die wiederholt Partnerschaften eingehen, in denen Sie Gewalterfahrungen machen. Es wäre wahrscheinlich, dass Sie versuchen, das Trauma wiederzubeleben, um den Ausgang zu verändern. Die Pastorin meint, folgende Gedanken könnten bei den ehemaligen Opfern wiederkehrend auftauchen:

Diesmal wirst Du mich lieben. Ich werde so gut sein, dass Du mich nur lieben kannst. Ich werde den Code knacken, und über Dich triumphieren“.

Dies sei ein primitives Verhalten, welches dem kindlichen Ego entspringt. Von außen betrachtet wäre es vielleicht leicht, jemanden in einer Opfermentalität zu erkennen. Aber für diejenigen, die tief in dem Gedankenkonstrukt gefangen sind, ist es ein unsichtbarer Käfig. In dem Fall würde Mitleid mit Mitgefühl verwechselt werden. Die Illusionen zu zerstören und sich der Wahrheit zu stellen ist eine Möglichkeit, diesem System zu entkommen.

Es gäbe einen Punkt in der Opferrolle, meint Heller, an dem vom sinkenden Schiff abgestiegen werden sollte. Dann wäre es an der Zeit die falsche Hoffnung aufzugeben, irgendwann sein Glück in dieser Rolle zu finden. Der erste Schritt ist, sich einzugestehen, einst hilflos und machtlos gewesen zu sein. Der nächste wäre, die erlernte Hilflosigkeit abzulegen, um Freiheit zu erlangen.

Neustart

Die Spaltung in Täter und Opfer folgt moralischen Kategorien. Demnach sollte den Opfern eine Art Gerechtigkeit widerfahren, wenn auch nur in Form einer Entschuldigung. Schließlich habe ein Mensch Leid ertragen müssen. Wenn jedoch die erwartete Entschädigung und Gerechtigkeit nicht eintritt, kann der Augenblick auch dafür genutzt werden, Entscheidungen zu treffen, indem überlegt wird, wie der zukünftige Lebensweg auszusehen hat. Heller meint:

Nicht alle Dinge lassen sich beheben. Einige müssen wir einfach akzeptieren“

Ein großes Problem auf dem Weg des ewigen Opfers ist, dass keine Entschädigung jemals den Schmerz stillen wird.

Der Heilung wegen will man für sein Opfer entschädigt werden. Doch das wird nicht passieren! Es wird immer so weitergehen“, so Heller. „Wir reden hier von einem Schmerzniveau, das nie kompensiert werden kann.“

Dieser unstillbare Appetit auf Entschädigung – diese Täuschung, im Außen nach etwas zu suchen, was den Schmerz im Inneren lindert – fördert den Kreislauf des Leidens, anstelle der Heilung.

Das Original erschien in The Epoch Times (USA), (deutsche Bearbeitung von rp)
Originalartikel: https://www.theepochtimes.com