Leben und Tod vor 7.000 Jahren: Archäologen entdecken Siedlungs- und Grabanlage bei Tübingen

Epoch Times15. Oktober 2019 Aktualisiert: 15. Oktober 2019 10:41
Der archäologische Fund eines Skeletts aus der frühen Jungsteinzeit wirft Rätsel auf. Schmuckstücke aus Kalksteinperlen - sonst eher im Raum der Karpaten zu finden - sind Grund des Rätsels, aber möglicherweise gleichzeitig auch Lösung dessen.

Wie die Universität Tübingen mitteilte, entdeckten sie zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege (LAD) Baden-Württemberg neue Siedlungsstrukturen bei Ammerbuch-Pfäffingen. Diese seien Teil einer großen Siedlung der ältesten bäuerlichen Kultur in Mitteleuropa: der Linienbandkeramik (2. Hälfte 6. Jahrtausend v. Chr.).

Aktuelle naturwissenschaftliche Analysen der bei den Ausgrabungen gewonnenen Funde geben neue Einblicke zum Beginn von Ackerbau und Viehzucht in Südwestdeutschland. Die damit verbundene sesshafte Lebensweise bietet die Grundlage für die Entwicklung einschneidender neuartiger Kulturtechniken, die unser heutiges Leben prägen, darunter die Keramik- und Textilproduktion sowie die Entwicklung von Rad und Wagen in einem späteren Stadium der Jungsteinzeit (Neolithikum).

Neuheit für den Neckarraum

Auf der Basis geomagnetischer Messungen wurde in der Flur „Lüsse“ am nordwestlichen Ortsrand von Ammerbuch-Pfäffingen erstmals ein Grabensystem identifiziert. Dieses umgab während einer frühen Phase große Teile einer jungsteinzeitlichen Siedlung. Derartige Umfassungen sind zwar typisch für neolithische Siedlungen, waren aber bislang im Neckarraum noch nicht nachweisbar.

Durch die laufenden archäologischen Grabungen, die unter der Leitung von Professor Dr. Raiko Krauß, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters Uni Tübingen, und Dr. Jörg Bofinger vom LAD durchgeführt werden, konnte die Anlage eines Grabens bereits auf Beginn des 53. Jahrhunderts v. Chr. bestimmt werden.

Die Verfüllung dieser Siedlungsumfassung mit dem Schutt von abgebrannten Häusern und mit großen Mengen verkohlter Getreidekörner, in erster Linie Emmer und Einkorn, deuten auf ein einschneidendes Ereignis während der frühen Phase des neolithischen Dorfes hin.

„Leiche im Keller“

Im Laufe des 52. Jahrhunderts v. Chr. wurde das Siedlungsareal dann offenbar auch als Bestattungsplatz genutzt. Bereits bei den Grabungen im Vorjahr konnte das Grab eines drei bis vier-jährigen Mädchens identifiziert werden, auch sie war in einer Nische innerhalb des Grabens in Hockerlage bestattet worden. Weiterhin stammt aus der Verfüllung des Grabens der Schädel einer anderen Person.

Während der Grabungskampagne im Frühjahr dieses Jahres entdeckten die Archäologen nun das Grab einer Frau. Anthropologischen Einschätzungen zufolge starb die Frau im Alter von 30 bis 40 Jahren. Aufgrund von Radiokarbonmessungen kann das Alter dieser Bestattung ebenfalls in das 52. Jahrhundert vor Christus eingeordnet werden.

Die Tote trug am Hals eine Kette aus 16 kleinen, doppelkonischen marmorartigen Kalksteinperlen. Diese waren in dieser Form aus der frühen Jungsteinzeit in Süddeutschland bislang nicht bekannt. Dennoch belegen sie zweifelsfrei die hohe Kunstfertigkeit und Sorgfalt bei der Schmuckherstellung.

Einwanderung von Mensch und Wissen

Großräumig lassen sich diese Perlen allerdings mit Funden aus dem Karpatenbecken und dem Balkanraum vergleichen. Aus eben diesem Gebiet sollen die ersten Bauern mit ihren Haustieren und Kulturpflanzen nach Mitteleuropa eingewandert sein. Dass der Prozess der Sesshaftwerdung in Mitteleuropa zum Großteil auf die Einwanderung einer neuen Bevölkerungsgruppe zurückzuführen ist, bestätigen genetische Analysen am menschlichen Skelettmaterial.

Welche Rolle der einheimischen Bevölkerung zukam, wird Gegenstand der weiteren Untersuchungen im Umfeld der jungsteinzeitlichen Siedlung sein. Seit langer Zeit ist bekannt, dass die mesolithischen Menschen nachweislich noch sehr lange in der Region als Jäger und Sammler lebten, ohne jedoch die neuartige Wirtschaftsweise zu übernehmen.

Rekonstruktion der Vergangenheit

Von den neolithischen Siedlungsresten erstellten die Forscher eine Serie neuer Radiokarbondatierungen (14C). Zusammen mit der Auswertung des Fundmaterials sollen diese die Grundlage für ein Entwicklungsmodell der Besiedlungsabfolge in der Region bieten.

Die Rekonstruktion der Siedlungsgeschichte der ersten sesshaften Bevölkerungsgruppen im Oberen Neckar- und im Ammertal steht beispielhaft für die Neolithisierung Mitteleuropas und hilft zu verstehen, wie sich unsere heutige Art zu leben kulturhistorisch durchsetzen konnte. (Universität Tübingen/ts)

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