„Auf dem Holzweg“: Archäologen graben im Moor südlich von Bremen nach 520 Meter Bohlenweg

Epoch Times22. Oktober 2019 Aktualisiert: 21. Oktober 2019 21:06
Im Rahmen einer Notbergung graben Archäologen im Aschener/Heeder Moor auf über einem halben Kilometer vorgeschichtliche Artefakte aus. Hauptaugenmerk liegt jedoch auf 520 Meter Bohlenweg, die in ihrer Form und Erhaltung einmalig sind.

Dass sich ein 520 Meter langes Teilstück eines über 2.000 Jahre alten Weges nicht an Ort und Stelle bewahren lässt, scheint nur logisch. In den kommenden drei Jahren werden Archäologen im Rahmen einer Notbergung den Bohlenweg auf voller Länge ausgraben.

Grund dafür sind neben dem Torfabbau auch die geplanten, unter dem Höhenniveau des Bohlenweges liegenden Wiedervernässung des Moores. Daher wird der Weg im Rahmen einer Notbergung ausgegraben.

Notbergung und virtuelle „Wiederauferstehung“

Das Ausgrabungsprojekt ist das größte, das seit Jahrzehnten an einem Bohlenweg stattgefunden hat. Dabei sind nicht nur neue archäologische Funde zu erwarten. Denn die gewonnenen Daten werden auch neue Informationen zur Landschaft und Landnutzung vor 2.000 Jahren beinhalten.

Im Zuge der Ausgrabungen durch die in Vechta ansässige Grabungsfirma denkmal3D werden die neuesten Methoden zur Dokumentation eingesetzt. Mit den 3D-Ansichten wird es anschließend möglich sein, den Weg zumindest virtuell in seiner Original-Umgebung wiederauferstehen zu lassen.

Vergangenheit erlebbar machen

Das Ziel des Projektes ist es, die Ergebnisse der Ausgrabung erlebbar zu machen. Eine moderne Rekonstruktion des Bohlenweges soll in Form einer 1 km langen »Moorloipe«, zu einer Aussichtsplattform führen. Von dort aus kann ein Stück natürlich erhaltene Moorfläche, die sogenannte »Heile-Haut-Fläche« überblickt werden.

Am Wegesrand der Moorloipe sollen breitgefächerte Informationen über die kulturhistorische Bedeutung des Weges vermittelt werden. Außerdem steht das Moor als Lebensraum im Mittelpunkt.

Moore und ihre Geheimnisse

Über Jahrtausende prägten Moore die Landschaften Nordwesteuropas. Gerade die vermoorte Geestniederung, die sich zwischen Lohne und Diepholz und dem Dümmer See im Süden erstreckt, ist für die Moorarchäologie eine in dieser Form einmalige Fundregion.

Der ausgedehnte Moorkomplex erreicht in Nord-Süd-Richtung eine Länge von fast 50 km, während er in Ost-West-Richtung stellenweise eine Breite von nur 2–3 km aufweist. Durch diese extrem lange und schmale Form bildete das Moor eine ausgeprägte Barriere.

Seit der Steinzeit versuchten die Menschen dieses Hindernis mit dem Bau von Bohlenwegen zu überbrücken. Bis heute sind 20 solcher Wege aus der Zeit zwischen ca. 3.000 v. Chr. und dem 300 n. Chr. bekannt. Ihr Bau bildete die einzige Möglichkeit, um die Moore mit einer gewissen Sicherheit zu betreten und zu überqueren. Zugleich sind die Moorwege fast die einzigen Überbleibsel vorgeschichtlicher Wegenetze und daher eine bedeutende Quelle für die Verkehrsgeschichte.

Die Besonderheit von Bohlenweg Pr 6

Der Bohlenweg Pr 6, der das Moor über eine mehr als vier Kilometer lange Strecke durchquerte, zählt zu den längsten Bohlenwegen Nordwestdeutschlands. Er führte von der Südseite eines weit ins Moor ragenden Mineralbodensporns, der Lindloge, in südwestliche Richtung auf eine nördlich von Kroge gelegene mineralische Erhebung zu.

Der um 50 v. Chr. gebaute Weg hebt sich durch seine Länge, seine abwechslungsreiche Konstruktionsweise sowie durch die Qualität der hier gemachten Funde von den meisten der bekannten Moorwege Niedersachsens ab. Die Funde umfassen unter anderem Räder unterschiedlicher Konstruktionsweise, Reste von Woll- und Lederbekleidung, Holzwerkzeuge, Keramikbruchstücke sowie aufwendig geglättete und geschnitzte Holzstäbe, die vermutlich als Messstäbe verwendet wurden.

Im verwendeten Holz selbst verbergen sich zahlreiche weitere Informationen. Neben einer jahrgenauen Datierung und der Bestimmung von Bau- und Reparaturphasen ermöglichen dendroökologische Analysen Aussagen zur Umwelt, zum Waldbestand und der Waldwirtschaft zur Bauzeit des Weges und der vorangegangenen Jahrzehnte. Daher werden die Archäologen einen Großteil der verwendeten Hölzer für weitere Analysen beproben. Gut erhalte Teilstücke des Weges konservieren Restauratoren am Stück für die Präsentation im Museum.

Ein vielfältiges Spektrum an Funden

Die niedersächsischen Moorgebiete sind mit ihren besonderen Erhaltungsbedingungen für organische Materialien herausragende und einmalige Kulturarchive. Für die vorgeschichtlichen Menschen bildeten die Moore räumliche Hindernisse, aber auch Räume für den Kontakt mit Spiritualität und Orte ritueller Handlungen, Rückzugsgebiete sowie Jagd- und Sammelreviere.

Dementsprechend vielfältig ist das Spektrum der in den Mooren erhaltenen Objekte. Es umfasst aus Holz gebaute Wege, Rad- und Wagenbruchstücke, Einbäume, Siedlungen und Lagerplätze, im Moor deponierte Gegenstände, hölzerne Kultfiguren, Moorleichen oder Leder- und Wollkleidung. Dabei reicht das Alter einiger Funde bis zu 10.000 Jahre zurück – fünfmal so alt wie der Bohlenweg.

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Die Ausgrabung und Erkundung des Bohlenweges sind Teil des Projektes „Naturerlebnis am prähistorischen Bohlenweg im Aschener/Heeder Moor“, das vom Verein Naturpark Dümmer getragen und mit Hilfe des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und mehreren Förderern finanziert wird. Unterstützung erfolgt auch durch verschiedene lokale Kulturinstitutionen (z. B. dem Europäischen Fachzentrum Moor und Klima und dem Heimatmuseum Aschen). Fachlich begleitet das Referat Moorarchäologie des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) die Ausgrabung. (NLD/ts)