Die römische „Vampirbestattung“ eines Kindes aus Lugnano

Epoch Times22. Dezember 2018 Aktualisiert: 20. Dezember 2018 15:09
Archäologen haben auf einem italienischen Friedhof aus dem 5. Jahrhundert Überreste eines 10-jährigen Kindes mit einem Stein im Mund gefunden. Vermutlich wurde das Kind davon abgehalten, von den Toten aufzuerstehen und eine verheerende Seuche an die Lebenden weiterzugeben.

Forscher machten die Entdeckung der Überreste eines 10-Jährigen in einem antiken römischen Ort in Italien. Alles deutet darauf hin, dass die Menschen eine Rückkehr des Kindes in die Welt der Lebenden zu verhindern versuchten. Das Kind war möglicherweise mit Malaria infizierte und sollte bei seiner Auferstehung die Krankheit nicht auf die Lebenden übertragen.

Der „Vampir von Lugnano“

Die Entdecker dieser Bestattung sind die Archäologen der University of Arizona, der Stanford University sowie Archäologen aus Italien. Doch zu ihrer Verwunderung entdeckten sie ein Stein, im Mund des Toten. Die Forscher glauben, dass der Stein dort als Teil eines Bestattungsrituals platziert worden sein könnte, um die Rückkehr des Toten zu verhindern.

Die Entdeckung dieser ungewöhnlichen, sogenannten „Vampirbestattung“ erfolgte im Sommer in der Gemeinde Lugnano in Teverina in Italien, wo der Archäologe David Soren seit 1987 Ausgrabungen betreut.

„Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es ist extrem unheimlich und seltsam“, sagte Soren, ein Professor an der University of Arizona. „Vor Ort nennen sie es den ‚Vampir von Lugnano.'“

Ein Kinderfriedhof aus dem 5. Jahrhundert

Die Entdeckung erfolgte in „La Necropoli dei Bambini“, dem Friedhof der Babys, der bis in die Mitte des fünften Jahrhunderts zurückreicht. Zu dieser Zeit suchte ein tödlicher Malariaausbruch die Region heim und forderte viele Menschenleben, vor allem Babys und Kleinkinder. Die Leichen der jungen Opfer wurden an der Stelle einer verlassenen römischen Villa aus dem 1. Jahrhundert vor Christus begraben.

Bislang glaubten Archäologen, dass der Friedhof speziell für Säuglinge, Kleinkinder und ungeborene Föten bestimmt war. Bei früheren Ausgrabungen von mehr als 50 Gräbern war ein dreijähriges Mädchen das älteste gefundene Kind.

„Die Entdeckung des 10-Jährigen, dessen Alter aufgrund der Zahnentwicklung bestimmt wurde und dessen Geschlecht unbekannt ist, deutet darauf hin, dass der Friedhof auch für ältere Kinder genutzt worden sein könnte“, sagte die Archäologin Jordan Wilson. Sie übernahm die anthropologischen Untersuchungen an den Skeletten.

„Es gibt immer noch Abschnitte des Friedhofs, die wir noch nicht ausgegraben haben, also wissen wir nicht, ob wir weitere, ältere Kinder finden werden“, so Wilson.

Einblicke in die verheerende Malaria-Epidemie

Ausgrabungsleiter David Pickel, Doktorand in Stanford, sagte, dass die Entdeckung das Potenzial hat, Forschern viel mehr über die verheerende Malaria-Epidemie zu erzählen, die Umbrien vor fast 1.500 Jahren heimgesucht hat. Außerdem erhalte man einen Einblick in die Reaktionen der Gemeinschaft auf das Ereignis.

„Angesichts des Alters dieses Kindes und seiner einzigartigen Niederlegung mit dem Stein in seinem Mund, stellt er im Moment etwas Ungewöhnliches auf einem bereits abnormalen Friedhof dar“, sagte Pickel. „Das zeigt nur noch einmal, wie einzigartig der Säuglings- oder jetzt eher der Kinderfriedhof in Lugnano ist.“

Hexerei als Seuchenbekämpfung

Bei früheren Ausgrabungen auf dem Babyfriedhof fanden Archäologen Säuglings- und Kleinkindknochen neben Gegenständen wie Rabenkrallen, Krötenknochen, mit Asche gefüllte Bronzekessel und die Überreste von Welpen. Alles Gegenstände, die wir üblicherweise mit Hexerei und Magie in Verbindung bringen.

Darüber hinaus waren die Hände und Füße eines 3-jährigen Mädchens mit Steinen beschwert. Dies war eine gängige Praxis, die von verschiedenen Kulturen im Laufe der Geschichte verwendet wurde, um die Verstorbenen in ihren Gräbern zu halten.

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„Wir wissen, dass die Römer sehr besorgt darüber waren und sogar bis zu dem Grad gehen würden, dass sie Hexerei einsetzen würden, um das Böse – oder was auch immer den Körper kontaminiert hat – vom Herauskommen abzuhalten“, sagte Soren.

Vermutlich an Malaria erkrankt

Das „Böse“ bei den in Lugnano freigelegten Babys und Kleinkindern war Malaria, glaubte Soren. DNA-Tests an mehreren der ausgehobenen Knochen unterstützten seine Theorie.

Obgleich die Überreste des 10-Jährigen noch nicht DNA-Tests unterzogen wurden, hatte das Kind einen beschädigten Zahn. Dies ist eine typische Nebenwirkung von Malaria. „Es deutet darauf hin, dass er oder sie auch Opfer der Krankheit geworden sein könnte“, sagte Wilson.

Die Bestattung war eines von fünf neuen Gräbern, die im Sommer auf dem Friedhof freigelegt wurden. Die Leiche lag auf der linken Seite in einem provisorischen Grab, das mit zwei großen Dachziegeln geschaffen wurde. Diese Art des Grabbaus („alla cappuccina“ genannt) war für das römische Italien typisch.

„In dem Wissen, dass zwei große Dachziegel für diese Bestattung verwendet wurden, erwartete ich etwas Einzigartiges im Inneren. Ich dachte an eine Doppelbestattung, was nicht ungewöhnlich für diesen Friedhof gewesen wäre“, sagte Pickel. „Nach dem Entfernen der Dachziegel wurde uns jedoch sofort klar, dass es sich um eine ältere Person handelte.“

Weiterhin lassen Zahnmarkierungen auf dem Stein und der Umstand der Auffindung darauf schließen, dass die Menschen den Stein gezielt im Mund des Kindes platzierten.

Ähnliche Funde aus Venedig und Northamptonshire

Das 10-jährige Kind war das erste auf dem Friedhof, das mit einem Stein im Mund gefunden wurde. Ähnliche Bestattungen wurden auch an anderen Orten dokumentiert, darunter in Venedig und Northamptonshire, England.

Aus Venedig ist die Bestattung einer älteren Frau aus dem 16. Jahrhundert bekannt.  Forscher entdeckten den „Vampir von Venedig“ 2009 mit einem Stein im Mund. In Northamptonshire (England) entdeckten Archäologen 2017 einen Mann aus dem 3. oder 4. Jahrhundert. Der Mann wurde mit dem Gesicht nach unten begraben, wobei seine Zunge entfernt und durch einen Stein ersetzt wurde.

Diese Art von Bestattungen werden oft als Vampirbestattungen bezeichnet, da sie mit dem Glauben verbunden sind, dass die Toten wieder auferstehen könnten. Andere Beispiele für Vampirbestattungen im Laufe der Geschichte sind gepfählte oder zerstückelte Leichen.

„Dies ist eine sehr ungewöhnliche Leichenbehandlung, die Sie in verschiedenen Formen in verschiedenen Kulturen, insbesondere in der römischen Welt, sehen. Sie könnten darauf hindeuten, dass es eine Angst vor der Auferstehung der Toten gab, die z. B. versuchten Krankheiten auf die Lebenden zu übertragen“, sagte Wilson.

Weitere Ausgrabungen sollen folgen

Voraussichtlich im nächsten Sommer werden die Archäologen nach Lugnano zurückkehren, um die Ausgrabungen des Friedhofs abzuschließen und mehr über diese dunkle Zeit in der Geschichte zu erfahren.

„Es ist eine sehr menschliche Sache, mit gemischten Gefühlen über den Tod nachzudenken und sich zu fragen, ob das wirklich das Ende ist“, sagte Wilson.

„Die Arbeit mit Bestattungen ist immer wieder spannend, da sie Einblick in die antiken Denk- und Lebensweisen geben. In der Archäologie haben wir ein Sprichwort: ‚Die Toten begraben sich nicht von selbst‘. Wir können viel über den Glauben und die Hoffnungen der Menschen erfahren, wenn wir sehen, wie sie die Toten behandelten“, erklärt Wilson weiterhin.

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