Womöglich früheste Version unseres Alphabets in Ägypten entdeckt

Epoch Times4. Juni 2018 Aktualisiert: 4. Juni 2018 9:37
Ein 3.400 Jahre altes beschriftetes Kalksteinfragment soll laut einem Forscher den frühesten Beweis unseres Alphabets beinhalten. Die Schrift stellt möglicherweise eine mnemonische Phrase dar, die jemanden geholfen haben könnte, sich an das womöglich erste "ABC" zu erinnern.

Thomas Schneider, Professor für Ägyptologie und Nahost-Studien an der University of British Columbia, berichtete in einem kürzlich veröffentlichten Artikel über die mögliche Entdeckung des allerersten ABCs. Es handelt sich dabei um ein 3.400 Jahre altes, beschriftetes Kalksteinfragment aus Ägypten. Der Forscher glaubt, dass es sich bei dieser Schrift um eine mnemonische Phrase unseres heutigen Alphabets handeln könnte.

Mnemonik ist eine Technik zum einfacheren einprägen von Informationen, ähnlich wie eine Eselsbrücke. So gab es im deutschen den Satz – „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten“ – als eine Art Lernhilfe, um sich die Reihenfolge der Planeten besser merken zu können.

Ihr Ursprung liegt im Nahen Osten

Wenn das stimmt, wäre diese Entdeckung „das erste historische Zeugnis unserer Alphabetfolge“, teilt Thomas Schneider Live Science in einer E-Mail mit. „Drei der Wörter beginnen mit dem antiken Äquivalent von B, C und D, wodurch eine möglicherweise mnemonische Phrase entsteht.“

Die Forscher nennen diese frühen Vorfahren unseres ABCs manchmal auch „abgad“-Reihe, weil dieser Satz einige der Anfangsbuchstaben der frühen Version unseres Alphabets enthält. Bis zu dieser Entdeckung war das älteste Beispiel dieser Sequenz nur etwa 3.200 Jahre alt, schreibt Thomas Schneider in seinem Aufsatz.

Das Alphabet, das wir heute verwenden, leitet sich von dem der Phönizier ab, einer Zivilisation, die vor etwa 3.500 bis 2.300 Jahren im östlichen Mittelmeerraum lebte. Sie benutzten das, was Wissenschaftler eine semitische Sprache nennen. Deren Ursprung soll wiederum im Nahen Osten liegen.

Ein Fund aus dem Grab eines ägyptischen Beamten

Ein Team von Archäologen des Cambridge Theban Tombs Project entdeckte das Kalksteinfragment 1995 in dem Grab des ägyptischen Beamten Sennefer. Während der Text in hieratisch geschrieben ist – eine Form der ägyptischen Hieroglyphenschrift – „scheinen alle Wörter fremden Ursprungs zu sein. Die meisten davon sind semitisch“, schreibt Thomas Schneider in seiner Arbeit.

Eine Seite des Kalksteins enthält eine Reihe ägyptischer Hieroglyphen, die möglicherweise die Wörter „bibiya-ta“ („Erdschnecke“), „garu“ („Taube“) und „da’at“ („Drachen“) darstellen. Vor mehr als 3.000 Jahren hätte das „g“ den Klang repräsentiert, den „c“ heute macht, sagt der Professor zu Live Science. Das bedeutet, dass der erste Buchstabe jedes dieser Wörter das alte Äquivalent von „BCD“ ist, das A befindet sich möglicherweise auf einem noch nicht entdecktem Bruchstück.

Weiterhin stehen vor diesen drei Wörtern Symbole, die schwerer zu interpretieren sind, unter anderem „elta’at“ das „Gecko“ oder „Eidechse“ bedeuten könnte.

Es ist möglich, dass alle Zeichen zusammen den Satz „und die Eidechse und die Schnecke, und die Taube und der Drachen….“ bilden. Ein Satz, der laut dem Forscher dem Verfasser des Textes geholfen haben könnte, sich an die richtige Reihenfolge des alten Vorläufers des heutigen Alphabets zu erinnern.

Eine weitere alphabetische Reihenfolge in hieratisch

Auf der anderen Seite des beschrifteten Kalksteins befinden sich eine Reihe von hieratisch geschriebenen, semitischen Wörtern. Sie buchstabieren die Worte „hahāna lāwī ḥelpat mayyin leqab.“ Die ersten Buchstaben der ersten vier Wörter dieser Reihe – die Buchstaben „hlhm“ – stellen die ersten Buchstaben einer anderen alten alphabetischen Reihenfolge dar, die nie so populär wurde, wie der alte Vorläufer unseres Alphabets.

Diese Worte bilden einen Satz, der bedeutet, „denjenigen, der das Schilfrohr beugt, angenehm zu machen, Wasser [nach] dem Qab.“ Das „qab“ ist eine Maßeinheit, die etwa 1,2 Liter entspricht. Auch dieser Satz soll der Person wahrscheinlich geholfen haben, sich an die ersten Buchstaben dieser alphabetischen Reihenfolge zu erinnern.

Ben Haring, Dozent für Ägyptologie an der Universität Leiden, war der erste, der die „hlhm“-Sequenz zu diesem Keramikstück erkannte und im Jahr 2015 im Journal of Near Eastern Studies veröffentlichte.

Wer diese Inschriften vor 3.400 Jahren geschrieben hat, versucht sich vielleicht an den Beginn der beiden alphabetischen Sequenzen zu erinnern, erklärt Thomas Schneider. Sennefer war ein Beamter, der sich mit der ägyptischen Außenpolitik beschäftigte und wahrscheinlich die semitischen Sprachen verstand, die im östlichen Mittelmeerraum verwendet wurde.

Als Sennefers Grab gebaut wurde, versuchten vielleicht die Schreiber, die beim Bau des Grabes halfen, die Sprachen zu lernen, und einer von ihnen schrieb diese Worte als Übung auf, so der Forscher zu Live Science.

Noch fehlen die exakten Beweise

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Schneiders Artikel wurde kürzlich veröffentlicht und es bleibt abzuwarten, wie die Wissenschaftler auf seine Ergebnisse reagieren werden. Haring, der die „hlhm“-Sequenz identifizierte, sagte, er begrüße Schneiders Werk, sei aber vorsichtig mit der Vorstellung, dass die andere Seite des Töpferwerkes Zeugnisse des antiken Vorläufers unserer modernen Alphabetfolge trägt.

Laut Haring ist ein Hauptproblem bei der Erforschung dieser Töpferei der Mangel an Texten, die in Semitisch geschrieben wurden und 3.400 Jahre zurückreichen. Das bedeutet, dass Wissenschaftler, wenn sie die Wörter analysieren, semitische Texte aus späteren Epochen verwenden müssen, um sie zu verstehen, auch wenn ihre Bedeutung vor 3.400 Jahren hätte anders sein können.

Als Haring 2015 seinen Vorschlag zum „hlhm“-Fund veröffentlichte, war er selbst von seiner eigenen Entdeckung nicht ganz überzeugt. Er sagte, dass sein Befund seither eine breite Akzeptanz bei den Wissenschaftlern gefunden habe. Es bleibt also abzuwarten, ob Schneiders Befund die gleiche Akzeptanz findet.