Am Brandenburger Tor in Berlin, 24. Mai 2020.Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images

„Kein Rechenfehler in Heinsberg-Studie“: Virologe Streeck rechnet nicht mit zweiter Corona-Welle

Von 26. Mai 2020 Aktualisiert: 26. Mai 2020 21:34
Hendrik Streeck rechnet nicht mit einer zweiten Corona-Welle in Deutschland. Zudem betont der Professor für Virologie, dass es in der Heinsberg-Studie keinen Rechenfehler gab.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck erwartet für Deutschland keine zweite Corona-Welle. Viel wahrscheinlicher sei es, dass es zu Hotspot-Ausbrüchen kommen werde. Diese würden dann von den örtlichen Gesundheitsämtern eingedämmt, so der Forscher. Eine Welle hingegen bedeute ja, dass einen etwas überrollt: „Ich glaube nicht, dass wir so ein Phänomen sehen werden“, sagt der Autor der Heinsberg-Studie im Interview mit dem „Bonner Generalanzeiger“.

Mit Blick auf die Studie betont Streeck, dass es keinen Rechenfehler gab. Die Studie halte Fachleuten stand und finde weltweit große Beachtung. Wenn aber ein Redakteur einen Rechenfehler in einer Rechnung finde, die es in der Studie nicht gab, sondern in den Medien so interpretiert worden sei, „dann ist das fast kafkaesk“, so der Wissenschaftler.

Dass es nun in der öffentlichen Diskussion eher darum gehe, wie die Studie präsentiert wurde, als um die Studie selbst, bedauert er. Für Streeck selbst war die Heinsberg-Studie „eine Chance“: Er sei der Virologe, der die meisten Patienten gesehen habe, die an COVID-19 erkrankt sind. „So habe ich gelernt, das Virus besser einzuschätzen. Ich habe den Respekt vor dem Virus und den schweren Verläufen gelernt, aber auch die andere, die harmlose Seite der Erkrankung gesehen. Zum Beispiel unsere Beschreibung der milden Fälle und deren Verlauf“, sagt er.

Aus den Erfahrungen nach Veröffentlichung der Studie habe er sehr viel gelernt. Er sei deswegen auch vorsichtiger geworden. Ratschläge, wie man in der Pandemie verfahren soll, will der Wissenschaftler keine mehr erteilen. „Die Entscheidung zur Normalität ist eine, die mittlerweile ganz weggerückt ist von der Virologie. Solche Entscheidungen müssen auf ganz anderer Ebene getroffen werden“, so Streeck.

„Wir können das Virus nicht austreiben, dafür ist es zu spät“

Dennoch sagt er mit Blick auf die weitere Vorgehensweise: Es komme darauf an, was man erreichen wolle. Solle das Virus komplett eingedämmt werden, müsse sehr viel öfter getestet und jede Infektionskette unterbunden werden. „Die Frage ist aber, ob das Virus endemisch, also bei uns heimisch, wird und wir immer in den Herbst- und Wintermonaten solche Infektionen sehen. Dann ist die Frage, ob man nicht eine Teilimmunität erreichen will, gerade in den wärmeren Monaten, wo weniger Viren übergeben werden und eine Infektion mit asymptomatischem Charakter wahrscheinlicher ist“, so der Forscher.

Sollte das Ziel jedoch sein, die Krankenhauskapazitäten nicht zu überlasten, bräuchten nur jene getestet werden, die Symptome haben. Die Reproduktionszahl R sei dabei nur bedingt aussagekräftig. Denn sie sei von den Testangeboten und der Nutzung abhängig, betont er.

„Wir können das Virus nicht austreiben, dafür ist es zu spät“, fährt der Wissenschaftler fort. Man müsse anfangen, darüber nachzudenken, wie man mit dem Virus leben kann. Dazu sollten Strategien entworfen werden, rät Streeck. Gesellschaftlich sei für ihn die beste und fairste Strategie, darauf zu schauen, was die Intensivkapazitäten in jeder Region sind damit jedem Menschen eine optimale Versorgung zugutekommen kann.

„Das Schwierige daran ist, dass sich SARS-CoV-2 zehn bis 14 Tage Zeit nimmt, bevor der Erkrankte Symptome entwickelt“, so der Virologe weiter. Daher müsse man eine Kenngröße entwickeln, die es noch nicht gebe, „zum Beispiel das Verhältnis der gemessenen Fälle durch Stichproben zur Intensivkapazität“.

„Das Virus nimmt sich seine Zeit die müssen wir uns auch nehmen“

In Bezug auf große Versammlungen und Demonstrationen sagt Streeck: Derzeit sei gesellschaftlich „eine gute Lösung“ gefunden worden. Es gebe „einen Kompass, den wir den Leuten an die Hand geben, wie man in einem gewissen Grad zur Normalität zurückkommt. Das ist erst einmal was Gutes.“

Nun könne man schauen, wie es sich weiter verhält. „Vielleicht zeigt dieser Weg, dass [er] der richtige ist und man kann ein bisschen mehr wagen. Aber das Virus nimmt sich seine Zeit. Was heute passiert, das sehen wir in zehn Tagen. Diese Zeit müssen wir uns einfach auch nehmen“, so der Virologe.

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