Drei Ärzte.Foto: iStock

Herzchirurg warnt vor Kommerzialisierung der Gesundheit: „Chefärzte sind Marionetten von Geschäftsführern“

Von 23. Mai 2020 Aktualisiert: 23. Mai 2020 11:35
Der Bremer Herzchirurg Umeswaran Arunagirinathan wird im kommenden Oktober ein Buch herausbringen, in dem er vor Gefahren warnt, die mit einer übersteigerten Kommerzialisierung des Gesundheitswesens verbunden seien. Der ökonomische Druck in der Medizin sei enorm.  

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat der bekannte Bremer Herzchirurg Umeswaran Arunagirinathan vor einer übertriebenen Kommerzialisierung des Gesundheitswesens gewarnt. Ärzte müssten Ärzte bleiben können und sollten nicht zu Managern werden müssen, meint der Autor des Buches „Der verlorene Patient. Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht“, das im kommenden Oktober erscheinen soll. Die Corona-Krise habe Deutschlands Gesundheitssystem gut gemanagt, weil nicht nur nach kurzfristigen monetären Überlegungen entschieden worden sei – dennoch gäbe es noch Verbesserungsbedarf.

Kommerzialisierung im Gesundheitswesen macht Ärzte zu Marionetten

Arunagirinathan mahnt, der Gesundheitspolitik im Wahlkampf zur nächsten Bundestagswahl ein besonderes Augenmerk zukommen zu lassen. Medizinische Entscheidungen dürften nicht kurzfristigen Gewinnzielen untergeordnet werden: „Geld bestimmt die Medizin. Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt. Der ökonomische Druck ist enorm. Warum müssen Kliniken gewinnorientiert arbeiten? Das erwarten wir doch von Polizei, Feuerwehr und Schulen auch nicht. Chefärzte sind Marionetten von Geschäftsführern.“

In der Corona-Krise habe Deutschland eine verhältnismäßig gute Figur gemacht, weil die Gesundheit an erster Stelle in der Entscheidungsfindung gestanden habe. Dennoch sei es an der Zeit, einen nationalen Masterplan für Ereignisse wie Pandemien zu entwerfen.

Auf diese Weise könne man auch Fehler vermeiden, die in der Corona-Krise gemacht wurden, etwa die Verschiebung aller Behandlungen, die nicht mit akuten Notfällen zusammenhingen: „Vieles läuft in Deutschland sehr gut. Aber es kann nicht sein, dass wir alles andere in den Kliniken derzeit komplett stilllegen. Ich kann nicht wegen einer Erkrankung einen anderen Erkrankten benachteiligen. Wenn ich eine Knieprothese brauche, dann kann ich warten. Das ist eine ganz andere medizinische Indikation als ein Herzeingriff. Diese Differenzierung müsste da sein, aber das hat man leider nicht mitbedacht.“

Arunagirinathan: „Will als Herzchirurg nicht ins Ausland – auch wenn Bezahlung besser ist“

Es sei zu befürchten, dass es Menschen in Anbetracht der ausschließlichen Konzentration auf die Corona-Bewältigung nicht wagten, in Kliniken zu gehen. Im Fall von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die nach wie vor die häufigste Todesursache im Land seien, könne dies gravierende Folgen haben. Es müsse Standorte nur für Corona-Behandlungen geben, damit räumlich getrennt davon auch andere Patienten versorgt werden könnten.

Innerhalb des Gesundheitssystems, so Arunagirinathan, müsse das, was vorhanden ist, adäquater verteilt werden. Insbesondere die systemrelevanten Berufsgruppen wie jene in der Pflege seien jahrelang benachteiligt worden und müssten künftig angemessen honoriert werden.

Arunagirinathan, der im Teenageralter aus dem damals bürgerkriegsgeschüttelten Sri Lanka nach Deutschland gekommen war, erklärt, seiner neuen Heimat gegenüber Dankbarkeit und Verantwortung zu empfinden.

Aus diesem Grund wolle auch er als mittlerweile international angesehener Herzchirurg nicht ins Ausland wechseln, auch wenn dies finanzielle Vorteile brächte: „Ich habe in diesem Land meinen Traum verwirklichen können zu studieren und zu arbeiten. Und warum? Weil wir ein Sozialstaat sind. Deswegen ist es auch meine Verantwortung und Aufgabe, diesen zu beschützen. Ich könnte auch sagen, ach, in der Schweiz verdiene ich mehr Geld. Das kann ich aber politisch nicht vertreten. Gerade jetzt muss ich hierbleiben, mitreden, mitgestalten, damit das System nicht den Bach runtergeht. Und damit alle Kinder die Chance haben, die ich hatte. Deutschland hat mich gefüttert, mich ausgebildet, hat meine Schule, mein Studium finanziert.“

Integrierten Einwanderern kommt „besondere Verantwortung“ gegenüber neuen zu

Was die Flüchtlingskrise anbelangt, habe er selbst einen syrischen Asylbewerber in seiner Wohnung aufgenommen und sei anfangs verärgert über dessen fordernde Haltung gewesen. Er habe jedoch aus dieser Erfahrung auch etwas gelernt: „Dass ich von einem Menschen etwas erwartet habe, den ich nicht kannte. Ich habe ihn in meine Wohnung gelassen, ohne ihm zu erklären, was die Regeln sind. Das war ein Fehler von mir. Die Aufklärungspflicht ist beidseits.“

Es sei jedoch auch Empathie vonseiten der Aufnahmegesellschaft vonnöten. Nicht jeder Flüchtling komme in einem normalen geistigen Zustand. Viele müssten erst verarbeiten, was sie im Krieg und auf der Flucht erlebt hätten. Geflüchteten wie er, die die Integration geschafft hätten, käme eine besondere Verantwortung zu, Neuankömmlingen zur Seite zu stehen, meint Arunagirinathan – denn für sie sei dies einfacher.

Aber auch dem heimischen Nachwuchs, der nur den Erfahrungshorizont der Überflussgesellschaft kenne, will der Chirurg etwas ans Herz legen: „Geht mal während der Schulzeit oder im Studium ein Jahr ins Ausland und erlebt auch eine andere Realität.“


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