Schon vor zwei Jahren gingen Angehörige der Pflegeberufe auf die Straße für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege, wie hier am 1. Mai 2013.Foto: Sean Gallup/Getty Images

Pflege in Deutschland – wie wird es hier bloß weitergehen?

Von 4. Oktober 2015 Aktualisiert: 4. Oktober 2015 13:40
Pflegenotstand, ein Dilemma, das besonders in den nächsten 10-15 Jahren seinen Höhepunkt erreichen wird. Denn schon heute bestehen erheblicher Mängel für Pflegebedürftige und Pflegende.

Die sonnengelbe Farbe kann nicht über das Trübe und Dunkle dieser Gänge hinwegtäuschen. Auch nicht die Bilder mit bunt-blühenden Blumen, die im binären Kontrast zu den alten Gestalten stehen, die ihre Blütezeit längst überschritten haben. Der Tod lauert in jeder Ecke. Somnambule Menschen hocken wie verängstigte Vögel in ihren Rollstühlen, die meisten scheinen sich noch nicht einmal bewusst zu sein, dass sie gar nicht alleine sind. Kaum beachtet man sich, selten fällt ein Wort. In manchen Zimmern wurden fürs Wochenende die großen Mülleimer  nicht geleert. Die Windeln der letzten Tage verströmen den beißenden Gestank von Kot und Urin. Gebrauchte Kanülen – einfach vergessen.

In schnellen eiligen Schritten hetzt die junge Pflegerin die Gänge entlang. Nur das Klappern der Schlüssel begleitet ihren monotonen Takt. Kaum hebt sie die Augen, kaum hat sie einen Blick übrig für die vergessenen Menschen.

Eine alte Frau weist definitiv Verletzungen im Gesicht auf. Spricht man die Pflegerin darauf an, scheint diese wie erstaunt, dass die alte Frau vielleicht aus dem Bett gefallen sein könnte. Schon dringt ein Wimmern und Klagen aus einem Raum, das wars mit dem bisschen Aufmerksamkeit, es herrscht einfach zu viel Leid, zu viel Pflege, zu wenig Personal. Vor allen Dingen zu wenig Fachpersonal. Ein alltägliches Bild in Altersheimen, Pflegeheimen und Geriatrien, und das alles in einem der reichsten Länder der Welt. Das ist ein Armutszeugnis. Die nötige Pflege für einen Menschen wird im Minutentakt abgearbeitet, genau nach einem Plan bemessen, das Menschliche, das Zwischenmenschliche bleibt oft auf der Strecke.

Ein Dilemma, das besonders in den nächsten 10-15 Jahren seinen Höhepunkt erreichen wird. Denn schon heute besteht ein erheblicher Mangel für Pflegebedürftige und Pflegende. Personalabbau und Arbeitsverdichtung haben bereits negative Auswirkung auf die Ausbildung und die Attraktivität der Pflegeberufe, wie der von Ver.di publizierte „Ausbildungsreport Pflegeberufe 2012“ dokumentiert.

1st Berlin CareSlam am 8. Oktober 20 Uhr

Wer länger lebt, muss länger gepflegt werden

Die 2,6 Million pflegebedürftigen Menschen werden von über 1 Million Beschäftigten in der ambulanten und stationären Altenpflege versorgt und betreut. Aufgrund der demographischen Entwicklung nimmt die Herausforderung in der Pflege weiter zu. Auch wenn die seit 1995 in Kraft getretene Pflegesicherung als solidarisches Sicherungssystem Pflegebedürftige aus der Sozialhilfe geführt hat, stehen zwischenzeitlich sehr große Reformbedarfspunkte an. Denn 1995 wurden die Leistungen nur sehr unzureichend dynamisiert, d.h. der wachsenden Inflation angepasst. Dies hat enorme finanzielle Auswirkungen, denn die Pflegeversicherung wurde seit 1995 um rund 25 Prozent entwertet, aber für Pflegebedürftige haben sich die Eigenanteile entsprechend erhöht.

Häusliche Pflege wird nicht selten im Rahmen des Teilleistungsprinzips der Pflegeversicherung oftmals durch sehr schlecht bezahlte Migrantinnen geleistet. Pflegebedürftige sowie deren Angehörige und berufliche Pflegende fordern seit Jahren eine Verbesserung der Löhne, aber auch der Ausbildung. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen um etwa eine Million zunehmen. Bis dahin müssen zusätzliche Pflegekräftebedarfe von rund 325.000 Vollkräften in der Altenpflege, darunter etwa 140.000 Pflegefachkräfte, ausgebildet werden.

Nur woher soll man die Menschen nehmen? Nach wie vor gilt der Berufsstand der „Pflegekräfte“ als ein nicht sonderlich attraktiver Job. Mit einem Durchschnittseinkommen von 2441 € monatlich verdienen Altenpflegefachkräfte 600 € weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Krankenpflege. In einigen Regionen des Landes werden noch niedrigere Löhne bezahlt. In Sachsen-Anhalt beispielsweise werden Altenpflegefachkräfte mit lediglich 1743 € abgespeist. Mehr als 40 Prozent der Pflegeeinrichtungen befinden sich in privater Trägerschaft. Öffentliche Einrichtung stellen nur ca. 5 Prozent dar. Nicht selten steht das Gewinnstreben dieser privaten Anbieter den Interessen und Bedürfnissen der Pflegebedürftigen entgegen. Gerade die privaten und kirchlichen Anbieter verweigern oftmals ihren Beschäftigten Tarifverträge. Die durch den gesetzlichen Pflegemindestlohn eingezogene Lohnuntergrenze kann angesichts dem sich zuspitzenden Fachkräftemangel in der Pflege keine Lösung sein.

Beschlussvorlage von Ver.di

Im Mai dieses Jahres hat der Ver.di Bundeskongress beschlossen, mehr für Pflegebedürftige und Pflegende auszufechten. Denn bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen um etwa eine Million zunehmen. Wir leben länger – das ist vielleicht ganz schön so – aber deshalb wird die Pflege in der alternden Gesellschaft immer wichtiger. Deshalb wird bis dahin ein zusätzliche Pflegekräftebedarf von rund 325.000 Vollkräften in der Altenpflege, darunter etwa 140.000 Pflegefachkräfte, benötigt. Es muss dringendst eine wirkliche echte Aufwertung der Pflegeberufe erfolgen.

Zudem verändert sich die Anforderung an die Arbeit der Pflegekräfte. Es muss getrennt werden zwischen der Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege. Jede Abteilung bedarf ihrer jeweiligen Spezialisierung. Eine dreijährige Ausbildung mit einer ein- bis zweijährigen einheitlichen Grundausbildung mit anschließenden Schwerpunktsetzungen in allgemeiner Pflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege ist zu gewährleisten. Die unterschiedlichen Berufsabschlüsse würden ganz klar festlegen, in welchem Bereich die Spezialisierung erfolgt ist. Und diese Spezialisierung muss auch gut gezahlt und bezahlt werden. Ver.di fordert, dass eine examinierte Pflegekraft mindestens 3000 € Grundvergütung im Monat verdienen müsste. Die meisten Einrichtungen verweigern aber noch immer eine tarifliche Entlohnung.

1st Berlin CareSlam am 8. Oktober in Berlin

Wie kann man diesem Berufsstand eine Stimme geben, ein Sprachrohr, damit die gesamte Bevölkerung versteht, dass der Beruf des Pflegers mehr als notwendig ist, und vielleicht für jeden von uns eines Tages die letzten Jahre die wir zu leben haben, lebenswert gestalten können?  (Fortsetzung auf S.2)

[–Yvonne Falckner und ihre Stimme für die Pflegeberufe–]

Epoch Times sprach mit Yvonne Falckner. Sie ist ausgebildete Krankenschwester und seit 2007 freie Dozentin für Pflegeberufe, mit den Schwerpunkten Psychiatrie, Demenz und interkulturelle Pflege und ist nebenbei Schauspielerin und Veranstalterin. Sie ist der Meinung, dass Pflegende sehr wohl in der Gesellschaft sichtbar sein sollten. Und zwar für alle. Es stellt sich nur die Frage, wie sie sichtbar werden könnten…

Oft sind Pflegende in der Gesellschaft sprachlos, selten gelingt es ihnen, ihre wirkliche Tätigkeit zu beschreiben. Nicht selten müssen sie ihre Aufgaben im Minutentakt abarbeiten, um dann schnell zum nächsten Patienten zu eilen. Aber es steckt so viel mehr in diesem Beruf, als nur seine Waschrunden, Essensrunden und Kaffeerunden abzuhaken, meint Yvonne Falckner.

Ist es nicht vielmehr so, dass alle Pflegerinnen und Pfleger während der Körperpflege intensivsten Kontakt zum Patienten aufbauen und Krankenbeobachtung betreiben? Muss man den Patienten nicht jeden Tag das Gefühl vermitteln, das ihr Leben lebenswert ist? Leisten Pfleger nicht auch psychosoziale Betreuung und versuchen negative Gefühle wie Scham, Ekel, Leid usw. mit ihrer Professionalität in eine positive Pflegesituation umzugestalten? Die vorhandenen Fähigkeiten des Menschen gehören in den Mittelpunkt sowohl von den Pflegebedürftigen wie auch dem Pflegenden. Um eine gute menschenwürdige Pflege dauerhaft sicherzustellen, müssen Qualität und Struktur der Leistung für Pflegebedürftige weiterentwickelt werden.

Die Begutachtung der Pflegebedürftigkeit nach Minuten hat sich ihrer Meinung nach nicht bewährt. Sie ist defizitorientiert und nimmt nicht den ganzen Menschen in den Blick.  Yvonne Falckner glaubt, dass das negative Bild des überforderten und emotionalen Pflegers das oft in der Gesellschaft kursiert, unbedingt zurückgewiesen werden müsste um ein neues Bild zeichnen zu können. Es ist daher überfällig, die Attraktivität der Ausbildung zu steigern. Ihrer Meinung nach müssten jährlich rund 10.000 Auszubildende mehr als bisher für die Altenpflege gewonnen werden. Nur hierfür braucht es laute Stimmen, um auf diese Situation aufmerksam zu machen.

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Gute Pflege kann nur durch qualifiziertes motiviertes Personal ermöglicht werden. Gute Fachkräfte sind nach drei Jahren Ausbildung ausgebildet oder studieren mittlerweile „Pflege“ an den Universitäten oder Fachhochschulen. Es ist völlig inakzeptabel, dass derzeit Auszubildende in der Altenpflege zum Beispiel in einigen Bundesländern noch immer Geld für ihre Ausbildung zahlen müssen. Der Grundsatz der Kostenfreiheit der Ausbildung sollte zu gewährleisten sein.

Denn nach der Ausbildung folgen die Jahre der Erfahrungen und des sich Auseinandersetzen mit den Themen wie Krankheit und Tod. Nicht selten sind deshalb viele der Auszubildenden älter, nehmen zum Teil eine zweite Ausbildung mit auf sich, und sollten dann keine finanziellen Nachteile erleben. Sie bringen nicht nur ihre Lebenserfahrungen in diesen Beruf mit ein, sondern vielleicht auch die nötige innere Ruhe und Offenheit, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die schon von der Gesellschaft verdrängt werden.

Donnerstag, 08. Oktober 2015 um 20:00 Uhr, 1st Berlin CareSlam - Weil wir der Pflege eine Stimme geben, in 10243 Berlin, alte feuerwache, Marchlewskistraße 6 - U5 WeberwieseDonnerstag, 08. Oktober 2015 um 20:00 Uhr, 1st Berlin CareSlam – Weil wir der Pflege eine Stimme geben, in 10243 Berlin, alte feuerwache, Marchlewskistraße 6 – U5 Weberwiese

Das ist heute in vielen Fällen leider nicht der Fall. Nach wie vor herrscht das Bild des überforderten, und oft schlecht ausgebildeten Pflegers, der viel zu viele Patienten betreuen muss, wie zum Beispiel in einem Alters- oder Pflegeheim. Aber um diesem Berufsstand in seine Anerkennung anzuheben bedarf es natürlich auch die Anerkennung, nicht nur moralisch, ethisch sondern natürlich auch finanziell. Pflegekräfte müssen für ihre anspruchsvolle Arbeit auch den entsprechenden Lohn erhalten. Die niedrigen Löhne und oftmals Teilzeitarbeiten führen dazu, dass die späteren Renten der AltenpflegerInnen nicht einmal die Lebenshaltungskosten decken können. Und schon geraten auch sie in diese Spirale, dass sie später in der Altersarmut landen müssen, die nicht einen wirklich lebenswerten Lebensabend bescheren.

Pflegekräfte müssen für ihre anspruchsvolle Arbeit auch den entsprechenden Lohn erhalten.

Pflegende Angehörige

Auch sollte für Angehörige die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bessere Unterstützung erfahren. Noch sind es überwiegend die Frauen, die durch die häusliche Pflege die doppelt und dreifache Belastung auf sich nehmen. Nicht selten erfolgt auch hier der Einbruch in der eigenen Berufsbiografie. Auch hier herrscht eine deutlich soziale Ungerechtigkeit. Betroffene und pflegende Angehörige müssen über die Form der Pflege frei entscheiden können. Mittlerweile fordern viele ArbeitnehmerInnen – ähnlich wie junge Eltern – eine Pflegezeit für ihre kranken Angehörigen.

Im Gegensatz zu einem Kind, das in einem absehbaren Zeitraum in die Kita muss, ist der plötzliche Eintritt von schwerkranken Eltern nicht immer absehbar. Nicht selten ist auch hier die räumliche Distanz zu überwinden, eine „Pflegesensible Arbeitswelt“ sollte so gestaltet sein, dass sie die Beschäftigten nicht nur als Anbieter von Arbeitsleistung, sondern als Menschen mit Fürsorgeverpflichtung begreift.

Der Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit und das Pflegeunterstützungsgeld analog zum Kinderkrankengeld machen die politische Bereitschaft erkennbar, die Regelungen für Pflegende denen für Kindererziehende anzupassen. Wer eine längere Zeit für die Pflege von Angehörigen in seiner Erwerbstätigkeit Einschränkung bekommt, darf in Bezug auf die Höhe der Rentenanwartschaften keine Nachteile erleiden. Alles Punkte, die noch viel stärker in unserer Gesellschaft verankert werden sollten.

1st Berlin CareSlam am 8. Oktober in Berlin