Ein künstliches Kniegelenk sollte das letzte Mittel sein.Foto: iStock

Therapie nicht ausgereizt – jeder zehnte Knieersatz ist vermeidbar

Von 6. Dezember 2022
Hier eine neue Hüfte, dort ein künstliches Knie. Immer mehr Patienten legen sich mit der Hoffnung auf bessere Lebensqualität unters Messer. Alternative Therapiemöglichkeiten kommen gar nicht erst zur Sprache.

Manchmal kommen sie plötzlich und unerwartet, manchmal ist es ein schleichender Prozess der Überlastung. Die Ursachen von Knieschmerzen sind vielfältig. 17 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren leiden unter Schmerzen im Kniegelenk, wie aus einer Studie des Robert Koch-Instituts hervorgeht.

Der Anfang Dezember vorgestellte DAK-Versorgungsreport zeigt, dass die häufigste Ursache für wiederkehrende oder anhaltende Knieschmerzen eine degenerative Erkrankung des Kniegelenks ist – auch Gonarthrose genannt. Nicht selten steht am Ende des Krankheitsverlaufs die Implantation eines künstlichen Kniegelenks. Notwendig ist dies jedoch nicht immer.

Laut Statistischem Bundesamt stieg die Anzahl der Knieimplantate im Zeitraum von 2013 bis 2019 um mehr als ein Drittel von 143.000 auf 194.000. In den nächsten Jahren rechnen die Autoren des DAK-Reports mit einem weiteren Anstieg – zum einen wegen des steigenden Anteils älterer Menschen und zum anderen aufgrund des steigenden Anteils übergewichtiger Personen.

Der 180-seitige Bericht beklagt, dass empfohlene medizinische Leitlinien nicht genügend beachtet werden. Statt nicht-medikamentöse, konservative Behandlungsmethoden wie zum Beispiel Physiotherapie auszuschöpfen, werde hier zu schnell mit operativer Versorgung reagiert.

Dem Report zufolge haben 15 Prozent der Versicherten im Jahr vor einem Kniegelenkersatz keinen Behandlungskontakt zu niedergelassenen Orthopäden gehabt. Für sieben Prozent trifft dies auf die letzten fünf Jahre vor der Knieoperation zu.

Bei mehr als jedem Zehnten wurde in den fünf Jahren vor der Krankenhausaufnahme das Knie nicht geröntgt. 43,3 Prozent der Betroffenen erhielten in den fünf Jahren vor ihrem Knieersatz keinerlei physiotherapeutische Behandlungen.

Knieersatz zu oft und zu früh

Dabei wäre es laut den Autoren durch gezielte Versorgung der Patienten möglich, bis zu 11,5 Prozent der chirurgischen Eingriffe und damit jede zehnte Operation zu vermeiden und einen Knieersatz um durchschnittlich sieben Jahre hinauszuzögern.

Zudem ist es oft auch nicht mit der Erstimplantation getan. 5,3 Prozent der Versicherten müssen sich innerhalb von vier Jahren mindestens einem zweiten Eingriff unterziehen – bei jüngeren Versicherten zwischen 40 bis 60 Jahren liegt die Rate sogar bei 8,9 Prozent. Bei dieser Personengruppe wird auch deutlich häufiger (22,2 Prozent) ein weiteres Implantat am anderen Knie eingesetzt.

Im weltweiten Vergleich steht Deutschland laut einer OECD-Studie hinter der Schweiz, Finnland und Österreich an vierter Stelle, wenn es um den Einsatz künstlicher Kniegelenke geht. Während der Durchschnitt bei 137 pro 100.000 für Kniegelenkersatz liegt, lag der Wert in Deutschland (2019) bei 227.

Statt vorzeitig auf künstliche Gelenke zurückzugreifen, schlägt der DAK-Report drei Kernelemente als konservative Behandlungen der Kniebeschwerden vor: gezieltes körperliches Training, spezielle Schulungen für Patienten sowie Anleitung zur Gewichtsreduktion.

Der weltweit anerkannte und inzwischen verstorbene Kniespezialist Professor Hans Pässler riet dazu, einer OP-Empfehlung nicht blind zu folgen. „Es kann zum Beispiel viel nützen, den richtigen Sport zu wählen. Motto: Fahrrad fahren und schwimmen statt joggen und Tennis spielen“, so Pässler. Nach eigenen Angaben riet der Experte bei drei von vier empfohlenen Operationen ab. „Nur bei Wirbelsäulen- und Schultergelenkeingriffen ist meine Ablehnungsquote noch höher.“

Für einen geplanten Einsatz einer Knieendoprothese haben Patienten einen Anspruch auf eine Zweitmeinung, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung informiert. Als „Zweitmeiner“ kommen ausschließlich Orthopäden und Unfallchirurgen, Chirurgen mit Schwerpunkt Unfallchirurgie sowie Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin infrage. Mit ihm kann man nicht nur über die Notwendigkeit des Eingriffs, sondern auch über alternative Behandlungsmöglichkeiten sprechen.

 

 



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