Versorgung der Bevölkerung gefährdet: Kassenärzte warnen vor Run auf Praxen wegen Coronaverdacht

Epoch Times3. März 2020 Aktualisiert: 3. März 2020 14:51
Patienten mit Husten und Schnupfen sollen nicht aus Angst vor dem Coronavirus zum Arzt gehen: Eindringlich mahnen Deutschlands Kassenärzte zur Gelassenheit. Sie fürchten um die Versorgung.

Deutschlands Kassenärzte warnen eindringlich vor unnötigen Praxisbesuchen wegen des neuen Coronavirus. Andernfalls sehen sie die Versorgung der Bevölkerung als gefährdet an.

„Umfangreichere Testung von klinisch Gesunden ist medizinischer Unfug“, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, am Dienstag in Berlin. Selbst wenn jemand bei sich selbst Coronaverdacht habe, „dann sollte er nicht irgendwo hinrennen“, mahnte Deutschlands oberster Kassenarzt.

Tests seien nur sinnvoll, wenn jemand Symptome einer Erkrankung der oberen Atemwege aufweise und in einem Risikogebiet war oder womöglich Kontakt zu einer Kontaktperson eines Infizierten gehabt habe. Es gebe in Deutschlands einschlägigen Laboren Kapazitäten für rund 12.000 Tests pro Tag. Jede Haus- und Kinderarztpraxis könne einen Test per Rachenabstrich machen. Die Bezahlung durch die Kassen sei geklärt.

Die Unternehmen rief die KBV auf, Beschäftigten im Krankheitsfall vorübergehend zu erlauben, länger als die üblichen drei Tage ohne Krankenschein zu Hause zu bleiben. Die Karenzzeit solle erhöht werden – beispielsweise auf sechs Tage.

Es gebe viel Verunsicherung, sagte Gassen. „Das ist aus unserer Sicht wirklich nicht gerechtfertigt“, betonte der KBV-Vorsitzende. So gebe es bislang 98.500 bestätigte Influenza-Fälle mit rund 1000 Toten in der laufenden Grippesaison. In der vergangenen Woche seien in 60 Prozent der dafür geeigneten Labore 11.000 Tests auf das Coronavirus gemacht worden – bis Dienstagvormittag wurden aber lediglich 188 Sars-CoV-2-Infektionen erfasst.

Bürger mit Husten und Schnupfen sollten zunächst einfach zu Hause bleiben, sagte KBV-Vize Stephan Hofmeister. Andernfalls sei die Gefahr groß, „dass uns irgendwann die Player im Gesundheitswesen fehlen“. Hofmeister:

Wir haben einen Regelbetrieb zur Versorgung kranker Menschen aufrecht zu erhalten.“

Eine größere Vermischung der Patienten mit anderen Erkrankungen mit Corona-Verdachtsfällen müsse nach Möglichkeit verhindert werden.

Hotline anrufen

Auf jeden Fall sollten deshalb Menschen, die selbst einen Verdacht auf Coronavirus bei sich hätten, zunächst bei der Praxis oder der Arzthotline 116117 anrufen. Denn in den meisten Fällen verliefen Infektionen mit dem Coronavirus milde.

Wenn aber ein Test in einer Praxis erst einmal positiv ausfalle, könnte die Praxis vom zuständigen Gesundheitsamt vorübergehend aus Gründen des Seuchenschutzes geschlossen werden. So seien im besonders betroffenen NRW-Landkreis Heinsberg Praxen geschlossen worden. „Und genau das wollen wir vermeiden“, sagte Hofmeister.

Heinsberg ist ein warnendes Beispiel.“

Mehr Patienten als üblich kämen in die Praxen, sagte Hofmeister. Gassen teilte mit, dass am vergangenen Samstag 80.000 Menschen die 116117 angerufen hätten, am Sonntag 65 000. Das seien doppelt so viele wie sonst. Die Wartezeit betrage im Schnitt 60 bis 90 Sekunden.

Auch Infizierten liefen nicht schnell Gefahr, schwer krank zu werden, unterstrich Gassen.

Es ist keine Erkrankung, bei der Sie vom frühen Morgen bis zu den Mittagsstunden körperlich verfallen.“

Ärzte, die nun verstärkt Videosprechstunden anböten, täten dies wohl vor allem aus Marketinggründen, so Gassen. „Der Mehrwert gegenüber einem Telefonat ist exakt Null.“

Handlungsbedarf sehen die Praxisärzte beim Nachschub an Schutzausrüstung. „Der Grundbestand, über den die niedergelassenen Kollegen in ihren Praxen verfügen, wird bundesweit nicht ausreichen, wenn die Zahl der Verdachtsfälle steigen wird“, sagte Gassen der Deutschen Presse-Agentur. Man sei daher im Gespräch mit dem Bundesgesundheitsministerium und allen Beteiligten, um rasch Abhilfe schaffen zu können. Auf die Frage, ob die Praxen die Lage insgesamt bewältigen könnten, sagte der Kassenärzte-Chef: „Ein klares Ja!“ (dpa)

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