Warum Männer früher sterben

Von 20. Februar 2006 Aktualisiert: 20. Februar 2006 20:16
Genetik, Risiken und Unvernunft im Fokus der Wissenschaft

Eine eindeutige oder gar knappe Antwort auf diese Frage gibt es noch nicht. Ein paar Aspekte erläutert Prof. Elmar Brähler, Leiter der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.

Wie viel früher sterben die Männer denn?

In Deutschland werden Frauen derzeit durchschnittlich 81 Jahre alt, die Männer hingegen nur knapp 75. In den meisten Industrienationen mit einem entwickelten Gesundheitswesen ist das ähnlich. In der dritten Welt, wo insbesondere die medizinische Versorgung von Mädchen und Frauen schlecht ist, sterben Männer und Frauen etwa gleich jung. Der dramatischste Unterschied ist jedoch seit rund 15 Jahren in Russland und Weißrussland zu registrieren. Dort werden Frauen im Durchschnitt 68 bis 69 Jahre alt, während die Männer schon zehn Jahre früher sterben und damit beispielsweise noch vor ihren Geschlechtsgenossen in Indien. Neugierig machen sollte uns Japan, wo die Menschen nicht nur generell sehr alt werden und prozentual die meiste Zeit behinderungsfrei genießen, sondern die Männer fast ebenso lange leben wie die Frauen.

Hierzulande haben Frauen sechs Prozent mehr Lebenszeit. Sind die ein Geschenk der Natur oder haben sie sich die verdient?

Beides. Das Leben eines Mannes ist riskanter. Und das schon von Anbeginn an. Gleichzeitig mit 100 weiblichen Embryos werden 120 bis 130 männliche gezeugt; gleichzeitig mit 100 Mädchen erblicken 105 Knaben das Licht der Welt. Aber schon bei den über 65-Jährigen – da klammere ich also bereits die Kriegsgeneration aus – machen die Frauen 60,5 Prozent der Bevölkerung aus. Welche rein biologischen Dinge da eine Ursache sind und was aus dem Rollenverhalten resultiert, konnte bislang noch niemand genau abgrenzen. Fest steht, dass Männer durch ihren Alltag häufiger Unfälle erleiden, durch den Beruf mehr Gefahren ausgesetzt sind und auch, dass sie in jedem Lebensabschnitt häufiger den Ausweg des Suizids suchen. Das potenziert sich durch die ungesündere, sorglosere Lebensweise des Durchschnittsmannes: Er trinkt mehr Alkohol, isst fettiger, raucht häufiger, geht seltener zum Arzt, nutzt deutlich weniger die Angebote zur Vorsorgeuntersuchung?

Die Pluspunkte der Frauen andererseits sind ebenfalls noch relativ unklar. Zweifellos war die Entbindung eine der gefährlichsten Situationen in ihrem Leben. Allerdings ist nicht zu sagen, inwieweit Mutterschaft oder Menstruation im Gegenzug gesundheitsförderlich sind. Über protektive Faktoren wird derzeit viel spekuliert. Fest steht, dass sich die Frau mehr um ihre Gesundheit kümmert.

Wie aber kann man beweisen, dass die sorglose Lebensweise des Durchschnittsmannes Lebensjahre kostenden Auswirkungen hat?

Es gibt da eine Studie, die ich besonders liebe, die so genannte Klosterstudie. Mönche und Nonnen – also Menschen die in Sachen Alkohol, Rauchen, Stress, Ernährung, soziale Strukturen unter ähnlichen Umständen leben – erreichen fast das gleiche Alter.

Die Lebenserwartung beider Geschlechter steigt. Ein Mädchen, das heute in Deutschland geboren wird, hat gute Chancen, einhundert Jahre alt zu werden, ein Junge 95. Ist das ein beständiger Trend?

Die Hypothesen überschlagen sich. Manche Experten meinen, dass die Lebenserwartung mit jedem Jahr, das ein Kind später geboren wird um zwei Monate steigen könnte. Ich bin da sehr vorsichtig, denn es gibt auch gegenläufige Tendenzen. Hierzulande wuchs noch nie eine Kinder-Generation heran, die im Durchschnitt so übergewichtig und so träge war wie die heutige. Wir wissen nicht, wie es den Computer-Spielern und Chips-Vertilgern in 50, 60 oder 70 Jahren gehen wird. Es ist auch zu befürchten, dass Aspekte wie das Bildungsniveau sich künftig noch stärker aus Gesundheit und Lebenserwartung auswirken werden.

Was die Männer und die Frauen betrifft, deutet sich innerhalb der derzeit allgemeinen Erhöhung der Lebenserwartung eine Annäherung an. Die heute 70jährigen Männer sind ebenso fit wie ihre Frauen. Der Anteil der Pflegebedürftigen ist inzwischen etwa gleich. Möglicherweise fruchten die Bemühungen, auch die Männer zu gesundheitsbewusstem Leben anzuregen. Aber gleichzeitig müssen wir feststellen, dass sich die Frauen auch in einigen Dingen an den Männern ein Beispiel nehmen, in Sachen Rauchen zum Beispiel.

An der Universität Leipzig gibt es ein Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung, in dem auch Ihre Abteilung mitwirkt. Welche Forschungsschwerpunkte werden dort aktuell gesetzt?

Dadurch dass wir fachbereichsübergreifend arbeiten, sind es sehr viele. Wir arbeiten derzeit zum Beispiel an einer Studie, die solche Frage beantworten soll wie: Wann gehen Männer und wann gehen Frauen zum Arzt? Früher wurden Frauen häufiger krankgeschrieben als Männer, das hat sich ausgeglichen – warum? Eine andere Studie hinterfragt, ob es sinnvoll ist, Männern ab 40 das Hormon Testosteron zu verabreichen. Wir befinden uns hier auf einem Forschungsgebiet, in dem noch viele Fragen offen sind. (sfr / idw-online)

 


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