Das Gasteiner Tal im Krampusfieber

Mit der Wucht einer Naturgewalt zeigen wilde Gestalten der politischen Korrektheit alljährlich die Zähne.

Die Hölle auf Betriebsausflug? Fast so, als hätten sich die Schlünde der Unterwelt auf ein geheimes Kommando hin geöffnet und Rotten illustrer Gestalten ausgespuckt. Eigens dazu ins Diesseits berufen, um mit Furcht erregendem Aussehen und Ohren betäubendem Lärm den ihnen begegnenden Menschen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Mit ihren wüst dreinblickenden Augen, ihren gefletschten Zähnen und ineinander verwachsenen Hörnern. Als habe sich der Leibhaftige mit seiner Entourage persönlich hierher auf den Weg gemacht?

Unüberschaubar die Anzahl der in wildem Ungestüm agierenden Gesellen, die alljährlich zum Nikolaustag  wie Naturereignisse über das Gasteiner Tal im Salzburger Land herein brechen. Und bei jedem ihrer Auftritte auf den Straßen und Plätzen des Tales emotionale Fieberschübe auslösen. Auch das Innere der Wohnhäuser bleibt nicht verschont, wenn die hoch aufragenden Zwei-Meter-Kerle sich in gebeugter Körperhaltung durch viel zu kleine Hauseingänge einen Zugang zum Privatbereich der Talbewohner verschaffen. Und auch hier mit ihrem draufgängerischen Auftreten zeigen, wer in diesen Minuten bangen Hoffens der wahre Herr im Haus ist.

Animalische Erotik

Clemens Hübsch, einer der angesehensten Maskenschnitzer im Gasteiner Tal, kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Gehört es doch zu seinen Aufgaben, mit traditioneller Kunstfertigkeit den Furcht erregenden Krampussen des Gasteiner Tales ein standesgemäßes Aussehen zu verleihen. Denn im wüsten Getümmel des Krampus-Auftritts scheint es vor allem auf einen Aspekt anzukommen: die unverstellte Männlichkeit.

Maskenschnitzer Clemens Hübsch mit MaskeMaskenschnitzer Clemens Hübsch mit MaskeFoto: Bernd Kregel

Sich hinter der Maske des Abscheulichen einmal im Jahr unkontrolliert in animalischer Erotik ausleben zu dürfen, das scheint ungeahnte Kräfte zu mobilisieren, mit deren Hilfe viele über sich selbst hinaus wachsen. Denn allein das Gewicht des Kostüms erfordert einen erheblichen Kräfteeinsatz. Ebenso das ausgelassene Agieren, das zur traditionellen Krampus-Rolle zwingend dazu gehört.

Adoption des Nikolaus

Wie nicht anders zu erwarten, konnte ein solch wildes Treiben bereits der christlichen Kirche des Mittelalters nicht sonderlich gut gefallen. Das Verbot der alten keltischen Tradition stand daher zu befürchten und ein Kunstgriff musste her! Der bestand darin, so Krampus-Experte Clemens Hübsch, den Heiligen Nikolaus, den wohl berühmtesten und einflussreichsten aller Heiligen, selbstbewusst zu adoptieren und ihn an die Spitze der wilden Gruppen zu setzen. Welcher christliche Würdenträger hätte gegen eine solche Demutsgebärde noch etwas einwenden können?

Alphornbläser vor WeihnachtskrippeAlphornbläser vor WeihnachtskrippeFoto: Bernd Kregel

Umgekehrt war auch der Weg frei für eine Entwicklung in der anderen Richtung. Denn schon bald bestand die Pflicht der Krampusse nicht mehr ausschließlich darin, vorchristliche böse Geister zu vertreiben. Vielmehr fiel ihnen nun die Aufgabe zu, sich dem Heiligen Nikolaus unterzuordnen und in seinem Auftrag die christliche Botschaft und deren Moral gegenüber allen zu verteidigen, die sich ihr verweigerten. Die „Kramperl“, wie sie bald liebevoll genannt wurden, demnach als Verteidiger des Guten gegenüber dem vermeintlich Bösen?

Gute alte Zeit

Eine Sichtweise, die man im Gasteiner Tal bis heute schätzt und die die Beliebtheit der zahlreichen „Krampus-Passen“ begründet. So die Bezeichnung der Grüppchen und Gruppen, jeweils angeführt vom Nikolaus. Und dieser wird begleitet von einer lichten Engelsgestalt sowie einem Korbträger, in dessen Rückentrage all die mitgebrachten Geschenke verstaut sind.  

Hans Naglmayr, Ranger im angrenzenden Nationalpark Hohe Tauern, kennt das Gasteiner Tal wie kein Anderer und hält für den Nikolaustag eine zusätzliche Überraschung bereit. Es ist ein Abstecher in das kleine Kötschachtal. Eine malerische ländliche Umgebung, in der bei einer Höhenlage von über tausend Metern der Schnee zumeist länger liegen bleibt als weiter drunten im Tal. Auf einem der Bauernhöfe glaubt man sich an diesem hohen Feiertag in der Tat zurückversetzt in die längst vergangen geglaubte „gute alte Zeit“.

Banges Hoffen

Mit spürbarem Herzklopfen sitzen die Kinder in Erwartung des Heiligen Nikolaus auf einer langen Bankreihe. In bangem Hoffen, ob beim anstehenden Jahresrückblick eher Lob oder Tadel im Vordergrund stehen wird. Schon kommt er mit wehendem Mantel angestapft durch den hohen Schnee an der Spitze seiner illustren Gefolgschaft.  Aus sicherer Entfernung auch vorsichtig gemustert von den Blicken all derer, die es bevorzugen, bei dem stets vorhandenen Restrisiko lieber verborgen zu bleiben.

Die Zeremonie kann beginnen, bei der den Kindern ein kleines Gedicht oder der Vortrag eines Liedes abverlangt wird. „Nicht so falsch!“ ruft der Heilige Mann der „Kühkar-Pass“, der beim gemeinsamen Gesang die Maßstäbe für harmonischen Wohlklang wieder zurecht rückt. Kleine Geschenke gibt es aber trotzdem, bevor die Krampusse ihres Amtes walten. Vor allem dadurch, dass sie einigen der Kinder, zweifellos auf einem Nebenpfad moderner Pädagogik, einen gehörigen Schrecken einjagen. Doch das gehört hier offensichtlich dazu, scheint doch jedes von ihnen zu ahnen, wer sich hinter diesen Furcht erregenden Masken in Wirklichkeit verbirgt.

Bannen des Bösen

Und so wird das Krampusfieber sicherlich auch noch die nachfolgenden Generationen befallen, wenn die rauen Gesellen um den Nikolaustag herum als die Vorboten der Bergweihnacht in Erscheinung treten. Und sich auf Geheiß des Heiligen Nikolaus anschicken, mit ihrem engagierten Einsatz das von sündhaften  Menschen praktizierte Böse für die kostbarsten Tage des Jahres zu bannen.

Quelle: https://www.epochtimes.de/lifestyle/unterhaltung/das-gasteiner-tal-im-krampusfieber-a1290932.html