Die Seele der Franche-Comté: Wiederentdeckung einer Vorzeige-Region + Fotogalerie

Von 25. Mai 2016 Aktualisiert: 7. Juli 2016 18:17
Am Rande der Vogesen und des Jura faszinieren die Besonderheiten des französischen Grenzgebiets mit Belfort und Montbéliard.

Es ist das größte Löwenrudel der Welt, größer noch als irgendwo in der afrikanischen Savanne. Mit spitzen steinernen Krallen und gefletschten Zähnen hat es sich im Schatten der Kathedrale von Belfort über die schmucken Häuserfassaden der Altstadt verteilt. Und dies gleich in mehr als hundertfacher Ausfertigung, teils listig verborgen im Mauerwerk oder aber mit offen zur Schau gestelltem Imponiergehabe. Jedes der Tiere dabei beseelt von der Absicht, jeder ungerechtfertigten Annährung umgehend Einhalt zu gebieten.

Und doch sind sie selbst in ihrer Gesamtheit leicht zu übersehen, lässt man den Blick hinauf schweifen zu dem „Löwen von Belfort“, der sie alle überragt. Am schroffen Felsabhang unterhalb der mächtigen Festung hat er in der widersprüchlichen Pose der trauernden Unbesiegbarkeit auf seine Vordertatzen aufgestützt Stellung bezogen. Wohl um damit zum Ausdruck zu bringen, dass im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 der Verteidigungswille der Festung erst auf höhere politische Weisung aus Paris beendet wurde.

Kulturelle Ausstrahlung

Dennoch stand die Franche-Comté von ihrem Bekanntheitsgrad lange Zeit nicht in der ersten Reihe der französische Regionen. Irgendwo gelegen zwischen Landesteilen mit wohlklingenderen Namen wie Elsass und Burgund wollte auf dem Weg der Reisenden in den sonnigen Süden eher die Funktion einer Übergangsregion zu ihr passen. Völlig zu Unrecht, wie schon der iroschottische Missionar Columban bemerkte. Denn dieser erachtete den Ort Luxeuil-les Bains für würdig, dort eine berauschend schöne gotische Kathedrale zu errichten, deren kulturelle und spirituelle Ausstrahlung noch heute spürbar ist.

Kulturelle Akzente setzt auch die Festungsstadt Belfort mit ihren alljährlich stattfindenden Großereignissen. So dem seit drei Jahrzehnten bewährten internationalen Musikfestival, bei dem 2500 Musiker aus allen Kontinenten hierher zusammen strömen. Vier Tage lang bringen sie an allen verfügbaren Aufführungsstätten die Kabinettstücke ihres Repertoires zu Gehör. So mit Hingabe der Studentenchor der Universität Shanghai, der nicht ohne die Zugabe eines bezaubernden „Ave Maria“ von den Zuhörern entlassen wird.

Städtisches Schmuckkästchen

Und doch ist nicht zu leugnen, dass Belfort eine ernst zu nehmende Konkurrentin fürchten muss. Es ist die Stadt Montbéliard, die von ihrem äußeren Erscheinungsbild einem Schmuckkästchen entnommen zu sein scheint mit ihren wunderbaren Stufengiebeln, einem ansehnlichen Marktplatz und üppigen Blumenanlagen. In der Farbigkeit ihrer Gesamtanlage erinnert die Altstadt gar an die romantischen Städtchen zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Dieser Eindruck täuscht nicht. Denn es gehört zu den historischen Eigenarten dieser Region, dass sich zur Renaissancezeit das Haus Württemberg hier einheiratete und  vierhundert Jahre lang die Geschicke dieses Landstriches selbst gegen die Einflussnahme der Pariser Zentralgewalt bestimmte. Besonders die Übernahme der lutherischen Reformation durch das Haus Württemberg war manchem französischen Herrscher ein Dorn im Auge.

Zentrum für Menschenrechte

Nicht hingegen den Abweichlern von der reinen katholischen Lehre, die als Wiedertäufer oder Mennoniten die Schweiz verlassen mussten. Hier fanden sie einen sicheren Unterschlupf und verstanden es, sich mit einer effektiven Landwirtschaft unverzichtbar zu machen. So erklärt es André Alix, der Präsident der landwirtschaftlichen Kooperative in der gut bestückten Käserei Denn die profitiert noch heute mit Käsesorten wie dem „Le Wurtemberg“ von den soliden agrarischen Kenntnissen und Techniken der „ketzerischen“ Vorfahren.

Käseladen einer Kooperative bei MontbéliardKäseladen einer Kooperative bei MontbéliardFoto: Bernd Kregel

Vielleicht war es diese Art protestantischer Toleranz, die auch an anderer Stelle das Augenmerk auf die Menschenrechte richtete. So in dem kleinen Ort Champagney, wo die Landwirte unter aufgeklärter Anleitung ein Schreiben an König Ludwig XVI. richteten, und ihn darin um die Abschaffung der französischen Sklaverei in Übersee nachsuchten.

Kulinarischer Höhepunkt

Schließlich wollte man auch selbst ein wenig leben „wie Gott in Frankreich“. Am besten mit einem guten Tropfen vom Rebstock oder – noch konzentrierter – vom Obstbaum. Der Ort Fougerolles ist noch heute ein Zentrum des Hochprozentigen, der vor allem aus Kirschen in riesigen Destillieranlagen gewonnen wird. Unglaublich, so Brennereiexperte Hugues de Miscault, in welchen Mengen dieser Obstschnaps einst konsumiert wurde.

Seine Führung durch den „Garten der Grünen Fee“ verdeutlicht, welche Rolle das heute eher unbedeutende bis unbekannte Kraut des Absinth bei dem Produktionsprozess spielte. Zwischendurch verboten wegen toxischer Gefahren, hat man die Auswirkungen heute wieder voll im Griff. So gehört das Kraut erneut zu den kulinarischen Höhepunkten der heimischen Schnapsbrennerei.

Gott in Frankreich

Fachmännische Absinth-ZubereitungFachmännische Absinth-ZubereitungFoto: Bernd Kregel

Der Genuss eines guten Tropfens steht jedoch keinesfalls im Widerspruch zu einer höheren Spiritualität. Eines der weltweit angesehensten Bauwerke ist die Chapelle de Ronchamp, einer der großen Würfe modernen Kirchenbaus. Auf kleinstem Raum gestaltete Stararchitekt Le Corbusier in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Musterbeispiel moderner Architektur, das durch seine Schlichtheit besticht und zur Meditation einlädt.

Gleichsam eine innerliche Vorbereitung auf die körperliche Entspannung, die die „Cabanes des Grands Reflets“ in Joncherey für ihre Besucher bereithalten. Errichtet auf Stelzen in Ufernähe eines Sees oder eingearbeitet in die Baumwipfel eines angrenzenden Wäldchens, lässt sich in ihnen die Zeit vergessen. Besonders in den mit angenehm temperiertem Wasser gefüllten Holzzubern, begleitet vom Gesang der Vögel in den Ästen ringsum. „Gott in Frankreich“? Der würde sich hier sicherlich ebenso wohl fühlen.

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